Die Tschechen stehen den Lausitzer Sorben am nächsten

17-09-2006

Im südöstlichen Sachsen, nahe der Grenze zu Tschechien und Polen, lebt eine der vier nationalen Minderheiten Deutschlands: die Lausitzer Sorben. Jahrhunderte lang hatten sie ein enges Verhältnis zu Böhmen, und diese Partnerschaft half ihnen, ihre Kultur und Identität zu bewahren. Heute ist das nicht anders, wie Jakub Siska im folgenden Beitrag berichtet.

Die Sorben, manchmal auch Wenden genannt, und die Tschechen sind Nachfolger der alten slawischen Stämme, die vor mehr als 1000 Jahren Mitteleuropa bewohnten. Sie waren damals auch verwandtschaftlich verbunden: Die Mutter des heiligen Wenzels, des tschechischen Nationalen Hauptpatrons aus den 10. Jahrhundert, gehörte zu einem slawischen Stamm aus der Nähe von Berlin. Kein Wunder, dass die böhmischen Könige mit dem deutschen Reich um das Lausitzer Gebiet kämpften: zur Zeit der Luxemburger wurde Lausitz sogar ein Bestandteil des böhmischen Königreichs, erklärt Josef Lebeda von dem Freundeskreis Lausitz:

"Johann von Luxemburg nahm Bautzen 1320 ein. Damit stand ein bedeutender Teil der Lausitz unter seiner Herrschaft. Sein Sohn Kaiser Karl IV. ordnete den deutschen Kurfürsten an, die slawische Sprache ihrer Hörigen zu lernen und auch ihre Kinder in diesem Sinne zu erziehen. Diese Verhältnisse dauerten bis 1635, wann die Habsburger die Lausitz an das protestantische Sachsen abtraten. Sie behielten sich aber vor, dass das Gebiet westlich von Bautzen katholisch bleiben sollte und die dortigen Gemeinden von nun an dem Kloster Marienstern zugehören sollten. Diese Katholiken blieben dem Prager Erzbischof untergeordnet."

Die Sorben hinterließen auch später in der tschechischen Geschichte ihre Spuren. So z.B. der Bildhauer Macij Wjaclaw Jakula, dessen Werke man auf der Prager Karlsbrücke bewundern kann, oder Hofdichter von Rudolf II., Jan Bok. 1704 gründeten die Lausitzer Brüder Simanec eine Stiftung und bald danach auch einen Wohnheim mit Bibliothek für die Lausitzer Studenten in Prag. So entstand das bekannte Lausitzer Seminar.

Lausitzer Seminar (Foto: Kristýna Maková)Lausitzer Seminar (Foto: Kristýna Maková) "Der Zweck des Seminars war, in jedem Jahr 12 armen Lausitzer Jungen das Studium der Theologie zu ermöglichen. Die Absolventen kehrten nach der Priesterweihe in ihre Heimat zurück und predigten dort in ihrer Muttersprache. Der Grossteil der sorbischen Intellektuellen im 18.und 19. Jahrhundert studierte am Lausitzer Seminar. Sie arbeiteten dort oft mit den tschechischen nationalen Erweckern zusammen. Das Seminar finanzierte sich jedoch ausschließlich aus sorbischen Mitteln. Die Tschechen gaben zwar ihre moralische Unterstützung, dass ein Tscheche jedoch einen bedeutenden Beitrag leistete, davon ist nichts bekannt."

Das Seminar bestand bis 1922. Damals wurde das Bistum im Lausitzer Meissen neu gegründet und der dortige Bischof Schreiber entschloss sich, mit dem "slawischen Winkelzügen" Schluss machen. Die tschechoslowakische Regierung verpflichtete sich danach, jährlich ein paar Stipendien an sorbische Studenten an Prager Universität zu vergeben. Sie hielt diese Zusage bis 1938. Zu den großen Freunden von Lausitzer Sorben gehörte auch der tschechoslowakische Präsident Tomas Garrigue Masaryk. Als nach dem Ersten Weltkrieg Europa neu aufgebaut wurde, lag ihm das Schicksal der kleinsten slawischen Nation sehr am Herz. Wieder Josef Lebeda:

"Tomas Garrigue Masaryk empfahl in seinem für die Versailler Konferenz geschriebenen Werk ´Neues Europa´, die Lausitz entweder der Tschechoslowakei anzuschließen, oder einen neuen selbstständigen Staat zu schaffen. Dieser Staat wäre ähnlich groß wie Luxemburg. Masaryk gab dieses Werk in vielen Sprachen einschließlich Sorbisch heraus. In der sorbischen Version ließ er aber die Erwähnung aus, dass der Gerechtigkeit wird wahrscheinlich nicht Genüge getan würde, da Deutschland wohl keinen neu gegründeten Kleinstaat in Schussnähe von Berlin akzeptieren würde."

