Fest an der Grenze

06-05-2004

Am vergangenen Wochenende wurde europaweit gefeiert. So auch in der Tschechischen Republik, die am 1. Mai Mitglied der Europäischen Union geworden ist. Vielerorts wurde schon einen Tag zuvor gefeiert, darunter auch am südböhmisch-oberösterreichischen Grenzübergang Predni Vyton - Schönegg, und zwar im Ort Guglwald auf der österreichischen Seite der Grenze. Dort war auch Jitka Mladkova mit von der Partie. Was sie zu hören und sehen bekam, erfahren Sie in der nun folgenden Sendereihe Begegnungen.

GuglwaldGuglwald Dass Europa größer, friedlicher, handlungsfähiger und wirtschaftlich stärker werden wird, dass dies eine nie da gewesene Chance ist, die angepackt werden muss - dies und vieles Ähnliche mehr haben die "Alt- und Neueuropäer" nicht erst bei den Feierlichkeiten anlässlich der EU-Erweiterung zu Gehör bekommen. Am 1. Mai wohl aber in höchster Konzentration. Und doch konnte das fast allgegenwärtige Schwärmen vor allem der Politiker die "vox populi", genauer gesagt die Stimme des kleinen Mannes von der Straße, der misstrauisch ist, nicht ganz übertönen. Was wird mit unseren Jobs, fragen verängstigt viele diesseits und jenseits der Grenze. Das sei ganz normal, jede neue Entwicklung werde mit Ängsten begleitet und außerdem gebe es im Leben nichts, was nur schöne Seiten und Vorteile habe. Der Gewinn dieses Beitritts sei für Tschechien bedeutend größer als die Risiken und die Nachteile, sagte der bayrische Staatsminister Erwin Huber in einem Gespräch mit Radio Prag in der südböhmischen Kreishauptstadt Ceske Budejovice/Budweis. Zum Auftakt der Erweiterungsfeierlichkeiten fand hier ein Treffen hochrangiger Vertreter Südböhmens, Bayerns, Oberösterreichs und Niederösterreichs statt, jener Kreise bzw. Bundesländer also, die bereits seit Jahren in vielen Bereichen miteinander kooperieren. So gelassen wie Minister Huber sehen das aber nicht alle, z. B. auch nicht diese österreichische Frau, der ich in Guglwald begegnete:

"Wir sind in der Nähe, und so etwas ist ein historisches Ereignis. Da muss man dabei gewesen sein."

Wie sehen Sie die EU-Erweiterung?

"Also mit gemischten Gefühlen. Das geht den meisten so, weil man ja irgendwie nicht weiß, ob es besser wird. Am ehesten, glaube ich, dass es für uns Österreicher bei den Arbeitsplätzen Probleme geben könnte."

Auch zwei Eheleute aus dem bei der grenznahen Talsperre Lipno gelegenen Loucovice fragte ich, ob sie gekommen seien, um zu feiern:

"Ein bisschen schon. Hoffentlich bleibt es bei der feierlichen Stimmung", sagte die Frau. Und was erwartet sie von der EU?

GuglwaldGuglwald "Ja, eben etwas Besseres. Und was sollte besser sein? Also, mehr Arbeit, und diese sollte auch besser bezahlt werden."

Da schaltete sich auch schon der Ehemann ein:

"Dass wir endlich auch das Geld wie die da drüben haben und nicht immer wie arme Verwandte da stehen."

Nicht jeder, den ich in Guglwald angesprochen habe, war bereit, etwas zu sagen. Einige liefen sogar weg, als sie nur mein Mikrophon erblickten. Dann hatte ich aber doch noch Glück. Zunächst bei einer Gruppe von Österreichern. Zu Beginn stellte ich die beinahe obligatorische Frage:

Warum sind Sie heute gekommen?

"Ja, weil mich das interessiert. Daran hätte man vor zwanzig Jahren nicht gedacht, dass es zu einem solchen Ereignis kommen kann."

GuglwaldGuglwald Wie wir hier alle sehen und hören können, sind vor allem die Politiker ziemlich euphorisch in Bezug auf die EU-Erweiterung. Was denken Sie darüber?

"Ich denke, dass es gut ist, dass wir in der Nachbarschaft so miteinander leben. In der Wirtschaft wird es sicher noch Probleme geben."

"Euphorisch bin ich nicht gerade, aber ich freue mich, dass es so weit ist, dass wir auch auf der persönlichen Ebene unsere Nachbarn kennen lernen. Wir sind in den letzten zehn Jahren schon öfter nach Tschechien gekommen und ich glaube, dass dies auch eine politische und wirtschaftliche Bedeutung haben wird - wenn es auch wirtschaftliche Schwierigkeiten gibt. Aber es wird nicht nur Schwierigkeiten, sondern auch positive Erfahrungen geben, denke ich mir."

Diese Grenze war Jahrzehnte lang eine tote Grenze und jetzt, glaube ich, gibt es immer noch viele Spuren in Bezug auf die Tatsache, dass wir jahrelang nicht miteinander kommuniziert haben. Glauben Sie, dass die beiden Völker, die Österreicher und die Tschechen, die einst in einem Staatsgebilde zusammen lebten, erst wieder zusammenwachsen müssen?

"Ich glaube, dass es bei vielen Menschen möglich ist, bei anderen wiederum aber nicht. Und zwar wegen der persönlichen Vorteile, ja, das wird lange dauern. Die haben Angst, dass man ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen wird, während sie auf der anderen Seite die günstigen Preise jenseits der Grenze nützen. Aber ich glaube, dass sich das ausgleicht mit der Zeit. Dann sind wir Nachbarn wie die Oberösterreicher und die Niederösterreichern oder so."

