60 Jahre Kriegsende: Der Jude Michal Salomonovic erinnert sich

18-06-2005

Anstatt zur Schule zu gehen und in der Freizeit auf Bäumen zu klettern oder dem Fußball nachzujagen, wurde der tschechische Jude Michal Salomonovic in der Kindheit mit seiner Familie von einem KZ zum nächsten deportiert, ehe man ihn als Zwölfjährigen zur Zwangarbeit in eine Munitionsfabrik nach Dresden steckte. Hier erlebte er auch in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 die Zerstörung der Elbmetropole durch die angloamerikanischen Bomber mit - eine Zerstörung, die für ihn und viele seiner Leidensgenossen den Anfang vom Kriegsende einläuten sollte. Denn nur wenige Wochen später gab die SS den verwüsteten Produktionsstandort Dresden auf und trieb die Zwangsarbeiter zum Abmarsch gen Westen zusammen. Michal Salomonovic erinnert sich:

"In Dresden haben wir auf der Schandauer Straße gearbeitet. Das war dann viel besser als in Auschwitz oder in Stutthof, denn es gab schon etwas mehr zu essen. Hauptsächlich mussten wir dort produzieren. Aber nach dem Angriff war die Fabrik teilweise zerstört, der Oberteil war verbrannt, und da haben wir ein paar Tage Aufräumungsarbeiten gemacht. Danach sind wir über Pirna entlang der Elbe marschiert. Die SS wollte, dass wir nach Westen kommen, denn die Nazis haben große Furcht vor den Russen gehabt, und da wollten sie eher in die Hände der Amerikaner gelangen. Dresden war nämlich ein Nebenlager von Flossenbürg - Flossenbürg wiederum ist eine Stadt an der deutsch-tschechischen Grenze. Wir gingen in einem so genannten Hungermarsch, es gab immer wieder Luftangriffe, wobei ein Flugzeug den Vorderteil der Kolonne beschossen hat. Man sagte uns: ´Versteckt euch, schnell!´ Da lagen wir nun in einem Graben neben der Straße, und wir blieben auch liegen. Inzwischen trieb die SS die Leute wieder an mit ´Weiter, weiter, schnell, schnell´, doch wir sind liegen geblieben. Dadurch ist es uns gelungen, wegzulaufen. Danach sind wir durch den Wald gegangen und bald darauf schon zu tschechischen Bauern ins ehemalige Protektorat gelangt. Sie haben uns Kartoffeln gegeben, denn wir waren sehr schlank. Nach der Befreiung kamen die Amerikaner und wir wurden mit dem Roten Kreuz nach Hause nach Ostrau gebracht. Wir kamen nach Ostrau, aber niemand hat uns schon erkannt. Die Einwohner meinten, wir seien Bettler, sowohl die Nachbarn als auch die Anderen."

Erst nach und nach kam Michal Salomonovic wieder zu Kräften, absolvierte im Schnelldurchlauf seine restliche Schulbildung und lebt heute als Rentner und Mitglied der Jüdischen Gemeinde Ostrava in seiner nordmährischen Heimatstadt.

18-06-2005