Ausgezeichnete Literatur und Foto-Porträts

In Berlin ist das kulturelle Leben nach der Sommerpause schon wieder in vollem Gange. Das gilt auch für das dortige Tschechische Zentrum. So gibt es in den kommenden Wochen Musik aus dem Nachbarland, viel Literatur und ungewöhnliche fotografische Perspektiven. Mehr im Interview mit Christina Frankenberg, der stellvertretenden Leiterin des Zentrums.

Bianca Bellová (Foto: Ian Willoughby)Bianca Bellová (Foto: Ian Willoughby) Frau Frankenberg, das Programm des Tschechischen Zentrums in Berlin ist in den kommenden Wochen sehr gut gefüllt. Gleich jetzt am Donnerstag kommt die Schriftstellerin Bianca Bellová nach Berlin. Was hat sie im Gepäck, und wo wird sie zu sehen und zu hören sein?

„Bianca Bellová liest beim großen Internationalen Literaturfestival Berlin, und zwar ab 21 Uhr im Institut français. Im Gepäck hat sie ihren Roman ‚Am See‘ oder auf Tschechisch ‚Jezero‘. Für ihn hat sie nicht nur in ihrer Heimat den Magnesia-Litera-Preis für das beste Buch des Jahres erhalten, sondern sie wurde auch mit dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichnet. Bianca Bellová haben wir dieses Jahr bereits auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt. Nun wird sie auch in Berlin zu hören sein, wobei Mirko Kretsch ihr Werk ins Deutsche übersetzt hat. Das Buch ist übrigens nicht nur in Deutschland erfolgreich, sondern es wurde bereits in mehr als zehn Sprachen übersetzt.“

Und es geht Schlag auf Schlag weiter: Am Freitag gastiert die Band Zrní bei Ihnen im Tschechischen Zentrum. Welche Musik erwartet die Besucher dann?

Zrní (Foto: Ben Skála, CC BY-SA 3.0)Zrní (Foto: Ben Skála, CC BY-SA 3.0) „Zrní werden am Abend in der Reihe Wilhelmstr./unplugged bei uns spielen. Wobei das Konzert aber nur so zur Hälfte akustisch sein wird. Zrní gehört zu den bekanntesten Alternative-Rockbands in Tschechien, und ihre Bandbreite reicht von Songwriting bis Electronic. Hier in Berlin wird der Auftritt eher etwas ruhiger sein. Gerne möchte ich noch daran erinnern, dass das Tschechische Zentrum vor etwa neun Jahren sozusagen an der Wiege des Erfolgs von Zrní stand. Und zwar gab es 2009 einen Wettbewerb des Tschechischen Rundfunks, der Zeitschrift Rock und Pop und des Tschechischen Zentrums Berlin. Da wurde nach einer Amateurband gesucht. Zrní gewannen damals unter insgesamt 235 Bewerbern und erhielten als Preis einen Auftritt im Ausland, den wir dann organisiert haben. Seitdem ist schon viel Zeit vergangenen, und die Band ist in Tschechien ziemlich bekannt geworden.“

Montags ist bei Ihnen ja Dokumentarfilmzeit. Am 17. September zeigen Sie den Streifen Níc jako dřív – also auf Deutsch: Nichts wie früher. Worum geht es da?

„Der Film ist ein sehr gelungenes Porträt, das einfühlsam gedreht wurde.“

„Der Film erzählt vom schwierigen Heranwachsen Jugendlicher in Varnsdorf, einer kleinen Stadt in Nordböhmen an der Grenze zu Sachsen. Dort sind die Chancen von jungen Menschen auf eine Arbeit recht begrenzt sind, und es eröffnen sich ihnen nicht viele Perspektiven. Die beiden Filmemacher Lukáš Kokeš und Klára Tasovská porträtieren drei junge Menschen auf ihrem Weg, erwachsen zu werden und selbst einen Platz in der Welt zu finden. Das ist manchmal ein etwas düsteres, aber ein sehr gelungenes Porträt, das einfühlsam gedreht wurde. Der Film hat auch international bereits Beachtung gefunden. So lief er im vergangenen Jahr in Amsterdam beim großen Dokumentarfilmfestival. 'Nichts wie früher' (Foto: Nutprodukce)'Nichts wie früher' (Foto: Nutprodukce)Und er wurde in diesem Jahr in Pilsen beim Filmfestival ‚Finále‘ als bester tschechischer Dokumentarstreifen ausgezeichnet. Níc jako dřív läuft bei uns wie alle anderen Filme im tschechischen Original mit deutschen Untertiteln.“

Eine Woche später, also am 24. September, ist bei Ihnen im Zentrum ein weiterer tschechischer Autor zu Gast. Und zwar Marek Šindelka, der seinen Debütroman mitbringt. Was lässt sich zu Autor und Werk sagen?

