Täglicher Nachrichtenüberblick Nachrichten Mittwoch, 27. Januar, 1999

27-01-1999

Herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zum Programm von Radio Prag in deutscher Sprache. Zunächst die Nachrichten:

TSCHECHIEN DROHT GRIPPE-EPIDEMIE

In Tschechien droht nach Angaben von Experten eine landesweite Grippe-Epidemie. Die anfangs saisonbedingte Erkältungswelle hat sich in den vergangenen Tagen stark ausgeweitet, zitierten tschechische Tageszeitungen am Dienstag mehrere Ärzte. Betroffen ist vor allem die 1,2 Millionen Einwohner zählende Hauptstadt Prag, wo bereits jedes 20. Kind erkrankt sei. Aber auch in den anderen Landesteilen sind die Auswirkungen offensichtlich. So wurde zum Beispiel in Südmähren ein striktes Besuchsverbot für zahlreiche Krankenhäuser und Altersheime bis auf Widerruf ausgesprochen, während im nordböhmischen Jablonec nad Nisou/Gablonz von Mittwoch bis zum 5. Februar sämtliche Grund- und Mittelschulen sowie Kindergärten geschlossen wurden und sogenannte Grippe-Ferien angeordnet wurden. Mehr zu diesem Thema hören Sie im anschlie3enden Beitragsblock.

KLAUS/DLOUHY: KEINE ALTERNATIVE ZUM EU-BEITRITT TSCHECHIENS

Die Tschechische Republik hat keine andere Möglichkeit als sich am Integrierungsprozess zu beteiligen und den Strukturen der Europäischen Union beizutreten, hat der Vorsitzende der Demokratischen Bürgerpartei ODS, Vaclav Klaus, auf der Konferenz "Tschechische Ökonomie und Europäische Währungsunion" am Dienstag in Brno/Brünn erklärt. Klaus drückte jedoch auch seine sprichwörtliche Skepsis darüber aus, inwieweit die Tschechische Republik in der Lage sein wird, diesen Prozess aktiv zu beeinflussen und was ihr Beitrag hierfür sein wird.

Auf der gleichen Konferenz sagte der tschechische Ex-Minister für Industrie und Handel, Vladimir Dlouhy, dass die Tschechische Republik die historischen Wurzeln dafür habe, ein Mitglied in der Europäischen Union zu werden. Neben der strategisch und kulturell-sozialen Bedeutung wird die Integration ebenfalls positive ökonomische Auswirkungen haben, meinte Dlouhý weiter.

REAKTIONEN AUF UMBESETZUNGEN IM BANKENRAT DER NATIONALBANK

Die von Präsident Vaclav Havel getroffene Auswahl zur personellen Umbesetzung des Bankenrats der Tschechischen Nationalbank wird vom stellvertretenden Regierungsvorsitzenden für Wirtschaftspolitik, Pavel Mertlík, ausdrücklich begrüsst. "Ich erachte alle vier vorgeschlagenen Personen als maximal qualifizierte Fachleute und habe keinerlei Einwände gegen sie," lie3 Mertlík über seinen Sprecher Libor Vacek gegenüber der Nachrichtenagentur CTK verlauten.

Demgegenüber bezeichnete der Vorsitzende des tschechischen Abgeordnetenhauses und ODS-Chef Vaclav Klaus die von der Präsidentenkanzlei am Montag verkündeten Vorschläge zur Umbesetzung des Bankenrats als einseitig und unausgeglichen. Klaus zufolge wurde bei der Auswahl der Personen der gewichtige Blick auf die tschechische Wirtschaft zu wenig beachtet.

Präsident Vaclav Havel wird am 11. Februar Zdenek Tuma, Oldrich Dedek, Pavel Stepánek und Pavel Racoch zu neuen Mitgliedern des Bankenrats ernennen. Hören Sie mehr zu diesem Thema in unserem Beitragsblock.

KLAUS UND RUML ZUR VERTIEFUNG DES OPPOSITIONSVERTRAGES

Der Vorsitzende der Demokratischen Bürgerpartei ODS, Vaclav Klaus, ist für den von Premier und Sozialdemokratenchef Milos Zeman ins Spiel gebrachten Gedanken zur Präzisierung oder Vertiefung des sogenannten Oppositionsvertrages zwischen der ODS und der Tschechischen Sozialdemokratischen Partei CSSD grundsätzlich offen. "Falls aber Milos Zeman mit seiner Äusserung zur Präzisierung des Oppositionsvertrages in Richtung einer Unterstützung der Regierungspolitik und der sozialistischen Vorschläge im Parlament zielt, dann kommt dieses Anliegen für uns nicht in Frage," führte Klaus am Montag seine Meinung gegenüber der Nachrichtenagentur CTK aus. Der Vorsitzende der Freiheitsunion, Jan Ruml, wiederum ist davon überzeugt, dass der Oppositionsvertrag zwischen der CSSD und der ODS in der gegenwärtigen tschechischen politischen Szene nicht funktionieren kann. "Jan Ruml ist überzeugt, dass es in absehbarer Zeit entweder zu einer faktischen Koalition kommen wird, das heisst zu dem, was Milos Zeman jetzt als Vertiefung der Beziehungen zwischen CSSD und ODS bezeichnet, oder aber zur Kündigung des Vertrages," hie3 es in Rumls Standpunkt, der CTK am Montag durch dessen Sprecher Patrik Nacher übermittelt wurde.