"Für mich ist es heute wiederum auch eine emotionale Geschichte. Ich bin hier an dieser Grenze aufgewachsen. Es war sehr beeindruckend für mich, als ich ein Kind war, weil man keinen einzigen Meter nach drüben durfte. Ich konnte mir immer nur kaum vorstellen, dass da hinter der Grenze auch Menschen wohnen, die man aber nicht zu Gesicht bekommen hat. Ich bin sehr bald nach der Grenzöffnung nach Tschechien gefahren, und zwar aus dem Grund, weil ich wissen wollte, was sich hinter dem Niemandsland verbirgt. Insofern finde ich es schon als einen großen Schritt, die Möglichkeit zu haben zusammenzukommen, wenn Tschechien auch in der EU sein wird."

Nett gesagt, nicht wahr? Immerhin, 40 Jahre gegenseitige Abschottung durch den Eisernen Vorhang haben das Ihrige getan. Hüben wie drüben. Das angeschlagene Vertrauen kann auch nicht mit einem Schlag wieder hergestellt werden. Der Staatssekretär im österreichischen Ministerium für Verkehrtechnologie und Innovation mit dem österreichischen Namen echt tschechischen Ursprungs, Helmut Kukacka, bestätigte mir, dass noch viel getan werden muss. Und er ergänzte:

"Klar ist natürlich auch, dass die Sprache eine Barriere ist. Wir in Österreich haben sicher zu wenig Tschechisch gelernt in den letzten Jahren. Ich glaube aber, auch bei den Tschechen war Deutsch nicht die erste Sprache. Also man muss sich erst kennen lernen, und wenn man sich besser kennen lernt, wenn sich auch Nachbargemeinden gegenseitig besuchen und austauschen, dann wird das Vertrauen auch anwachsen. Gerade Österreich hat traditionelle kulturelle und geschichtliche Wurzeln, Traditionen und Verbindungen zu Tschechien. Ich glaube, es wird aufgrund der großen Gemeinsamkeit in der Mentalität auch relativ leicht sein, dass wir uns auch zu Gemeinsamkeiten zusammenfinden."

In einem großen Zelt, in dem in Guglwald bei Bier und Würsteln und mit Blasmusik gefeiert wurde, bin ich auch auf einen Wiener Tschechen gestoßen. "Ja jsem Cech" - ich bin Tscheche, ich bin hier geboren, sagte mir der Mann, der sich nicht vorstellen wollte. Er sei auch schon früher oft nach Tschechien gefahren, aber nur wegen der Blasmusik, sagte er mir in einem Atemzug. Natürlich sei er auch nur wegen der Blasmusik nach Guglwald gekommen, versicherte mir der gebürtige Tscheche aus Wien, wohin ihn das Schicksal im Zuge der Kriegsereignisse 1939 verschlagen hatte. Und so ging unser Gespräch weiter:

Was sagen Sie dazu, dass Tschechien ab Mitternacht EU-Mitglied sein wird?

"Es ist bedeutend zu früh. Der Standard stimmt nicht. Das kann nicht gut gehen. Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind so unterschiedlich, dass sich die Wirtschaft Tschechiens in der EU wird nicht behaupten können. Und zwar deshalb, weil die Produktion in Europa, in Gesamteuropa, schon so groß und so billig ist, dass die Leute hier bei der Arbeit verhungern."

Sie glauben also, dass die EU-Mitgliedschaft den Tschechen zu große Risiken bringen wird?

"Sicher. Für die ganzen Ostblockstaaten. Viel zu große Risiken sind das. Es geht zu schnell, die Leute haben sich noch nicht auf die neue Situation eingestellt."

Wie lange sollte man Ihrer Meinung nach noch warten?

"Ich habe meinem Freund 1990 in Brünn (Brno) gesagt, der Prozess wird bis zum Jahr 2020 dauern. Also dauert es noch 15 Jahre, bis wir gleichwertig sein können. 1990, also vor 14 Jahren, war in Tschechien Kriegsende. Wir haben viel zu rasch die vierzehn Jahre überbrückt und die Tschechen stehen fast noch immer dort, wo sie hergekommen sind, und sie haben nicht viel selbst aufbauen können. Der Westen überschwemmt das Land mit seinen ganzen Industrieprodukten, mit seiner Wirtschaft, mit seinen Firmen usw. Die Tschechen haben gar keine Chance, sich zu etablieren, sich aufzurichten und etwas zu zeigen."

Sie sehen also keine Leistungen, die die Tschechen in den zurückliegenden 15 Jahren vollbracht haben?

"Freilich sind Leistungen da. Die sind aber zu minimal im Verhältnis zu dem, was die EU, was Deutschland, Österreich und andere EU-Länder eingebracht haben. Die haben sofort das Land überflutet und die besten Positionen besetzt. Sie brauchen nur zu schauen: Skoda ist in deutscher Hand! Wo man nur hinschaut, all die Fabriken, alles ist in deutscher Hand, weil die Tschechen gar kein Know-how haben. Das müssen sie erst aufbauen. Und wenn man sie nicht aufbauen lässt und ihnen nur sagt, das Auto schaut eben so und nicht anders aus und es wird auch so gebaut, werden wir nie einen Skoda zu Wege bringen. Dieser wird immer ein VW sein."

Ja, auch das war eine der Meinungen zur EU-Erweiterung im Allgemeinen bzw. zum tschechischen EU-Beitritt im Besonderen. Sie wurden für Sie aufgezeichnet während der Feier in Guglwald an der tschechisch-österreichischen Grenze. Unweit von dort haben am 20.Dezember 1989 die damaligen Außenminister der Tschechoslowakei und Österreichs, Jiri Dienstbier und Alois Mock, den einst trennenden Stacheldraht symbolisch durchschnitten.

06-05-2004