Der Hölle entkommen – Adolf Burger erzählt das Unbeschreibbare

26-12-2007

Heute wird ein sehr interessanter 90-jähriger Herr zu Wort kommen, den ich vor einiger Zeit in seinem kleinen Häuschen in einem Prager Randbezirk besucht habe. Adolf Burger heißt er. Als Buchdrucker ereilte Adolf Burger vor 65 Jahren ein schreckliches Schicksal: Auschwitz, Birkenau. Denn Burger ist Jude. Doch dem fast sicheren Tod entkam er letztlich.

Wenn Burger erzählt, kann man nur still dasitzen und zuhören. Irgendwann kommt er dann unweigerlich zu dem Teil seiner Lebensgeschichte, die ihn weltweit bekannt gemacht hat und ihm wohl auch das Leben rettete: zum so genannten Unternehmen Bernhard, die größte Geldfälscheraktion aller Zeiten. Ausländische Banknoten in Millionenhöhe ließen die Nationalsozialisten im Konzentrationslager Sachsenhausen von Zwangsarbeitern drucken, unter den Häftlingen eben auch Adolf Burger. Ohne Burgers Berichte und Bücher wäre der Film „Die Fälscher“, der bei der diesjährigen Berlinale uraufgeführt wurde und die Geldfälscheraktion beschreibt, nie entstanden. Aber hören Sie einfach selbst:

„Ich bin in Groß-Lomnitz in der Tatra geboren, das liegt in Nähe von Poprad. Mit 14 Jahren ging ich in die Lehre und lernte Buchdrucker. Ich entschied mich für den Beruf, weil ich schrecklich gerne las. Wir waren sehr arm und ich hatte keine Bücher. Ich dachte damals: In einer Buchdruckerei werde ich genügend Bücher umsonst haben. Das war ein großer Irrtum im Leben. Denn es war eine kleine Druckerei, in der nur vier Leute arbeiteten. Wir haben aber keine Bücher gedruckt, sondern Kinokarten, Eintrittskarten und ähnliche Dummheiten.“

In Adolf Burgers Heimat kommt im August 1938 der katholische Pfarrer Jozef Tiso an die Macht. Tiso errichtet in der Slowakei einen faschistischen Satellitenstaat Hitlers und übernimmt praktisch alle Gesetze aus Deutschland. Die politische Opposition wird verboten und verfolgt, als erstes geht die kommunistische Partei in den Untergrund. Und im September 1941 treten auch die gegen Juden gerichteten Nürnberger Rassengesetze in der Slowakei in Kraft. Adolf Burger kann aber weiter in einer Druckerei in der Hauptstadt Bratislava arbeiten, da er als Buchdrucker den Status einer Fachkraft hat.

„Dann aber kamen drei Leute von der illegalen kommunistischen Partei in die Druckerei und sagten zu mir: ´Du könntest uns helfen Menschenleben zu retten.´ Laut dem Gesetz von Tiso mussten diejenigen, die vor 1938 getauft wurden, nicht zum Transport nach Auschwitz – sie waren gerettet. Und das war mein Ende. Selbstverständlich wollte ich helfen, wenn es um Menschenleben geht. Ich war damals 22 Jahre alt und wusste nichts von der Untergrundbewegung, ich war auch gar kein Held. Ich willigte ein. Bis 1942 druckte ich dann Taufscheine. Wir waren eine Gruppe von sechs Leuten. Einige haben Stempel gemacht, einige gingen zum Notar und haben Bestätigungen machen lassen, und ein Mädchen fungierte als Kurierin zwischen Bratislava und Nitra, wo die Parteizentrale war. Dann aber kam uns die slowakische Gestapo auf die Schliche. Einen Tag vor meinem 25. Geburtstag, es war der 11. August 1942, deswegen werde ich das nie vergessen, kamen zwei Hlinka-Gardisten (slowakische SS) und ein slowakischer Gestapo-Mann und verhafteten mich und die anderen fünf. Nur die Kurierin, die unterwegs war und gewarnt wurde, haben sie nicht bekommen.“

Adolf Burgers Frau Gisela wird ebenso verhaftet, nur weiß er das zu dem Zeitpunkt noch nicht. Er kommt in Bratislava in ein Gefängnis, in das täglich immer mehr Menschen gebracht werden.

