Der Blick zurück und nach vorn - Kulturbrunch in Rehlovice

Kulturbrunch wurde das Zusammentreffen von deutschen und tschechischen Kulturschaffenden Anfang Dezember im Kulturzentrum Rehlovice in Nordböhmen bedeutungsträchtig genannt. Hier trafen die Organisatoren und Beteiligten der Dresdner Tschechischen Kulturtage vom 27. Oktober bis zum 12. November zusammen, um Revue passieren zu lassen und neue Pläne zu schmieden. Renate Zöller hat sich unter die Anwesenden gemischt.

Ganz vertieft greift Michal Müller in die Seiten seiner Zither und zaubert die Anwesenden in südländische Gefilde. Entspannt plaudern die tschechischen und deutschen Kulturschaffenden bei eingelegten Zwiebeln und Pilzen, bei Wildgulasch und Knoblauchsuppe. It's Partytime. Und Grund zu feiern haben die Aktivisten der deutsch-tschechischen Kulturtage in Dresden und der Elberegion. Immerhin haben sie einen regelrechten Marathon hinter sich: Kunst und Kultur aller Genres und Sparten haben sie auf insgesamt 112 Veranstaltungen präsentiert. Und das erstmals grenzübergreifend, 96 Veranstaltungen fanden wie gewohnt in Dresden und Umgebung statt. Doch in diesem Jahr wurden erstmals auch in Usti nad Labem und Umgebung Events organisiert. Veronika Fedotova vom Tschechischen Zentrum in Dresden sagt:

"Die letzten sieben Jahrgänge der tschechischen Kulturtage sind in Sachsen und in der ganzen Euroregion Elbe-Labe gelaufen. Und schon bei mehreren Jahrgängen wurde der Wunsch geäußert, auch auf der tschechischen Seite Veranstaltungen zu machen. Die Idee ist, dass deutsche Künstler genauso die Gelegenheit bekommen sollen, sich in Tschechien zu präsentieren. Und das hat sich nun in diesem Jahr bestätigt. Wie uns von den Mitveranstaltern aus Usti nad Labem und der Region mitgeteilt wurde, wurde tatsächlich durch diese Veranstaltungen die ganze Region belebt. Das Kulturleben läuft hier allgemein nicht so gut, die Organisatoren sind oft nicht so zufrieden. Die Clubs, die Kinobesuche - all das ist hier etwas eingeschränkt. Im Rahmen des Festivals und allem was dort gelaufen ist, durch die Poetry Slam Show, die Kinoveranstaltungen oder die Jazzkonzerte, wurde tatsächlich etwas bewegt. Das war ein hervorragendes Erlebnis und ein großer Erfolg."

Dieser Erfolg lässt sich durchaus auch in den Zahlen sehen. 11.250 Besucher konnten dort gezählt werden, wo es Eintrittskarten zu kaufen gab. Dazu kamen mehrere zehntausend Gäste auf öffentlichen Veranstaltungen etwa auf Marktplätzen. Die durchschnittliche Auslastung der Spielstätten lag bei über 80 Prozent.

Zu den Highlights des Festivals gehörten in Deutschland das Gastspiel der Kinderoper Prag mit der Vorstellung "Der kleine Mozart" im Kulturrathaus, ein Konzert der Janacek Philharmonie Ostrava in der ausverkauften Frauenkirche oder die Ausstellung "Hotel Chalupecky" bei der Gegenwartskunst aus Tschechien präsentiert wurde. Besonders die Literatur hatte einen hohen Stellenwert in diesem Jahr, beispielsweise in der Prager Nacht, bei der an ungewöhnlichen Orten in Dresden tschechische Autoren vorgestellt werden, bei einer Diskussionsrunde mit Peter Demetz oder einem Abend der "Prager deutschen Literatur".

In Tschechien war vor allem die Tschechisch-deutsche Poetry-Slam-Show im Klub Circus Ústí nad Labem mit jeweils drei tschechischen und drei deutschen Dichtern eine Attraktion. Aber auch Filme, Theateraufführungen, Lesungen und Rock-, Pop-, und Jazz-Konzerte fanden eine gute Resonanz. Viktor Slezak vom Dresdner Jazzclub Neue Tonne ist begeistert vom neuen grenzübergreifenden Programm der Dresdner Tschechischen Kulturtage. Er schwärmt vom ausverkauften Narodni dum in Usti nad Labem und von hervorragenden Reaktionen des Publikums. Sein Erfolgskonzept für die Konzerte in Tschechien erklärt Slezak folgendermaßen:

