Nicht nur Treffen, sondern Netzwerk

07-03-2006

Abends in die Kneipe zu gehen, dazu braucht man keinen besonderen Grund. Darin sind sich Tschechen mit Deutschen schon längst einig. Einen Anlass findet man immer und der Durst auf ein gutes Bier ist für die meisten nur einer davon. Das deutsche Wort "Stammgast" versteht auch jeder Tscheche, weil es nicht zufällig zu den geläufigsten Germanismen im Tschechischen gehört. Doch was ein "Stammtisch" bedeutet, erschließt sich für Tschechen nicht auf den ersten Blick. Darf ich mich überhaupt zu einem Stammtisch dazusetzen, oder werde ich dann von den Einheimischen böse angeschaut? Wenn sie zu dem Deutsch-Tschechischen Stammtisch in Regensburg kommen, brauchen sie diese Angst nicht zu haben. Jan Patera war dabei.

Als ich in das echt bayerische Wirtshaus Gravenreuther betrat, hatte ich zuerst Bedenken. Hier sollte man sich zu dem bereits fünfundzwanzigsten Deutsch-Tschechischen Stammtisch treffen? Ich sah in dem halbleeren Lokal nur Leute mittleren Alters, die in kleineren Grüppchen zusammen saßen. Ich wagte noch nicht zu fragen, doch gleich erblickte mich die Kellnerin und fragte mich selbst: "Sie gehen bestimmt zum Stammtisch? Da müssen sie hinten links zum Salon gehen." Offensichtlich war es für sie nicht schwierig mich einzuschätzen. Kurz darauf habe ich verstanden warum. Die Gesellschaft im Wintergarten ist viel jünger im Allgemeinen, bunt, größer und lauter - und es hört sich auch ein bisschen Tschechisch an. Gleich fühle mich wohl. Obwohl ich pünktlich angekommen bin, sitzen um 20 Uhr schon mehr als 15 Leute da, voll im Gespräch. Diese Leute musste man nicht lange überreden, dass sie heute Abend hierher kommen.

Die Studentin Hana Bejlkova hat zum Beispiel noch an keinem einzigen der 25 Stammtische gefehlt. Sie kommt aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Brno / Brünn und studiert zurzeit an der Universität Regensburg Politik- und Kulturwissenschaft. Vor zwei Jahren hatte sie die Idee gehabt, ein unformelles Deutsch-Tschechisches Treffen in Regensburg zu veranstalten. Zusammen mit ihrer Freundin Kathrin Freier organisieren sie seit dem etwa einmal pro Monat das Treffen von den Deutschen und Tschechen, die sich für ihren Nachbar interessieren.

"Es ist ein Stammtisch, aber es sind nicht nur Stammgäste dabei. Wir sind auch keine geschlossene Gruppe. Es kommen nicht nur Studenten oder Leute, die Tschechisch sprechen - es ist einfach offen! Jeder, der Interesse hat, kann kommen. Das haben wir von Anfang an betont. Und wir treffen uns auch nicht öfter als einmal pro Monat. Wenn es jede Woche wäre, würde man sich vielleicht verpflichtet fühlen. So freuen wir uns auf die anderen, weil wir uns mit den meisten wirklich nur einmal pro Monat sehen", erklärt Hana Bejlkova.

Die Idee ist ziemlich einfach und der Stammtisch in Regensburg ist auch keinesfalls einmalig. In Berlin, in Weiden, oder in Plzen / Pilsen gibt es auch ähnliche Stammtische, in Prag heißt er "Deutsch-Tschechisches Cafe". Am Anfang wollte Hana Bejlkova einfach Kontakte knüpfen. Damals war sie neu in Regensburg, als sie anfing bei der Jugendkoordinationsstelle Tandem zu arbeiten. Ein solches Treffen zu organisieren hält Hana gar nicht für aufwändig:

"Es gibt immer viele Leute die kommen und mitmachen wollen, aber wenn du fragst, wer das organisieren will, da meldet sich kaum jemand. Obwohl es beim Stammtisch gar nicht schwierig ist. Du musst nur hier in der Kneipe Bescheid geben wann wir kommen und eine E-Mail an unsere Mailingliste namens ,Tschechophile' schicken. Also das ganze ist eine Frage von fünf Minuten."

Kleine deutsch-tschechische Stammtische gab es in Regensburg schon mehrere. Aber weil hauptsächlich Studenten dabei waren, schliefen die Stammtische nach jeden Ferien regelmäßig ein. Zuerst hat man also Leute gesucht, die regelmäßig kommen würden - zum Beispiel unter den Teilnehmern des Tschechischkurses an der Volkshochschule Regensburg.