„Als wir etwa 300 waren, brachten sie uns mit Zügen nach Žilina. Der Zug bleibt stehen, wir gehen raus, und aus dem letzten Waggon steigen Frauen und Kinder aus. Und dort sehe ich dann auch meine Gisela. So kamen wir also in das riesige Lager für 1000 Juden nach Žilina. Von hier gingen die Züge nach Auschwitz, Birkenau, Majdanek, Bergen-Belsen – in all die Vernichtungslager. Und in Košice, Bratislava, Poprad und anderen Städten waren kleine Lager, in die man die verhafteten Juden gebracht hat.“

Doch in Žilina bleiben die Gefangenen nicht lang.

„Wir waren vielleicht zehn Tage in dem Lager, bis wir rund 1000 Leute waren. Dann ließ man uns antreten und die Hlinka-Gardisten hielten eine Rede. Man sagte uns, wir würden jetzt nach Deutschland zur Arbeit fahren; weil dort für uns alles schon vorbereitet wäre, sollten wir bereits in einer Stunde antreten mit nur einem Koffer in der Hand. Alles andere, was wir dort hingebracht hatten, mussten wir dort lassen. Das war ein bestimmtes System der Beraubung. Die Hlinka-Gardisten waren dabei genauso schlimm wie die deutsche SS. Wenn eine Dame ein kleines Köfferchen hatte und noch ein kleines Paket, dann haben sie ihr mit Gummischläuchen auf die Hände gehauen, bis sie das Paket fallen ließ.“

Weder Adolf Burger noch irgendjemand anderes in dem Lager weiß in dem Moment jedoch vom Holocaust und sie ahnen damit auch nicht das wirkliche Ziel ihrer Deportation: Auschwitz.

„Auschwitz war allerdings gegenüber Birkenau sehr rein gehalten. Jeder hatte sein Bett. Das war noch Luxus, trotzdem wir nur 300 Gramm Brot täglich bekamen. Aber die Arbeit war entnervend. Als ich am ersten Tag mit 200 weiteren Häftlingen zur Arbeit kam, war dort ein Waggon mit Pflastersteinen. Den ganzen Tag hab ich einen Pflasterstein nach dem anderen 500 Meter weiter getragen und niedergeworfen. Als wir am nächsten Tag dorthin gingen, haben wir dieselben Steine wieder zurück in den Waggon getragen. Das war schrecklich. Und der SS-Mann, der uns bewacht hat, hatte Langeweile, weil er dort stehen musste. Er sagte immer: ´Komm, komm.´ Und wenn es ein Franzose war, der ihn nicht verstand, befahl er: ´zehn Kniebeugen!´ Und so rief er einmal auch mich, aber ich konnte Deutsch. Ich laufe hin und schreie: ´Häftling 64.401 zur Stelle.´ Man durfte ja keinen Namen nennen. Da schreit der SS-Mann: ´Deinen Namen will ich wissen!´ Ich von Neuem: ´Häftling 64.401´. Dann brüllt er: ´Deinen Namen!´ Und ich sage: ´Adolf Burger´. Noch bevor ich Burger sagen konnte, hat er mir alle Zähne mit dem Gewehrkolben ausgeschlagen. Denn wie konnte ein Häftling Adolf heißen? Ich habe geschrieen: ´Aber ich heiße Burger, Adolf.´ Seitdem habe ich keine Zähne mehr. So war die SS – sie tat es auch aus Langweile.“

Nach dieser brutalen Attacke trifft Adolf Burger eine wichtige Entscheidung.

