Täglicher Nachrichtenüberblick Nachrichten Sonntag, 02. Januar, 2000

02-01-2000

Herzlich willkommen bei Radio Prag, willkommen im neuen Jahr und zu unserer Neujahrs-Sondersendung! Es ist bereits eine Tradition von Radio Prag, die erste Sendung des Jahres mit der Neujahrsansprache unseres Staatspräsidenten einzuleiten. So auch im Jubeljahr 2000!

Drei grossen Themen widmete sich Präsident Vaclav Havel in seiner Ansprache, die er am Neujahrssamstag um 13 Uhr hielt: Der Globalisierung der Wel, die Gefahren und Möglichkeiten zugleich in sich birgt; der Entwickung der zivilen Gesellschaft und der Durchsetzung der Menschenrechte, bzw. dem Prinzip der individuellen und kollektiven Verantwortlichkeit sowie im abschliessenden Teil der innenpolitischen Situation in der Tschechischen Republik.

"Die aktuelle Gestaltung der globalen Marktwirtschaft und ihrer Institutionen erleichtert gleichzeitig verschiedene Typen von ökonomischer Ungerechtigkeit, kurzsichtigem Egoismus und Parasitentum. Die sich integrierenden multinationalen Korporationen üben zunehmenden Einfluss auf die Politik von Staaten und internationalen Organisationen aus und gefährden dadurch den freien Wirtschaftswettbewerb. Reiche Staaten mit hochentwickelter Wirtschaft streben für sich eine maximale Öffnung der Märkte in den armen Länder an, sie selbst machen jedoch die eigenen Märkte dicht. Es ist wohl kein positives Zeichen unserer Zeit, wenn der Vermögenswert der drei reichsten Menschen der Welt die Summe der Bruttoinlandsprodukte einer ganzen Gruppe von Dritteweltländern mit sechshundert Millionen zumeist hungernden Einwohnern übertrifft. Die Weltwirtschaft floriert in atemberaubender Weise, wobei die Bürger von 80 Ländern der Welt derzeit über einen wesentlich niedrigeren Durchschnittslohn verfügen, als dies vor 10 Jahren der Fall war. Die über das Computernetz laufende Geldwäsche entspricht mittlerweile fünf Prozent des gesamten Weltwirtschaftsprodukts, und der Drogenhandel macht acht Prozent des Welthandels aus - also mehr als der Automobil- bzw. Stahlhandel. Das Bemühen um die Kanalisierung von Finanzen, Kapital und Eigentumsrechten bringt wesentlich höhere Erträge als die Schaffung konkreter Werte".

Parallel zur Verbreitung der Idee der Menschenrechte und dem Bemühen um eine Festigung der demokratischen Institutionen - so Präsident Havel weiter - verbreiten sich leider auch die Missstände, die das moderne Zeitalter mit sich bringe: Konsum- und Reklame, geistlose Verkommerzialisierung der Kultur, die Diktatur der Medien usw. Weit aus gefährlicher aber seien die Risiken, die mit der Entwicklung der Technik verbunden sind: z.B. der Missbrauch der Gen-Forschung oder der Computertechnik durch Terroristen. Die Gefahren seien bekannt - internationale Konferenzen und Experten beschäftigen sich ausgehend mit den Problemen - , der ernsthafte Willen jedoch, so Havel, die Probleme zu lösen, fehle.

"Wir dürfen nicht glauben, dass es nur die Tschechische Republik gibt, man muss auch wissen, dass ebenfalls das Kosovo, Tschetschenien, Somalia, Ruanda, Osttimor, Tibet, Burma, Kuba, Nordkorea oder das zur Zeit unsäglich leidende Venezuela existieren. Wir müssen die Qualität bzw. die Vielfalt des Lebens erkennen und achten und ebenso die menschliche Gemeinschaft und Solidarität sowie den gemeinsamen Schaffenswillen als unvergleichbar höhere Werte als den puren Profit schätzen. Geld und Vermögen zu besitzen ist selbstverständlich keine Schande. Im Gegenteil: Es kann, bzw. es sollte dies ein Zeichen des Erfolgs beim Schaffen von Werten sein, die das allgemeine Lebensniveau erhöhen. Eine Schande ist etwas anderes: Geld und Vermögen auf Kosten des Rechts der anderen auf menschliche Würde und ein Leben in einer gerechten Gesellschaft bzw. in einem Rechtsstaat, auf Kosten der allgemeinen Lebensqualität und der Umwelt, auf Kosten der Schönheit des Landes und seiner Städte und Dörfer, auf Kosten der Zukunft."

Abschliessend wendet sich Präsident Havel direkt an die Bürger der Tschechischen Republik mit der Bitte, "das Umbruchsjahr 2000 zu einem Jahr der Wandlung zu machen, der Wandlung der politischen Kultur, der Kultur des öffentlichen Lebens und zur Wandlung der Werteskala."

02-01-2000