10 Jahre Brücke/Most-Stiftung: "Mehr als positiv entwickelt"

Ein Jahrzehnt ist für die Beziehung zweier Länder zueinander nicht gerade viel. Doch selbst in dieser überschaubaren Zeit hat die Stiftung mit dem deutsch-tschechischen Namen Brücke/Most viel getan für die Verständigung über die Grenzen hinweg. Anlässlich der Zehnjahresfeier, die Mitte Juli in Dresden stattfand, nun ein Porträt der Brücke/Most-Stiftung.

Als Professor für Politologie in Freiburg gründete er 1997 die Brücke/Most-Stiftung: Helmut Köser. Und das, obwohl sein Fachbereich eigentlich die kommunale und regionale Ebene ist. Doch bei der Gründung gingen die Gedanken weit darüber hinaus, wie er erzählt:

"Die Gründung einer Stiftung geht ja nicht von heute auf morgen. Da gibt es bestimmte Schlüsselerlebnisse. Als Student war das für mich das Jahr 1968, die Niederschlagung des Prager Frühlings, und dann natürlich die Wende 1989/90. Für mich als Politikwissenschaftler war klar, dass sich die Entwicklung in Europa in Mitteleuropa und dem Osten vollziehen wird."

Dass die Stiftung dann ausgerechnet 1997 entstand, hatte jedoch einen unmittelbaren Anlass: die Verabschiedung der Deutsch-tschechischen Erklärung im Januar desselben Jahres. Helmut Köser:

"Die Erklärung war für uns ein wichtiger Wegweiser, weil sie das beschrieb, was politisch möglich war. Und wir haben gesagt, dass ist eine gute Grundlage für uns, auf ihr wollen wir arbeiten und die Stiftung gründen."

Sie leben seit über 25 Jahren in der Nähe von Freiburg. Da liegt eigentlich Frankreich näher. Ist das für Sie auch Inspiration gewesen?

"Die Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich war in gewisser Weise ein Vorbild. Die schrittweise Annäherung nach dem Krieg habe ich natürlich sehr bewusst verfolgt, ich bin ja Jahrgang 1940, also Kriegskind. Und der Schüleraustausch sowie der studentische Austausch haben eine große Rolle gespielt. Dieses Leben an der Grenze, in Freiburg, war in gewisser Weise schon ein Vorbild für das, was man an der Grenze zu Tschechien oder Polen dann machen könnte."

Drei Büros, oder wie es in der offiziellen Sprache der Stiftung heißt, drei Brückenpfeiler hat die Stiftung: einen in Dresden, einen in Freiburg und den jüngsten in Prag. Hier wird in vier Schwerpunkten gearbeitet: Kultur, Bildung, Wissen und die Vermittlung tschechisch-deutscher Kontakte.

Den Bereich Kultur charakterisiert vielleicht ganz gut eines der wichtigsten Projekte, das die Brücke/Most-Stiftung ins Leben gerufen hat. Brücke-Geschäftsführer Peter Baumann erläutert:

"Eines unserer öffentlichkeitswirksamsten Projekte sind die Tschechisch-deutschen Kulturtage, die wir in Dresden und der Euroregion Elbe/Labe bereits seit 1999 durchführen. In diesem Jahr steht also der neunte Jahrgang an. An 17 Tagen finden insgesamt 100 Veranstaltungen statt. Und jedes Jahr können wir mehr als elf- bis zwölftausend Besucher begrüßen. Mit diesem Projekt wollen wir nicht nur tschechische Kultur präsentieren, also professionelle Künstler, die auftreten und dann wieder gehen. Sondern das Ziel unserer Stiftung ist ja, Nachhaltigkeit zu erzielen, Begegnungen zu initiieren und Netzwerke aufzubauen. Und genau das machen wir mit diesen Kulturtagen."

Und so entsteht dann, was laut Peter Baumann die größte Präsentation tschechischer Kultur in Deutschland ist. Allerdings ist die Ausrichtung der Kulturtage in diesem Umfang seit Neuestem mit einem gewissen "Aber" verbunden, wie Helmut Köser sagt:

"Wir können ein solches Projekt nicht allein aus eigenen Mitteln finanzieren. Wir hatten bisher eine Förderung durch die Europäische Union. Die ist ausgelaufen; und jetzt hat einen Teil der Freistaat Sachsen übernommen. Aber von der tschechischen Seite erwarten wir doch nun auch langsam einen finanziellen Beitrag, wenn die Kulturtage weitergeführt werden sollen."

