Elektropop, Krimi und Malerei aus Tschechien

09-05-2019

: Musik und Literatur, dazu Film und Malerei. Das alles bieten die kommenden Wochen im Tschechischen Zentrum in Berlin. Mehr zu dem Programm im Interview mit der stellvertretenden Leiterin des Zentrums, Christina Frankenberg.

Post-hudba (Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums Berlin)Post-hudba (Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums Berlin) Frau Frankenberg, am Freitag kommen zwei Musiker zu Ihnen ins Tschechische Zentrum. Sie nennen sich post-hudba. Stellen Sie unseren Hörern das Duo doch ein bisschen vor…

„Beide Musiker kommen aus Prag, es sind der Produzent Tomáš Havlin und der Sänger und Songwriter Dominik Zezula. Vor einigen Jahren haben sie bereits zusammen gespielt, dann legten sie aber eine längere kreative Pause ein. Jetzt treten sie wieder zusammen auf. Hier in Berlin werden sie ihr neues Album mit im Gepäck haben. Der Titel ist etwas melancholisch ‚Není se na co těšit‘ – also: Nichts worauf man sich freuen kann. Und entsprechend melancholisch ist auch die Musik der beiden. Das Konzert bei uns findet in der Reihe Wilhelmstr./electronic statt. Die Musiker selbst bezeichnen sich als existenzialistisches Elektropop-Duo. Ihre Texte nehmen bei den Auftritten relativ viel Raum ein und sind etwas schwermütig. So heißen zwei Lieder zum Beispiel ‚Immer die gleichen Strände‘ und ‚Immer die gleichen Wüsten‘. Das wird begleitet von sehr eingängiger und melodischer Musik. Es erwartet uns also insgesamt ein recht ruhiges Konzert.“

In Deutschland sind ja seit vielen Jahren Krimis am Boomen. Bisher aber gehören tschechische Autoren in diesem Bereich immer noch zu den Exoten. Das gilt aber vielleicht zu Unrecht, wenn man die Autorin Iva Procházková nimmt. Sie wird am 14. Mai bei Ihnen lesen.

„Procházkovás Krimi spielt in Prag und Umgebung, er ist sehr atmosphärisch.“

„Iva Procházková stellt bei uns ihren ersten Krimi vor. Das Buch heißt in der deutschen Übersetzung von Mirko Kraetsch ‚Der Mann am Grund‘. Die Autorin beschreibt den ersten Fall von Kommissar Holina. Auf Tschechisch liegt auch schon der zweite Fall vor. Ihr Roman steht in bester Tradition der klassischen Krimis. Es geht um einen Toten, der am Grunde eines Baggersees angeschnallt in einem Auto gefunden wird. Es stellt sich heraus, dass er Polizist war und sich während seines Dienstes und im Privatleben einige Menschen zu Feinden gemacht hat. Iva Procházková hat viele Verdächtige und entspinnt eine sehr spannende Handlung. Sie hat – wie es ein klassischer Krimi verlangt – zudem ein größeres Ermittlerteam. Auch über die drei Ermittler erfahren wir einiges aus ihrem Privatleben. Der Krimi spielt in Prag und Umgebung, er ist sehr atmosphärisch. Die Autorin nutzt auch sehr schön den Genius loci von Prag. Und die Handlung, die sich etwa über eine Woche erstreckt, spielt während einer Hitzewelle, wie wir sie in vergangenen Sommern immer mal wieder erlebt haben. Alles strebt auf ein Gewitter zu, und als sich dieses dann entlädt, wird auch der Kriminalfall gelöst.“

Ensemble terrible (Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums Berlin)Ensemble terrible (Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums Berlin) Elektronische Musik hatten wir bereits. Sie haben aber vor einigen Monaten auch eine Reihe mit Neuer Musik gestartet. In deren Rahmen kommt das Ensemble terrible nach Berlin. Wer verbirgt sich hinter dem Namen, und was haben die Musiker im Gepäck?

„Das Ensemble terrible kommt sozusagen direkt von dort, wo die Neue Musik im Entstehen ist – und zwar sind es Studierende und Absolventen der Akademie der musischen Künste in Prag. Sie haben Werke von vier älteren und zwei neuen Studierenden und Pädagogen der Hochschule ausgewählt. Das Ensemble tritt häufig auch in Tschechien auf. Typisch für die jungen Musiker ist unter anderem, dass sie sich gerne ungewöhnliche Orte für ihre Konzerte aussuchen. Sie gehen dorthin, wo das Publikum ist, und versuchen so die Barrieren zur Neuen Musik niedrig zu halten oder ganz abzubauen. Mit diesem Konzert beschließen wir vorerst unsere kleine Reihe, die sich der zeitgenössischen Musik aus Tschechien gewidmet hat.“

Montags zeigen Sie im Tschechischen Zentrum immer Dokumentarfilme. Am 20. Mai sind es aber gleich drei an der Zahl. Warum so viele?