„Mir war bewusst, dass ich dort nicht mehr existieren konnte. Ich ging also in ein anderes Kommando, denn man konnte sich aufstellen, wo man wollte. Die Leute sind ja ständig gestorben. Und so kam ich zu einem der besten Kommandos, die es gab: das Aufräumkommando. 400 Mann haben in diesem Kommando die Koffer aus den Transporten auf Kipplader ausgeladen. In der nächsten Früh haben wir dann den Inhalt der Koffer sortiert. Zehn Jungs rissen die Koffer auf, es gab ja keine Schlüssel dazu. Ich habe immer Gabel, Messer und Löffel herausgenommen. Ein Junge neben mir Schuhcreme, ein anderer Zahncreme, ja nicht einmal die gebrauchten Zahnbürsten durften verloren gehen. Aber: In jedem Koffer war auch etwas Brot. Die SS hatte nichts dagegen, wenn wir das Brot genommen haben oder wenn ich mein verlaustes Hemd gegen ein frisches ausgetauscht habe, es waren ja Tausende Hemden. Und ich habe mich auf dem Arbeitsplatz gewaschen. Im Lager waren ja 100.000 Häftlinge ohne Handtuch, ohne Seife, ohne Wasser, ohne Hygiene. Die SS hatte auch dagegen nichts, denn die hatte genauso Angst, mit Typhus angesteckt zu werden. Aber wir waren nur 400, die diesen Vorteil hatten - von 100.000.“

Und Adolf Burger bleibt auch dann beim Aufräumkommando, als es nach Birkenau verlegt wird. Dort hat er Kontakt mit dem Frauenlager und hofft, von seiner Frau zu erfahren. Er muss unter anderem Kleidung aus den Koffern dort hinbringen. 200 Frauen sind dort dann damit beschäftigt, alles zu zählen und Lieferscheine zu schreiben.

„Dort traf ich auch ein Mädchen aus meiner Stadt, Vali Kohn hieß sie. Ich durfte aber nicht mit ihr reden, da dort der SS-Mann stand, und ich hätte dann 20 Schläge mit dem Stock bekommen. Aber eines Tages sehe ich dort den SS-Mann nicht und frage: ´Vali, wo ist dein SS-Mann?´ Sie sagt: ´Er ist beim Essen in der Kantine.´ Darauf ich: ´Kannst du mir nicht sagen, wo meine Frau ist, hast du sie gesehen?´ Vali: ´Ich habe oft mit ihr gesprochen, aber dann wurde sie zu einem sehr schweren Kommando eingeteilt, zu den Leichenträgern. Doch dann war Selektion. Ein SS-Arzt hat auf sie gezeigt und das bedeutete, sie ging ins Gas.´ So habe ich erfahren, dass meine Frau vergast wurde.“

Gisela Burger wird kurz vor Weihnachten 1942 von den Nationalsozialisten umgebracht. Die Tage, Wochen und Monate werden für Adolf Burger endlos.

„Aber irgendwann kam plötzlich eine riesige Änderung. Wir stehen wie jeden Tag beim Zählappell, eine Stunde. Per Lautsprecher wird der Befehle gegeben: ´Die SS sucht fünf Tischler, zehn Schneider und so weiter.´ Auf einmal rufen sie Nummern, darunter auch meine. Der Befehl war, ich sollte mich am nächsten Tag beim Lagerführer Höss melden. Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen, weil ich schreckliche Angst hatte. Ich war kein Held, auch wenn ich die Taufscheine gedruckt habe, und ich war es auch später nicht. Am nächsten Morgen nach dem Zählappell musste ich aber hingehen. Ich komme in das Steingebäude und sehe die Tür mit der Aufschrift ´Sturmbannführer Höss, Lagerführer´. Ich klopfe, trete ein und rufe: ´Häftling 64.401 zur Stelle´ - man durfte ja den Namen nicht sagen. Dann schaut er auf eine Karteikarte und fragt: ´Sind Sie Herr Burger?´ Ein SS-Sturmbannführer nennt mich Herr? Ich stottere jedenfalls: ´Ja´. ´Sind Sie Buchdrucker?´ ´Ja.´ Da sagt er: ´Herr Burger, solche Leute wie Sie brauchen wir in Berlin in den Druckereien. Morgen kommen Sie von hier fort und sie werden dort wieder als freier Mensch als arbeiten können.´ Und dann sagt er noch, dass er mir viel Erfolg wünsche. Ich weiß nicht, wie ich aus dem Zimmer wieder herausgekommen bin. Ich konnte ihm schließlich kein Wort glauben. Denn Birkenau stand ja unter dem Befehl N.N., also Nacht und Nebel. Das heißt, niemand durfte Post schreiben, niemand durfte wissen, wo wir Häftlinge waren. Und er sagt mir, dass ich von Birkenau wegkäme – nie ist ein Mensch von Birkenau weggekommen. Ich komme aber zu meinem Block, und da sagt mir der Stubendienst: ´Wart, wart, geh mal nicht zur Arbeit. Von der Schreibstube habe ich den Befehl erhalten dir zu sagen, dass du dir neue Häftlingskleidung holen und dich morgen am Tor melden sollst, weil du nach Berlin gehst.´ Da glaubte ich, dass ein Wunder geschehen ist und dass das wahr ist.“

