Friedensfahrtsieger Smolík 1964: "Ich wollte einfach nur in Prag ankomen"

Am Sonntag ist in Paris die 96. Tour de France zu Ende gegangen. Als Gesamt-Neunter fuhr der Pilsener Roman Kreuziger über die Ziellinie des schwersten Etappenrennens der Welt. Es ist die beste Platzierung, die je ein Tscheche bei der Tour erzielte. Aus gutem Grund, denn in der Zeit nach dem Krieg bis zur Wende im Jahr 1989 konnten Tschechen nicht an ihr teilnehmen. Sie fuhren ausnahmslos die Friedensfahrt, die als die „Tour de France des Ostens“ galt. 1964 wurde die Friedensfahrt zum zweiten Male von einem Tschechen gewonnen – vom damals 21-jährigen Jan Smolík. Aus jenem Jahr stammt auch das Gespräch mit Jan Smolík, auf das Lothar Martin in unserem Tonarchiv gestoßen ist.

Jan Smolík (Foto: ČTK)Jan Smolík (Foto: ČTK) Die Friedensfahrt wurde jährlich im Mai auf den Straßen Polens, der ehemaligen DDR und der Tschechoslowakei ausgetragen. Bei dem einst größten Etappenradrennen für Amateure dominierten vor allem die Russen, Polen und die Radfahrer der DDR. Umso überraschender für alle war daher die Tatsache, dass beim Course de la Paix 1964 mit Jan Smolík erstmals nach 15 Jahren wieder ein Tscheche triumphierte. Vor dem Ruhetag in Aue, wo das Gespräch geführt wurde, hatte Smolík drei von neun Etappen gewonnen und das Gelbe Trikot des Spitzenreiters schon sechs Mal getragen. Eine Leistung, mit der auch Smolík vor dem Start in Warschau nicht gerechnet hatte:

„Ich habe nur daran gedacht, mein Bestes zu geben und auch im Zielort Prag anzukommen. Als Mannschaft wollen wir uns zudem besser platzieren als im Vorjahr. Dass ich jetzt im Gelben Trikot fahre, das wäre mir nicht einmal im Traum eingefallen.“

Dieser „Traum“ ging dann noch fünf Etappen weiter, denn bis nach Prag schaffte es keiner mehr aus dem starken Peloton, Smolík das Gelbe Trikot noch abzuluchsen. Mit fast acht Minuten Vorsprung verwies er den Deutschen Günter Hoffmann auf den Ehrenrang und wurde nach Jan Veselý als zweiter tschechischer Friedensfahrtsieger gebührend gefeiert. Und das, obwohl er von Berufs wegen gar kein Rennfahrer war, wie er schelmisch auf eine Frage antwortete:

„Ich bin von Beruf Bautechniker. Als ich dann aber zur Armee musste, habe ich nach zwei Jahren meinen Grundwehrdienst beendet und mich dann als Berufssoldat der Sportabteilung von Dukla Brünn angeschlossen. Mein Arbeitgeber ist jetzt die Armee, in der ich als Instrukteur der Radfahrmannschaft tätig bin.“

Foto: ČTKFoto: ČTK Eine Tätigkeit, die Smolík auch noch weiteren Ruhm einbrachte. Neben der Friedensfahrt 1964 gewann er nämlich ein Jahr später auch das Rennen um den Grand Prix de L´Humanité oder wurde 1967 Dritter der Österreich-Rundfahrt. Viel Geld aber konnte Staatsamateur Smolík damit nicht einfahren. Die populäre Frankreich-Rundfahrt blieb ihm bis zuletzt verwehrt. So konnte auch er die ewige Frage nie beantworten: Hätten die besten Staatsamateure beim Profirennen in der Grande Nation je eine reelle Chance gehabt? Ein bittere Lektion erhielten er und einige tschechoslowakische Teamgefährten jedoch 1963 bei der Tour de l´Avenir in Südfrankreich:

„Die Tour de l´Avenir ist mit der Friedensfahrt nicht vergleichbar. Sie ist sportlich viel härter, weil sie in einem Terrain stattfindet, das wir nicht kennen – die Alpen und die Pyrenäen. Unsere Mannschaft war sichtlich überrascht, als wir den ersten der großen Pyrenäenanstiege, den Tourmalet, vor uns sahen. Wir hatten zwar keine Angst davor, ihn nicht zu schaffen, aber allein die Vorstellung darüber, wie lange wir uns an ihm abstrampeln müssen, hat uns in den Beinen förmlich verkrampfen lassen. So sind wir bei unserer ersten Bergetappe unter den Letzten angekommen.“

Und danach?

„Von da an wussten wir, was uns auf den nächsten fünf Bergetappen erwartet: ähnlich schwere oder noch härtere Anstiege, wie zum Beispiel auf den Col de l’Iseran. Davor hatten wir solche Angst, dass wir nie mit der Spitze fuhren. Wir sind vielmehr ein Tempo gefahren, das wir durchhalten konnten, um diese Berge zu bezwingen.“

Erst heute, 45 Jahre nach dem größten Erfolg von Jan Smolík, weiß man also auch in Tschechien einzuordnen, welch eine Leistung hinter dem neunten Platz von Roman Kreuziger steckt.