„Als Erstes vielleicht etwas zu der Lesereihe, die wir bei uns im Tschechischen Zentrum beginnen. Vielleicht wissen die Hörer ja, dass die Tschechische Republik im kommenden Jahr Gastland sein wird bei der Leipziger Buchmesse. Das ist für uns der Anlass gewesen, eine neue Lesereihe ins Leben zu rufen. Sie heißt ‚Tschechien erlesen‘. Marek Šindelka wird der erste Autor sein, der sich im Rahmen der Reihe vorstellt – zusammen mit seinem Debütroman ‚Chyba‘ (Der Fehler, Anm. d. Red.). Der Roman ist jetzt gerade druckfrisch auf Deutsch in einer Übersetzung von Doris Kouba erschienen. Marek Šindelka (Foto: Martina Pavloušková, Radio Wave, ČRo)Marek Šindelka (Foto: Martina Pavloušková, Radio Wave, ČRo)In der Handlung geht es um einen jungen Mann, Kryštof, der anfängt, sich für seltene Pflanzen zu interessieren, und mit Menschen zusammenarbeitet, die diese verbotenerweise aus anderen Teilen der Welt nach Europa schmuggeln. Kryštof lässt sich dabei auf gefährliche Geschäfte ein. Der Roman zeichnet sich durch eine sehr poetische Sprache aus. Er scheint wie im Fieberrausch geschrieben. Und Marek Šindelka hat mir erzählt, dass er tatsächlich beim Schreiben hohes Fieber hatte. Der Autor ist in Tschechien inzwischen recht bekannt. Zweimal wurde er schon mit dem Magnesia Litera ausgezeichnet: einmal für den Erzählungsband ‚Zůstaňte s námi‘, also ‚Bleibt mit uns‘, und im vergangenen Jahr noch für ‚Únava materiálu‘, also ‚Materialermüdung‘.‚Chyba‘ ist nun das erste Buch von ihm, das ins Deutsche übersetzt wurde.“

Und dann eröffnen Sie zu Ende des Monats noch eine Fotoausstellung. Der Name der Fotografin, Libuše Jarcovjáková, hat mir bisher noch nichts gesagt. Aber das ist wohl ein Fehler…

„Ihre Handschrift ist sehr persönlich, fast intim, manche Aufnahmen sind auch schnappschussartig.“

„Ja, ich glaube schon. 2017 hat Libuše Jarcovjáková ein großes Buch in Tschechien veröffentlicht: ‚Černé roky‘. Das bedeutet ‚schwarze Jahre‘ und heißt wie unsere Ausstellung. Dieses Buch enthält Aufnahmen und Tagebuchaufzeichnungen der Fotografin. Sie hat in den 1970er Jahren in der Tschechoslowakei begonnen, Menschen am Rand der Gesellschaft, auch unangepasste, abzulichten. Jarcovjáková hat sich dabei an Orte wie Kneipen oder den Prager Gay-Club vorgewagt. Zudem hat sie viele Selbstporträts angefertigt. Ihre Handschrift ist sehr persönlich, fast intim, manche Aufnahmen sind auch schnappschussartig. Alle Bilder sind schwarzweiß. Interessant ist auch, dass Libuše Jarcovjáková die Tschechoslowakei 1985 verlassen hat. Sie heiratete nach Westberlin, wo sie bis 1990 gelebt hat. Dort hat sie weiterfotografiert und Tagebuch geschrieben. Bei uns im Tschechischen Zentrum werden wir auch Fotos aus dem alten Westberlin zeigen. Die Ausstellung läuft im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie, an dem das Tschechische Zentrum als Institution beteiligt ist. Sie ist bis 22. November zu sehen. Gerne möchte ich noch auf einen weiteren Termin in diesem Zusammenhang hinweisen: Am 31. Oktober, um 19 Uhr, werden wir die Fotografin, die auch schon zur Vernissage kommt, noch einmal zu Gast haben. Dann wird Libuše Jarcovjáková aus ihrem bewegten Leben und über ihre Arbeit als Fotografin berichten.“

Foto: Libuše Jarcovjáková / Tschechisches Zentrum BerlinFoto: Libuše Jarcovjáková / Tschechisches Zentrum Berlin