Was es mit dem angeblichen Wunder auf sich hat, erfährt Adolf Burger allerdings nicht. Erst einmal muss er mit acht weiteren Häftlingen, alles Buchdrucker, zurück nach Auschwitz in Quarantäne. Drei Wochen später werden sie von SS-Leuten aus dem Reichssicherheitsamt abgeholt.

„Sie bringen uns an den Bahnhof von Auschwitz, plötzlich kommt ein Schnellzug angefahren und alle neun steigen wir neun. Ich konnte meinen Augen nicht trauen. Ansonsten sind Häftlinge nur in Viehwaggons transportiert worden. Ich muss sagen, die SS-Leute aus dem Sicherheitsamt haben sich uns gegenüber anständig verhalten. Sie haben uns zu essen gegeben, haben nicht gebrüllt, sondern sich mit uns normal unterhalten. Aber sie haben aufgepasst, immer war einer von ihnen im Abteil. Wir fahren und fahren also, und plötzlich kommen wir in Berlin an. Und ich sehe auf dem Bahnhof Frauen, Kinder, Soldaten, er war voll. Das hatte ich fast drei Jahre lang nicht mehr gesehen.“

Es ist der 14. April 1944. Doch das Wunder stellt sich nicht als solches heraus. Denn aus Berlin fahren die sieben Gefangenen mit einem Regionalzug weiter nach Oranienburg, wo die SS-Leute ihnen befehlen auszusteigen. Nach einer halben Stunde Fußmarsch kommen sie auf eine Lichtung. Adolf Burger sieht die Aufschrift: Konzentrationslager Sachsenhausen. Was geht in ihm vor?

„Ich habe überhaupt nichts gedacht. Denn nichts konnte schlimmer sein als Birkenau. In den Lagern, die in Deutschland waren wie Sachsenhausen oder in Österreich wie Mauthausen herrschten Bedingungen, unter denen man unter bestimmten Umständen die Chance hatte zu überleben. Birkenau war jedoch das Schlimmste, das es je gegeben hat, es war die Hölle. Selbstverständlich habe ich mir gar keine Gedanken gemacht, ich habe nur die Aufschrift Sachsenhausen gesehen. Drinnen haben wir Karten mit neuen Nummern erhalten, die uns aber nicht eintätowiert wurden und wir mussten erneut drei Wochen auf Quarantäne. Dann kam ein SS-Mann in den Quarantäne-Block und sagte: ´Ich bin Hauptscharführer Werner, kommt, Ihr geht auf Euren Arbeitsplatz.´ Nie hatte sich uns bisher ein SS-Mann vorgestellt. Wir gehen durch das ganze Lager zum südlichsten Teil mit zwei Blöcken. Wie haben die Blöcke aber ausgesehen? Die waren von oben bis unten mit 1000 Volt Hochspannung verdrahtet. Die Fenster waren weiß getüncht, damit niemand hineinsehen konnte. Und die beiden Blöcke waren mit einem drei Meter hohen Tor verbunden, damit man nicht in den Hof schauen konnte. Hauptscharführer Werner läutet, es macht ein SS-Mann auf. Wir gehen in den Block 18, und ich staune: Da steht eine ganz moderne Druckerei. Und wie die Häftlinge aussahen, die hinter den Maschinen standen. Die waren nicht kahl geschoren wie ich, die hatten Haare auf dem Kopf. Und sie trugen Lederschuhe. Und dann sagt der SS-Mann: Hier werdet ihr an der Produktion der englischen Pfundnote arbeiten. Wir er das sagte, dachte ich: Ende, hier komme ich nie mehr lebend wieder heraus; darum ist der Block so verdrahtet und man kann nicht einmal hereinsehen. Dann kommt der Blockälteste, ein politischer Häftling, Atze aus Berlin. Er zeigt uns, wo wir schlafen werden, in Block 19. Dort stehen blitzblanke Doppelbetten mit weißen Leinen und Kopfkissen. Ich lag ja vor drei Wochen noch im Pferdestall, fünf nebeneinander. Und wir gehen weiter in den Gesellschaftsraum, in dem Tische, Stühle und Bänke stehen. Auf den Tischen liegen Tageszeitungen, Schachspiele, Kartenspiele. Und die ganze Zeit, da wir durch den Block 18 gehen, spielt Musik. Dann sagt Atze: ´Ihr habt bestimmt Hunger´. Und er kommt mit einem ganzen Brot zurück und nicht nur 300 Gramm.“