„Regisseurin Babanová spielt mit der Wirklichkeit und zeigt, wie diese auch beeinflusst werden kann.“

„Wir haben dann einen DokuMontag spezial im Programm – zum einen weil wir im schönen 70er-Jahre-Kinosaal der Tschechischen Botschaft zu Gast sein werden, zum anderen weil wir drei Kurzfilme vorstellen. Sie stammen von Adéla Babanová und sind nicht im klassischen Sinne Dokumentarfilme. Adéla Babanová ist Videokünstlerin und Regisseurin. Sie interessiert sich in ihrem Werk sehr für die Grenzen zwischen Fiktion, Dokumentation und Mystifikation. Die Regisseurin fasziniert, die Grenzen erkennen zu wollen zwischen dem Wahren und dem Unwahren. Wir stellen drei ganz tolle Filme von ihr vor, die sich alle auf reale Ereignisse der Vergangenheit beziehen, aber von Babanová künstlerisch weiterentwickelt werden. Zum Beispiel erzählt einer der Streifen von einem wahren, aber geheimnisvollen Flugzeugabsturz in den 1970er Jahren in der Tschechoslowakei. Eine jugoslawische Stewardess überlebte wie ein Wunder den Sturz aus Reiseflughöhe, hatte aber einen vollkommenen Gedächtnisverlust. Adéla Babanová zeigt nun diese Stewardess im Krankenhaus, wo ein freundlicher Herr ihr versucht zu suggerieren, was sie eigentlich erlebt hat. Die Regisseurin spielt hier mit der Wirklichkeit und zeigt, wie diese auch beeinflusst werden kann. Und ich freue mich sehr, dass die Künstlerin selbst auch nach Berlin kommt. Sie wird von ihrem Produzenten Tomáš Vach begleitet. Beide werden im Anschluss an die Vorführung über die drei Filme sprechen.“

Am 13. Juni starten Sie eine Ausstellung mit Malerei aus dem mährisch-schlesischen Ostrau. Was ist da so alles zu sehen?

„Diese Ausstellung heißt ‚Black Milk‘. Sie zeigt vor allem großformatige Malerei, aber auch einige Installationen. Die Werke stammen von mehreren Künstlern wie zum Beispiel Daniel Balabán, Pavel Forman oder Jiří Kuděla, aber auch Künstlerinnen wie Ivana Štenclová oder Dagmar Lasotová. Sie alle stammen aus Ostrava (Deutsch: Ostrau, Anm. d. Red.), einer Stadt, die dabei ist, sich sozusagen neu zu erfinden – weg von dem früheren Zentrum der Montanindustrie. Auf der Suche nach neuen Wegen spielt auch die Kultur eine wichtige Rolle. Derzeit entstehen in Ostrava einige interessante künstlerische Projekte. Die Maler und Malerinnen, die wir bei uns zu Gast haben werden, stellen ihre Positionen dazu vor.“

Iva Pekárková (Foto: Adam Kebrt, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Iva Pekárková (Foto: Adam Kebrt, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Fünf Tage nach der Ausstellungseröffnung kommt eine weitere Literatin zu einer Lesung: Iva Pekárková. Was zeichnet sie aus?

„Iva Pekárková ist, wie ich finde, eine ganz tolle tschechische Autorin. Sie ist schon als junge Frau noch vor der politischen Wende von 1989 in die USA emigriert und hat sich einige Zeit dort als Taxifahrerin durchgeschlagen. Darüber hat sie auch einen Roman geschrieben, der schon ins Deutsche übersetzt wurde. Danach kehrte sie für einige Jahre zurück in die Tschechische Republik, seit 2005 ist sie aber in Großbritannien zu Hause. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass Iva Pekárková eine Weltenbummlerin ist. Sie hat auch Reisereportagen von all den Orten geschrieben, an denen sie war. Diese Verbindung von Prosa und gewissen journalistischen Elementen beeinflusst auch heute ihr Schreiben. Wir werden von ihr drei Erzählungen vorstellen – in der Übersetzung von Martina Lisa sind diese in der Edition ‚Tschechische Auslese‘ veröffentlicht worden. Das ist ein gemeinsames Projekt des Brünner Verlags Větrné mlýny und des österreichischen Wieser Verlags. Die Erzählungen stammen im Original aus dem Band ‚Beton‘ und sind auf Deutsch veröffentlicht worden unter dem Titel ‚Noch so einer‘. Iva Pekárková wird bei uns aus ihren Texten lesen, und dann gibt es im Anschluss ein Gespräch mit ihr. Der ganze Abend wird in deutscher und tschechischer Sprache stattfinden.“

09-05-2019