Tagebücher von Petr Ginz

Der Genozid an den Juden während des Zweiten Weltkriegs bleibt auch sechzig Jahre nach dem Kriegsende ein Thema, das starke Emotionen weckt. Die Ermordung von sechs Millionen Juden durch die Nazis stellt eine unvorstellbare Tragödie eines Volkes dar, deren Folgen in verschiedenen Bereichen bis heute deutlich sind und auch künftig nicht zu übersehen sein werden. Um den Holocaust als eine historisch dokumentierte und analysierte Tatsache und zugleich als eine Warnung im Gedächtnis der Menschheit zu bewahren, präzisieren renommierte Wissenschaftler immer noch Fakten, die mit dem Funktionieren des mörderischen Mechanismus in Hitler-Deutschland zusammenhingen. Die stärkste Aussage über die Kriegsjahre wird jedoch durch authentische Zeugnisse vermittelt. Mehr über ein solches Zeugnis hören Sie in der folgenden Ausgabe der Begegnungen von Martina Schneibergova und Menno van Riesen:

Eine besondere Aussagekraft haben unter den verschiedenen Schilderungen von Augenzeugen diejenigen, die keinen zeitlichen Abstand von den beschriebenen Ereignissen haben - also vor allem Tagebuchaufzeichnungen. Zu diesen Werken gehören auch die Tagebuchnotizen von Petr Ginz, die während des Krieges in Prag entstanden sind. Von Petr Ginz, einem literarisch und künstlerisch begabten Jungen, der mit 16 Jahren im KZ Auschwitz ermordet wurde, erfuhr man weltweit vor zwei Jahren. Damals nahm der israelische Astronaut Ilan Ramon die Kopie von einer Zeichnung von Petr Ginz mit ins Weltall. In Tschechien war der Name von Petr Ginz bereits vorher bekannt geworden, wenigstens unter denjenigen, die sich mit der Geschichte des KZ Theresienstadt (Terezín) beschäftigten. Dort gab Petr Ginz gemeinsam mit seinen Freunden die Zeitschrift "Vedem" heraus, für die er viele Artikel verfasste und auch Illustrationen zeichnete.

In diesen Tagen erschien im Verlag Trigon ein Buch mit dem Titel "Das Tagebuch meines Bruders". Die Schwester von Petr Ginz, Chava Pressburger, die in Israel lebt, veröffentlichte darin zwei Tagebücher ihres Bruders, die in den Jahren 1941 und 1942 entstanden sind. Die Tagebücher wurden erst vor einigen Jahren per Zufall in einem Haus im Prager Stadtteil Modrany gefunden. Beim Durchlesen der Tagebücher lernt man Petr Ginz als einen außerordentlich talentierten Jungen kennen. Die Notizen bringen auch die damalige Atmosphäre in Prag aus der Sicht seiner jüdischen Bewohner näher. In seinen Tagebüchern schreibt Petr Ginz von September 1941 bis zum Februar 1942 noch nicht über das Ghetto von Theresienstadt, wohin er später transportiert wurde. Er beschreibt aber das Leben in einer Art Ghetto ohne Mauern, in einem Milieu, wo das alltägliche Leben von zahlreichen Verboten und Einschränkungen geprägt wurde. So notierte er am 23. Dezember 1941 ins sein Tagebuch:

"...Von der jüdischen Gemeinde wurde uns mitgeteilt, dass wir bis zum 31. Dezember Mundharmonikas und andere kleinere Musikinstrumente, Thermometer, Fotoapparate mit Zubehör abgeben müssen. Außerdem müssen größere Musikinstrumente gemeldet werden...."

Zwei Tage später notierte sich Petr Ginz u. a. Folgendes:

Vladislav Zadrobilek (Foto: Elena Horalkova)Vladislav Zadrobilek (Foto: Elena Horalkova)"Am Abend kam Lianka von der Familie Kohner zu uns und lud uns zu ihnen zum Weihnachtsbaum ein. Sie sind vollständig arisch geworden.... Es schneit, und wir haben Angst, dass Vati wieder den Schnee abräumen muss. Er wurde schon einmal für solche Arbeiten eingesetzt - damals war es auf dem Flughafen in Kbely, und er hat sich dort erkältet. Die Juden werden nun offensichtlich wieder die Pullover abgeben müssen..."

Die Tagebücher von Petr Ginz kann man heute auch als eine ominöse Vorahnung dessen lesen, was bald danach erfolgte. Er erwähnt, wie Nachbarn, Verwandte und Lehrer in Transporten verschwanden, ohne geahnt zu haben, was folgen wird.

Neben den Tagebüchern von Petr Ginz wurde vorige Woche auch eine Briefmarke mit einer Zeichnung von ihm herausgegeben. Es war die Zeichnung mit dem Titel "Mondlandschaft", auf der Petr Ginz seine Vorstellung darüber darstellte, wie ein Blick auf die Erde von dem Mond aus aussehen könnte. Eine Kopie dieser Zeichnung, die in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem aufbewahrt wird, nahm - wie bereits erwähnt wurde - der israelische Astronaut Ilan Ramon mit ins Weltall. Nach dem tragischen Raumflug der Raumfähre Columbia meldete sich ein Prager bei der Schwester von Petr Ginz, Chava Pressburger, in Israel und bot ihr die Tagebücher ihres Bruders an, die er vorher in einem alten Haus in Prag-Modrany gefunden hatte. Chava Pressburger, die selbst Malerin ist, entschied sich diese Tagebücher herauszugeben. Der Verleger Vladislav Zadrobilek arbeitete mit dem Jüdischen Museum in Prag zusammen, das ihm Fotos und Zeichnungen für das Buch besorgen half:

"Dies war alles nur dank dessen möglich, dass Frau Pressburger so entgegenkommend war und uns die Kontakte zur Gedenkstätte Yad Vashem vermittelte, wo mehrere Zeichnungen von Petr Ginz aufbewahrt werden. Wir nahmen uns des Buches an. Für diejenigen, die sich dafür interessieren, wie die Atmosphäre während des Krieges in Prag war, ist es ein authentisches Zeugnis. Man findet da z. B. Petrs Bemerkungen über das Attentat auf Reichsprotektor Heydrich, über das grausame Schicksal von Lidice und anderes mehr. Es ist fast unglaublich, dass der Astronaut, der Petrs Zeichnung mit ins Weltall nahm, an dem Tag verunglückte, an dem Petr Ginz seinen 75. Geburtstag gefeiert hätte."