Am nächsten Tag schon steht Adolf Burgers erster Arbeitstag in der Druckerei an. Zur Begrüßung kommt SS-Sturmbannführer Bernhard Krüger und teilt den Häftlingen ihre Aufgaben mit. Es geht vor allem um das Fälschen ausländischer Banknoten. Es ist die Geldfälschaktion, die nach Krügers Vornamen die offizielle Bezeichnung „Aktion Bernhard“ erhält.

„Um zehn Uhr früh mussten wir antreten. Die Häftlinge stellten eine Kiste hin mit dem Papier von der Firma Hahnemüller in Dassel für die Pfund Sterling und Sturmbannführer Krüger stellt sich auf die Kiste. Er war ein schöner junger Mann und sehr intelligent. Er war im Reichssicherheitshauptamt Chef der Abteilung für den Kampf gegen Geldfälscher in ganz Nazideutschland. Und er sagte: ´Ihr wisst ja, dass hier englische Pfundnoten gedruckt werden. Außerdem machen wir aber englische, amerikanische, schweizerische Pässe und gegen die Russen NKWD-Legitimationen, also Dokumente aus der ganzen Welt für unsere Spione. Die müssen aber genau sein. Wenn Ihr gut arbeiten werdet, dann wird Euch unser Endsieg belohnen. Ihr werdet dann Villen erhalten, Frauen könnt ihr haben, aber die ganze Freiheit werde ich Euch nie geben können. Wenn Ihr aber sabotiert, werdet Ihr erschossen. Abtreten!´ Das war seine Begrüßungsrede. Danach kam ich gleich zur Arbeit. Aber mein erster Auftrag waren jugoslawische Geldscheine. Ich habe Millionensummen davon gedruckt, es waren einfache farbige Banknoten. Erst danach sind wir zum Druck der englischen Pfund übergegangen.“

Mit der Verteilung der jugoslawischen Banknoten sollen die dortigen, nebeneinander bestehenden Währungen entwertet und die Finanzierung der Partisanen torpediert werden. Die englischen Pfund hingegen dienen zur direkten Finanzierung der Kriegsmaschinerie des Dritten Reiches. Doch die Chance zur Sabotage durch die Häftlinge ist gering. Erst als es an den amerikanischen Dollar geht, heckt Burgers holländischer Mithäftling Abraham Jacobson einen Plan aus.

„Als wir das britische Geld druckten, konnten wir nicht sabotieren, weil die SS 20 jüdische Bankbeamten aus ganz Europa in unseren Block brachte und diese haben jede Pfundnote durchleuchtet. Wenn wir sabotiert hätten, dann wäre ich gleich erschossen worden, sie wären sofort draufgekommen. Als aber Krüger dann den Druck des Dollar in Angriff nehmen ließ, war das bereits eine andere Sache. Denn er wollte ihn nicht im Tiefdruck herstellen, das hätte sehr lange gedauert, dazu hätte eine Stahlplatte hergestellt werden müssen. Er als Fachmann hatte sich für den Lichtdruck entschieden. Aber Jacobson sagte zu mir: ´Ada, wir dürfen denen den Dollar nicht geben, sonst verlängern wir den Krieg nur.´ Außer mir und ihm war niemand weiteres eingeweiht. Hätte bereits ein dritter Häftling etwas erfahren, wer weiß, ob das dann nicht auch zur SS durchgedrungen wäre. Sechs Wochen haben wir den Dollar hinausgezögert, doch dann bumm.“

Der nationalsozialistischen Führung platzt der Kragen: Wenn nicht binnen sechs Wochen der Dollar geliefert werde, solle das Geldfälscherteam erschossen werden. Zuvor hatte Jacobson mit einem technischen Trick den Druck aufhalten können. Regelmäßig panschte er eine bestimmte Gelantine für die Druckplatten, die beim Lichtdruckverfahren benötigt wird, so dass sie letztlich immer untauglich ist. Und Burger?