Über die Vereinigung der Lausitz mit der Tschechoslowakei wurde auf der Versailler Konferenz ernsthaft gesprochen. Diesen Vorschlag machte als "Lausitzer Memorandum" Adolf Cerny, Professor der sorbischen Sprache an Prager Universität. Er argumentierte, dass die kleine slawische Minderheit innerhalb des deutschen Meeres der dauerhaften Germanisierung standhalten muss und dass der befreundete slawische Staat ihre Identität am besten gewährleisten könne. Dagegen sprach sich vor allem Großbritannien mit dem Argument aus, dass die Sorben keine fremden Legionen während des Krieges geschaffen und nicht für ihre nationalen Rechte gekämpft hätten. Diese Behauptung war aber laut Josef Lebeda nicht ganz richtig:

"Die Lage der Lausitzer Sorben war dem Westen bekannt. Sie mussten - ähnlich wie Tschechen und Slowaken - für Deutschland, also für einen ungeliebten, sogar feindlichen Staat kämpfen. Es waren aber sehr wenige und sie waren noch dazu in der Armee weit verstreut, sodass sie keine Chance hatten, sich für eine Revolte zu organisieren. Dass musste z.B. Professor Jobson aus Oxford Universität wissen, denn er betreute die Korrespondenz der in Britannien gefangenen sorbischen Soldaten."

Symbol der Lausitzer SorbenSymbol der Lausitzer Sorben Die Tschechoslowakei war nach dem Krieg in einer schwierigen Lage und musste sogar ihre Grenzen mit Waffen verteidigen. Daher verzichtete sie auf den Anschluss der Lausitz. Die Kontakte zwischen Sorben und Tschechen setzten aber fort. Präsident Masaryk unterstützte sorbische Aktivitäten auch in den 20er Jahren. Zwei offizielle Besuche führten ihn in die Lausitz. Der Tschechoslowakische Rundfunk sendete regelmäßig auch auf Sorbisch. An der Prager Universität entstand ein Lehrstuhl für die sorbische Sprache, deren Leiter Prof. Pata 1942 von den Nazis hingerichtet wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich das sorbische Leben vor allem in Nordböhmen, das an die sächsische Lausitz grenzt. Es kamen viele Sorben aus Deutschland und in 3 Städten wurden sogar sorbischen Gymnasien gegründet. Mit dem Aufstieg der Kommunisten ging aber alles zu Grunde, nur der Freundeskreis Lausitz durfte in beschränktem Maße weiterarbeiten. Dieser knüpft seit der Wende 1989 wieder an die reiche Geschichte an. So gibt er z.B. den Tschechisch-Lausitzer Anzeiger wieder regelmäßig heraus, erläutert Lebeda:

"Dieser Anzeiger mit einer Auflage von 400 Exemplaren bringt jeden Monat Nachrichten, Gespräche, und Artikel zur Lausitzer Thematik. Zu seinen Aufgaben gehört auch die Präsentation von sorbischen Poesie, Hinweise auf neue sorbische Literatur und ein- oder zweimal jährlich auch eine literarische Beilage. Die meisten Beiträge sind tschechisch, einige aber auch sorbisch mit tschechischer Übersetzung oder Zusammenfassung. Unser Anzeiger ist die einzige periodische Druckschrift ihrer Art, die außerhalb der Lausitz erscheint. Darüber hinaus engagieren wir uns beispielsweise im Kampf für die Erhaltung der Teiche, die durch die Erweiterung des Bergbaus bedroht sind. Als unsere Pflicht sehen wir natürlich auch die Proteste gegen die Schließung der sorbischen Schulen. Und vor kurzem haben wir auch das Denkmal von Jurij Vicaz aufgebaut. Dieser bedeutender Lausitzer Journalist und Schriftsteller war während des zweiten Weltkriegs Korrespondent der tschechoslowakischen Nachrichtenagentur in Palästina und ist heute leider ganz vergessen. Wir haben ihm also 20 Jahre nach seinem Tod am Prager Friedhof Olsany ein Grabmahl errichtet."

In Prag befindet sich auch die einzigartige durch den sorbischen Nationalerwecker Michael Hornik gegründete Bibliothek. Sie wurde aber 2002 von dem Hochwasser beschädigt und einige Bücher wurden ganz zerstört. Nun ist die Bibliothek teilweise im Gebäude der katholischen theologischen Fakultät und teilweise im Nationalmuseum beherbergt. Der Freundeskreis Lausitz bemüht sich schon jahrelang, alle Werke im ehemaligen Lausitzer Seminar zu sammeln und dort ein ständiges Lausitzer Kulturzentrum zu errichten - bisher jedoch leider ohne Erfolg.



Folgende Hinweise bringen Ihnen noch mehr Informationen über den Integrationsprozess Tschechiens in die Europäische Union:

www.integrace.cz - Integrace - Zeitschrift für europäische Studien und den Osterweiterungsprozess der Europäischen Union
www.euroskop.cz
www.evropska-unie.cz/eng/
www.euractiv.com - EU News, Policy Positions and EU Actors online
www.auswaertiges-amt.de - Auswärtiges Amt

17-09-2006