Die Tschechisch-deutschen Kulturtage haben im Übrigen seit 2005 einen kleinen Bruder in Freiburg. Daneben gibt es natürlich noch eine bunte Palette weiterer Projekte, die die Stiftung betreibt. Beispielsweise werden junge Tschechen und Slowaken gefördert, die an der Musikhochschule in Dresden studieren. Die Studenten sind dann vier Mal im Jahr bei Hauskonzerten im Stiftungszentrum zu hören:

Ebenso wichtig ist aber der Bereich Bildung. Neben Seminaren, die meist am Stiftungssitz in Dresden abgehalten werden, fällt hier besonders dem Brückenpfeiler in Prag eine besondere Rolle zu.

Peter BaumannPeter Baumann "Dort haben wir seit Anfang dieses Jahres ein neues Projekt, das sich Informations- und Kontaktbüro nennt und Ansprechpartner ist für deutschsprachige Schulklassen und Jugendgruppen, die nach Prag fahren. Früher liefen Prager Schulklassenfahrten meist so ab, dass die Karlsbrücke und die Burg kennen gelernt wurde und wahrscheinlich erste Erfahrungen mit dem Bier gemacht wurden. Das war es aber auch meist. Seit es uns gibt, passiert da viel mehr", sagt Ina Gamp, die Leiterin des Studienhauses in Dresden.

Und zwar hilft die Brücke, ein sinnvolles und interessantes Programm für solche Fahrten zusammenzustellen. Vor allem organisiert sie aber Begegnungen zwischen den deutschsprachigen und tschechischen Schulklassen.

Der dritte Bereich der Arbeit ist die Vermittlung von Wissen. Zum Beispiel indem die Stiftung ehemalige tschechische NS-Zwangsarbeiter und Holocaust-Überlebende in deutsche Klassenzimmer bringt. Bundesweit etwa 10.000 Schüler konnten so bereits Gespräche mit Zeitzeugen führen. In diesem Zusammenhang erzählt Helmut Köser von einem interessanten Beispiel dafür, wohin die tschechisch-deutsche Annäherung sogar auch führen kann:

"Wir haben die Autobiografie einer Tschechin, die in Theresienstadt interniert war, auf Deutsch herausgegeben. Die Tschechin hatte gesagt, sie betrete nie wieder deutschen Boden - ihre ganze Familie war in Auschwitz ums Leben gekommen. Dann haben wir sie kennen gelernt und haben zwei Jahre gemeinsam an ihrem Buch gearbeitet - mal in Prag, mal in Dresden. Inzwischen ist da eine tiefe Freundschaft entstanden. Und beim letzten Besuch hat sie gesagt: Ich wollte eigentlich nie mehr nach Deutschland kommen, aber Euer Haus ist für mich eine zweite Heimat geworden."

Und der vierte Bereich der Stiftungsarbeit: Er geschieht praktisch nebenher und über ein zweisprachiges Internetportal sowie eine Mailingliste zu tschechisch-deutschen Themen. Es ist der Bereich Kommunikation und Vernetzung. Im Ganzen sind es also drei Brückenpfeiler und vier Arbeitsbereiche - aber es ist ein Fazit, das Geschäftsführer Peter Baumann zieht:

"Wenn man sieht, wie unbefangen heute das deutsch-tschechische Verhältnis erlebt wird und mit so vielen Angeboten im Bildungs- und Kulturbereich erfahrbar ist, dann hat es sich also mehr als positiv entwickelt."

Und weil die Brücke/Most-Stiftung dazu einen wichtigen Beitrag geleistet hat und auch weiter leistet, konnte ihr Gründer und Vorsitzender Helmut Köser zur Zehnjahresfeier auch eine besondere Auszeichnung entgegennehmen: das Bundesverdienstkreuz, überreicht vom sächsischen Ministerpräsidenten Georg Milbradt.