„Ich lasse mich doch nicht erschießen, nur um die Dollars zu verhindern, ich bin ja nicht verrückt. Dann kommen andere und machen das. Dann frage ich Jacobson: ´Was machen wir jetzt?´ Er: ´Ich mache jetzt eine gute Gelantine und wir werden drucken, weil wir uns nicht erschießen lassen.“

Drei Wochen arbeitet das Team Tag und Nacht, denn der Termin ist sehr eng gesetzt.

„Aber in der vierten Woche hat er eine gute Gelantine hergestellt – und die ersten 200 Dollarscheine wurden perfekt. Werner rief dann Krüger, und der kam mit zwei Experten. Ich sehe das noch heute vor mir. Wir mussten unsere 200 Scheine auf einem Tisch ausbreiten, er zog aus der Brieftasche 50 echte Scheine. Er sagte: ´Vermischt das!´ Dann rief er die Experten rein und die suchten eine Stunde lang nach den 50 echten Scheinen. Als sie 50 beisammen haben, sagt Krüger zu Jacobson: ´Schau, ob da nicht auch welche von Euch drunter sind.´ Dann dreht er die Scheine um. Krüger: ´Was machst Du?´ Schauen Sie, Herr Sturmbannführer, bevor ich unsere Scheine auf den Tisch gelegt habe, habe ich am Rand auf der anderen Seite jeweils ein kleines Kreuz gemacht, damit wir sie erkennen. Alle Dollarscheine, die Ihnen die Experten gegeben haben und ein Kreuz haben, sind unsere.´ Mehr als die Hälfte waren unsere. Krüger war froh, auf zu Himmler, doch es war zu spät. Wir hätten am nächsten Tag eine Million Dollar drucken sollen, doch dann kam vom Sicherheitsdienst der Befehl, dass die Russen nur noch 110 Kilometer von Berlin entfernt seien, die Maschinen sollten demontiert, das Papier in Kisten verpackt werden. Und von Schloss Friedenthal, wo die Spionageschule war, brachten sie mit einem kleinen Lieferwagen das geheimste Archiv des Sicherheitsdienstes. Der Sicherheitsdienst musste ja auch fliehen. Also haben wir das auch verpackt. Mit 16 Eisenbahnwaggons wurde alles weggeschafft. Warum aber haben die uns nicht gleich in Sachsenhausen umgebracht, als sie erfuhren, dass die Russen kommen? Nun, sie wollten die Dollars, sie waren verrückt nach den Dollars. Die dachten, wenn sie sich in Österreich in den Alpen verstecken, könnten sie noch die Dollars bekommen. Deswegen wurden wir drei Wochen lang nach Mauthausen geführt. Die Maschienen waren schon aufgestellt, wir sollten bereits drucken, nur die Amerikaner rückten so schnell vor, dass es nicht dazu gekommen ist. Aber sie wollten die Dollars – um jeden Preis.“

Adolf Burger wird am 5. Mai 1945 aus dem Konzentrationslager Ebensee in der Steiermark in Österreich befreit. Während die SS aus dem Alpental flieht, besorgt er sich einen Fotoapparat, um im Konzentrationslager die Häftlinge zu fotografieren. Die zehn Bilder mit den ausgemergelten Gestalten werden zur Grundlage seines ersten Buches unter dem Titel „Nummer 64.401 erzählt“. Das Buch kommt im Sommer 1945 in Prag heraus. Später ergänzt Adolf Burger in „Des Teufels Werkstatt“ seinen Bericht um Aktenbelege. Erst der Film „Die Fälscher“ des österreichischen Regisseurs Stefan Ruzowitzky, der auf dem Buch „Des Teufels Werkstatt“ beruht, hat in diesem Jahr Burger weltweit bekannt gemacht.

26-12-2007