TSCHECHIEN WIRD REGIONALE SCHLÜSSELROLLE IN DER NATO HABEN

Aus der Sicht der NATO kann die Tschechische Republik als baldiges Mitglied der Allianz ein regionale Schlüsselrolle spielen, erklärte der neue Botschafter der USA in Tschechien, John Shattuck, während seines Vortrages zum Thema "Sicherheit für die Demokratie", den er am Montag im tschechischen Aussenministerium hielt. Der amerikanische Diplomat betonte, dass die NATO-Mitgliedschaft für die Tschechische Republik Anlass genug sein könne für die Lösung aller politischen und ökonomischen Probleme.

KAVAN REAGIERT AUF APPELL DES HELSINKI-AUSSCHUSSES

Der tschechische Aussenminister Jan Kavan ist nicht der Auffassung, dass offizielle tschechische Repräsentanten Fremdenhass und sich äu3ernde Anzeichen von Diskriminierung in der tschechischen Gesellschaft ungenügend verurteilen würden. Kavan antwortete damit auf den Appell der Vertreter des Helsinki-Ausschusses im USA-Kongress, die die tschechische Regierung zu einer deutlicheren Ablehnung von sich äu3ernder Gewalt mit fremdenfeindlichen Hintergrund aufgefordert hatten.

STUDENTEN UND HOCHSCHULPÄDAGOGEN GEDACHTEN JAN PALACH

Mehr als 200 Studenten und Pädagogen der Filosofischen Fakultät der Prager Karlsuniversität erinnerten mit einem Gedenkmarsch am Montag durch die Prager Innenstadt an den 30. Jahrestag der Beerdigung von Jan Palach. Palach hatte sich am 16. Januar 1969 aus Protest gegen die Okkupation der Tschechoslowakei durch die Armeen der Warschauer Paktstaaten auf dem Prager Wenzelsplatz verbrannt. Mehr zu diesem Thema hören Sie im anschlie3enden Beitragsblock.

HAVELS POPULARITÄT SINKT WEITER

Erstmals in der Geschichte der Tschechischen Republik ist das Vertrauen der tschechischen Bürger in ihren Präsidenten unter die 50-Prozent-Grenze gefallen. Nach der im Januar durch das Meinungsforschungsinstitut IVVM durchgeführten Umfrage setzen nur noch 46 Prozent der Befragten absolutes Vertrauen in Präsident Vaclav Havel. Das sind um acht Prozent weniger als noch im Dezember des vergangenen Jahres.

Auch das Vertrauen in die regierenden Sozialdemokratemn um Premier Milos Zeman ist gesunken. Der Anteil der Bürger, die ihnen Vertrauen schenken, fiel von 44 Prozent im September 1998 um sieben auf nunmehr 37 Prozent, während der Anteil jener, die ihnen nicht vertrauen, um 13 Prozent angestiegen ist.

POLNISCHE BAUERN STREIKEN

In Polen wurden am Dienstag insgesamt 120 Stra3en in 15 Wojewodschaften durch aufgestellete Stra3ensperren blockiert. Die polnischen Landwirte protestierten mit diesen Ma3nahmen gegen die Landwirtschaftspolitik der Regierung in Warschau, und dabei vornehmlich gegen die billige Einfuhr von landwirtschaftlichen Produkten aus dem Ausland. Ähnliche Aktionen hatten bereits am Montag zu erheblichen Störungen im tschechisch-polnischen Grenzverkehr geführt. So stauten sich die Fahrzeugkolonnen den ganzen Montag über insbesondere am Grenzübergang Pietrowice/Krnov.

STEUERSCHULDEN IN TSCHECHIEN

Die Gesamthöhe an nichtgezahlten Steuern in der Tschechischen Republik betrug zum 31. Dezember des vergangenen Jahres rund 82 Milliarden Kronen. Gegenüber dem Jahr 1997 sind die letztjährigen Steuerschulden um weitere 16,4 Millarden Kronen angestiegen.

HOCHSCHULE IN BRNO FEIERT JUBILÄUM

Die Brünner Masaryk-Universität, eine von 14 Universitäten in der Tschechischen Republik, begeht am Mittwoch den 80. Jahrestag seit ihrer Gründung. Am 28. Januar 1919 wurde von der damaligen Nationalversammlung das Regierungsgesetz Nr. 50 verabschiedet, auf dessen Grundlage die seinerzeit zweite tschechische Universität entstanden ist.

WETTER

Am Mittwoch zieht ein Tiefdruckausläufer über Mitteleuropa und beeinflusst damit auch das Wetter in der Tschechischen Republik. Es wird bewölkt bis bedeckt sein, örtlich kommt es zu Schneeschauern oder Schneefällen, in niederen Regionen zu Schneeregen. Die Tageshöchsttemperaturen erreichen Werte zwischen 0 und plus 4 Grad Celsius.

Die weiteren Aussichten: Am Donnerstag und Freitag zieht das Tiefdruckgebiet ostwärts und auf dessen Rückseite erreichen kältere Luftmassen das Gebiet der Tschechischen Republik. Es kommt vermehrt zu Schneefällen und die Temperaturen sinken wieder, und zwar in der Nacht zum Donnerstag auf minus 1 bis minus 5 Grad und in der Nacht zum Freitag auf minus 3 bis minus 7 Grad. Die Tageshöchsttemperaturen liegen um null Grad am Donnerstag und zwischen minus 4 und 0 Grad Celsius am Freitag.

Das waren die Meldungen.

27-01-1999