Weihnachten
Fotoaufnahmen von Neujahr haben wir viele in unseren Familienalben, aber die interessantesten gehören unserer Mutter, Tatjana Matschajewa.
Sie und ihre zwei Schwestern wuchsen in einem Kinderheim in Werchnewiljujsk auf, einem kleinen Dorf in der Region Jakutsk, ganz im Norden Russlands. Jeden Winter wurden auf dem großen Hof zwischen den drei Gebäuden, in denen die Kinder lebten, eine ganze Stadt aus Schnee gebaut.
Foto 1
„Lange vor den Feiertagen haben wir eine Umfriedung aus Holz geschaffen,
die wir dann mit Schnee aufgefüllt haben. Vor Neujahr haben wir die
Holzplatten dann entfernt und einer unserer Erzieher, Ilarion Omutschkanow,
hat aus dem gefrorenen Schnee Figuren ausgeschnitten. Im Hof standen
nebeneinander die Kremlmauer, Hasen, Bären, in der Mitte ein Elch
(ebenfalls aus Schnee), aber mit einem richtigen Geweih und statt Zügeln
hatte er eine Girlande umgehängt. (Foto 1). Hinter dem Elch war ein
Schlitten, auf dem Väterchen Frost und Schneeflöckchen standen oder
saßen. Des Weiteren war dort auch eine Kutsche, in die wir Kinder uns
setzen konnten“, erinnerte sich meine Mutter. „Natürlich haben uns die
Erzieher jedes Jahr einen Christbaum aufgestellt und uns Geschenke gegeben,
aber die schönsten und stärksten Erinnerungen habe ich gerade an die
Figuren aus Schnee: wie froh wir waren, als wir unser Eisstädtchen gebaut
haben und als sich dann aus dem Schnee die einzelnen Figuren
herausschälten. Das war eine wirklich kindliche Freude, wie wir zwischen
den Figuren hin und her gerannt sind, uns im Schnee gewälzt haben, obwohl
die Temperaturen in Jakutsk normalerweise auf minus 50 Grad sinken. Diese
Märchenstadt hatten wir jedes Jahr, bis heute denke ich an sie.“
Foto 2
„Damals wie heute lebten in Jakutsk mehr als 200 Nationalitäten. Im
Kinderheim haben sie uns so erzogen, dass wir uns ihnen allen gegenüber
freundlich verhalten haben, weder Hautfarbe noch die Form der Augen dürfen
eine Rolle spielen. Häufig haben wir Kinderabende veranstaltet, die den
unterschiedlichen Kulturen gewidmet waren und wir haben eigene
Nationaltrachten genäht.“ (Foto 2)
Foto 3
Im Jahr 1966 wurde das erste Foto aufgenommen, damals war meine Mutter
acht Jahre alt. Im Jahr 1975 war sie bereits in der zehnten Klasse, sie
organisierte nun selbst Feiern für die jüngeren Kinder und spielte
Schneeflöckchen. (Foto 3)
Foto 4
Das ist schon viele Jahre her, aber die Neujahrstraditionen bleiben. Meine
Mutter baut wie früher gerne für die Kinder Schneemänner (Foto 4), auch
wenn das Schneeflöckchen nun von ihren Kindern und Enkelkindern gespielt
wird.
Foto 5
Die Neujahrskostüme auf dem Bild hat mir meine Mutter im Jahr 1987
genäht (Foto 5), in einer Zeit des Mangels, als man sich ein komplettes
Kostüm nicht kaufen konnte. Den Brokat haben wir von alten Kleidern meiner
Mutter genommen und um den weißen Saum aus Hasenfell hat sich unser
Großvater gekümmert – er ist Jäger. Nach zehn Jahren hat meine
Schwester das Kostüm geerbt (Foto 6), und mittlerweile gehört es meiner
jüngeren Kusine.
Als ob jemand vor dem Fenster Milch ausgeschüttet hat: minus 40 Grad Celsius und dichter Nebel. Jetzt gehe ich mit meiner Mutter den Christbaum schmücken und der erste Schmuck, den wir daran hängen, wird ein gläserner Lebkuchen sein, der älter als meine Eltern ist. Wir haben ihn von der Großmutter geerbt.
Fröhliche Weihnachten und ein gutes Neues Jahr!
Galina Matschajewa, Russland





