Wer sind wir?

„Wer sind wir?“ fragte der bekannte tschechische Philosoph Erazim Kohák jüngst in der Kulturbeilage einer Prager Tageszeitung, und meint damit die Tschechen. Es folgen sehr interessante historische Überlegungen. Zum Beispiel darüber, dass die Herausbildung einer tschechischen Nation keineswegs selbstverständlich war, sondern sogar eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher, schreibt Kohák, wäre ihr Verschwinden im „deutschen Meer“ ringsherum gewesen.

Doch die Vertreter der so genannten „Nationalen Wiedergeburt“ sorgten Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts für ein Erstarken des tschechischen Selbstbewusstseins, und deshalb gab es die „Idee der tschechischen Nation“ noch vor ihrer Entstehung. Klar, dass die eigene Unwahrscheinlichkeit das kollektive Bewusstsein prägt – oder eher das kollektive Unterbewusstsein.

Vielleicht aber sind wir, so Kohák weiter, vor allem Vertreter des Homo oeconomicus. Verbraucher, die sich die Frage nach ihrer Identität gar nicht mehr stellen, die durch weitgehend sinnfreies Konsumverhalten den Vorwand für immer mehr Produktion abgeben, und damit auch Motor sind im ewigen Kreislauf der Gewinnmaximierung. Jetzt meint Kohák sicher nicht mehr nur die Tschechen. Aber eben auch.

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission „Wer sind die Tschechen?“ fragte nur wenige Tage später das Wochenmagazin Týden in seiner Coverstory. Untertitel: „Der durchschnittliche Tscheche ist eine begehrte Ware.“ Hintergrund: Marktstrategen orientieren sich gerne an Otto Normalverbraucher, der in Tschechien Herr Novák heißt. Herr Novák, analysiert „Týden“, lebt in einer Stadt mit weniger als 100.000 Einwohnern, steht zwischen fünf und sechs Uhr morgens auf und fährt einen Škoda Fabia. Beim Essen gilt in erster Linie: Hauptsache viel, die Qualität ist wurst, und deshalb ist Herr Novák auch ein bisschen zu dick. Ach ja, und das wichtigste: Um 18.12 Uhr trinkt Herr Novák das erste Bier.

Ob aus philosophischem Interesse an der Identität oder aus wirtschaftlichem Interesse am Markt: Nabelbeschau ist ein beliebter Sport, nicht nur in Tschechien. Aber muss das „wir“ immer gleich eine Nation sein? Wer sind zum Beispiel „wir“, die wir aus Deutschland oder Österreich oder der Schweiz nach Prag gekommen sind und schon seit Jahren hier leben? Sind wir Tschechen? Eher nicht. Prager? Wahrscheinlich. Europäer? Das mit Sicherheit.

Apropos Europa: Wer sind eigentlich die Fußballfans, die in den EM-Fanzonen allabendlich die Sportreporter umringen, ihre zu wilden Grimassen verzerrten Gesichter vor die Kameras schieben und wie besinnungslos in die Mikrophone kreischen? Ihr Verhalten ist eigentlich immer gleich, ihre Nationalität jedoch nicht. Die Farben in ihren Gesichtern verraten das.