Lydia Daher, Poetry Slam in Usti nad LabemLydia Daher, Poetry Slam in Usti nad Labem "Das Besondere daran war, dass sich direkt auf der Bühne deutsche und tschechische Künstler getroffen haben. Das waren also in diesem Fall nicht einfach nur Konzerte deutscher Künstler in Tschechien oder andersherum in Dresden sondern die Künstler standen tatsächlich gemeinsam auf der Bühne, sowohl in Dresden als auch in Usti nad Labem. Das hatte einen großen Vorteil: Die tschechische Seite der tschechischen Kulturtage ist ja neu und viele deutsche Künstler, praktisch alle, sind noch völlig unbekannt. Daher wirkten die tschechischen Musiker, die mitgewirkt haben, ein bisschen wie ein Multiplikator. Die sind schließlich bekannter und haben das Publikum mitgezogen, auch zu den bislang unbekannteren deutschen Künstlern."

Und nicht nur die Zahl der verkauften Eintrittskarten bestätigen und begeistern Slezak. Vielmehr glaubt er, mit diesem Konzept den eigentlichen Kern der Kulturtage getroffen zu haben:

"Es ist sehr gut gelaufen. Und was uns sehr gut gelungen ist, ist die Interaktion zwischen den deutschen und tschechischen Künstlern selbst, die zusammen bis spät in der Nacht gespielt, improvisiert und gejammt haben. Und das ist ja wohl auch der Sinn der Sache, dass eben Gäste, Künstler, Leute aus beiden Ländern zusammenkommen, ins Gespräch kommen, gemeinsam Musizieren und ein Verständnis aufbauen."

Schließlich ist das das Anliegen der Organisatoren, die tschechisch-deutsche Zusammenarbeit zu stärken. Darum bemühen sich während der tschechischen Kulturtage in Deutschland drei Organisationen, die sich auch sonst in der Förderung bilateraler Projekte hervortun. Als gleichwertige Partner agieren hier das Tschechische Zentrum Dresden, die Brücke/Most-Stiftung und die Stadt Dresden. Am aktivsten bei der Organisation ist das Tschechische Zentrum Dresden. Auf der tschechischen Seite sind nun die Verwaltung der tschechischen Zentren in Prag, das Kulturzentrum von Usti nad Labem, die Initiative Collegium Bohemicum und das Kulturzentrum Rehlovice dazugestoßen. Lenka Holikova, Keramikerin und Leiterin des Kulturzentrums Rehlovice, erzählt dazu:

"Bereits beim zweiten Jahrgang der Tschechischen Kulturtage in Dresden waren wir mit dem ersten Projekt, mit `Strömungen´ (Proudeni), dabei. Und seither sind wir regelmäßig jedes Jahr dort. Seit diesen sieben Jahren ist wirklich eine feste Freundschaft entstanden, kann man sagen, zwischen den Leuten von der Brücke/Most-Stiftung und uns. Mittlerweile kommen die jeden Sommer hier her und spielen mit uns Fußball. Als jetzt die Idee aufkam, die Kulturtage nach Tschechien zu erweitern, da haben wir sofort gesagt, wir würden auch gerne hier auf dem Hof etwas machen."

Das gelungene Festival dann in Tschechien und gerade in Rehlovice in einem feierlichen Rahmen ausklingen zu lassen, macht daher für Veronika Fedotova Sinn:

"Das Kulturzentrum Rehlovice hat in den vergangenen Jahren sehr dazu beigetragen, dass die deutsch-tschechische Zusammenarbeit, unter anderem bei den Kulturtagen, sehr gut läuft. Dass sich das Zentrum auch außerhalb der Kulturtage bemüht, mit tschechischen und deutschen Künstlern Kontakte zu knüpfen, finde ich schön."

Und tatsächlich kann man sich einen beschaulicheren und gleichzeitig inspirierenden Ort als die Brauereiruine, die sozusagen von Kunst ganz zersetzt ist, kaum vorstellen, um Kulturschaffende zusammenzubringen. Denn schließlich sollen beim Kulturbrunch nicht nur die vollbrachten Taten gefeiert werden, sondern auch die ein oder andere neue Idee geboren werden. Fedotova sagt:

"Das ist immer sehr wichtig, dass man in aller Ruhe einmal zurückblickt. Und vielleicht auch vorwärts schaut, was noch vor uns steht."