Bei dem Stammtisch wird es hauptsächlich auf Deutsch gesprochen. Wenn aber Hana eine Ansage machen will, tut sie es auf Tschechisch und niemand bemüht sich um eine wörtliche Übersetzung. Hier sitzen überwiegend Leute, die den ersten Tschechischkurs schon hinter sich haben. Eva Winisch kommt von Anfang zu den Stammtischen und spricht ein bisschen Tschechisch, wie sie selber sagt:

"Fließend Tschechisch kann ich nicht, ich lerne es einfach als Hobby. Mir tut es gut, einfach Tschechisch zu hören, auch wenn ich nicht alles wörtlich verstehe. Aber die Deutschen sind jetzt sowieso in der Mehrheit. Nur drei Tschechinnen sind momentan da", stellte Eva etwa um 20.30 Uhr fest.

Zu dem "harten Kern" von Stammgästen gehört auch Josef Werner, der nicht ganz glücklich war, als ich den Platz mit einer jungen tschechischen Studentin tauschte um mit ihm ein Interview aufzunehmen. Josef wird nicht anders als "der Man von der Stadtverwaltung" genannt. Doch nur an seinen Anzug würde man ihm als einen Beamter erkennen. Er hat auch an der Volkshochschule anderthalb Jahre lang Tschechischkurse besucht. Zurzeit gibt es keinen Fortgeschrittenenkurs für ihn, also er hört sich die tschechischen Sendungen von Radio Prag an und kommt zum Stammtisch.

"Wenn man zum Stammtisch kommt und sagt ,Dobry vecer, jak se mate?' / ,Guten Abend, wie geht es euch', ist es immer ganz gut. Es kommt auch gut an, wenn ich zum Schluss sage ,Tesim se, ze te opet uvidim' / ,Ich freue mich auf Wiedersehen', oder ,Mas krasne oci' / ,Du hast schöne Augen'. Es ist eigentlich nicht der Wortschatz, der man im Tschechischunterricht lernt. Aber unser Lehrer Paul meint, das wären die wichtigen Wörter und die sollen wir lernen. Und das finde ich toll. Bei den 25 Stammtischen war ich 23-mal dabei. Mein Tschechisch hat sich kaum verbessert aber es macht jedes Mal Spaß."

Gerne erinnert sich Josef an den EU-Beitrittsfeier in Mai 2004, als der kleine Wintergarten voll mit Tschechienfans war. In dem Quiz über die Geschichte Böhmens war er damals sicherlich auch nicht ganz schlecht. Ich fragte ihm, ob bei dem Stammtisch auch über "heiße Themen" gesprochen wird.

"Natürlich wird sehr viel über Politik gesprochen, das ist ganz klar. Ich versuche immer so etwas wie ein Moderator zu sein. Die Nachbarn sollten sich gegenseitig für einander interessieren. Gerade wir als relativ großes Land haben die Pflicht, uns für die kleineren Länder in der EU zu interessieren. Denn wenn die kleineren Länder ihre Eigenständigkeit nicht behalten, dann haben wir irgendwann einmal so einen Einheitsbrei wie in Amerika. Und das wäre für uns das Schlimmste, was uns kulturell passieren kann", plädiert Josef für das "alte Europa".

Die Leute von dem Stammtisch treffen sich in der Regel nur einmal pro Monat. Sie finden immer einen passenden Termin, an dem möglichst alle Zeit haben. Und wenn jemand plötzlich nicht kommen kann, sag er zumindest warum. Die Familie der Stammgäste wächst ständig. Selbst die Organisatorinnen Hana und Kathrin sind überrascht wie schnell sich der Stammtisch ausbreitet. Heutzutage muss man keine große Werbung machen.

"Wir hängen zwar immer ein Schild für den Stammtisch aus. Was aber am besten funktioniert ist die ,Mund-zu-Mund-Propaganda'. Die Leute empfehlen den Stammtisch weiter. Ich muss also praktisch keine Werbung machen, sondern ich bekomme E-Mails von Leuten, die gerne kommen möchten. Es kommen immer wieder neue Studenten, Au-Pairs oder Mädchen und Jungen, die freiwilliges soziales Jahr machen. Wir haben seit kurzem sogar eine Französin hier, die gar nicht Tschechisch kann, aber der es hier auch so gut gefällt, dass sie immer wieder kommt ", freuen sich Kathrin und Hana.

Eine schöne Tradition ist in Regensburg entstanden, eine Tradition, die sicherlich auch weiterlebt, wenn die Stammgäste der Gründerzeit schon nicht mehr in Regensburg sind.

Fotos: http://www.ahoj.info/

07-03-2006