Hoererwettbewerb 2010 Ergebnisse des Radio-Prag-Wettbewerbs 2010

Der diesjährige Wettbewerb von Radio Prag ist zu Ende. Hier bringen wir Ihnen die Ergebnisse. Wir haben gefragt:

Welcher tschechische Schriftsteller oder welches Buch hat Sie besonders begeistert und warum?

Aus den Antworten, die Sie bis 15. Juni 2010 geschickt haben, hat unsere Jury die interessantesten Beiträge ausgewählt. Die Autoren der zehn besten Beiträge aus jeder Sprachversion erhalten wertvolle Sachpreise und Radio-Prag-Souvenirs.

Der beste der eingesandten Beiträge wird mit einem einwöchigen Aufenthalt in Prag für zwei Personen belohnt.

Gewinnerin des Hörerwettbewerbs 2010 ist:

Finalisten:

Hermann Heyne-Pietschmann, BRD
Ulrich Wicke, BRD
Ralf Urbanczyk, BRD
Volker Willschrey, BRD
Michael Barth, BRD
Natalie Friedrich, BRD
Tilo Wiesbach, BRD
Torsten Mattausch, BRD

Den Siegerpreis widmet Ihnen der Sponsor des Wettbewerbs, Parkhotel Praha - der Ort nahe am Prager Stadtzentrum, wo Komfort und Gemütlichkeit auf Tradition, Qualität und modernes Design treffen.

 

Tracy Andreotti, USA

Josef ŠkvoreckýJosef Škvorecký Ich kann mich noch genau an die Aufregung erinnern, die an diesem trüben und stickigen Tag im Juni 2004 im Mittleren Westen über mich hineinbrach.

Ich war etwas gelangweilt und ein bisschen deprimiert von den deutschen Schriftstellern, die ich gelesen hatte, und habe mich letztlich dazu entschieden, die Ratschläge von Amazon anzunehmen. Ich wurde schon mehrfach darauf hingewiesen, dass mir wohl Josef Škvorecký „gefallen würde“, weil ich dem „Braven Soldaten Schwejk“ zuvor die bestmögliche Bewertung gegeben hatte.

Ich fuhr also zu meiner Lieblings-Buchhandlung, wo ich der Angestellten ein zerknittertes Stück Papier überreichte, auf dem ich diesen neuen, mysteriösen und unaussprechlichen Namen gekritzelt hatte.

Die Angestellte überflog ihren Bildschirm: „Hm, wird nicht mehr gedruckt… Hey, nein, warten Sie: vorübergehend nicht verfügbar… Nun doch, hier gibt es ein paar Bücher, die wir für Sie bestellen könnten. Lassen Sie mich nachschauen.“ Und als ich kurz davor war, mich für ein neues Buch von Sebald zu entscheiden, lächelte sie und sagte, dass sie tatsächlich ein Buch vorrätig hätten: „Wir haben den `Seeleningenieur’!“ „Wunderbar, den nehme ich.“

Ich setzte mich nach draußen und trank einen Eiskaffee. Dabei beschloss ich, in meiner neuen Errungenschaft etwas zu lesen, nur um die Zeit totzuschlagen. Aber etwas viel Besseres und absolut Unerwartetes passierte: Ich verliebte mich in Škvorecký und sein Alter Ego, Danny Smiřický. Ich möchte nicht übermäßig dramatisch klingen, aber ernsthaft: Mein ganzes Leben hat sich mit dem Kauf dieses Romans verändert. Ich hatte das Gefühl, ich sei dort, mit Danny und seinen Freunden. Auch wenn ich keine Tschechin bin und noch nie in Tschechien war, ich nicht aus seiner Generation stamme, nie unter einem totalitären Regime gelebt habe, nie emigriert bin: Dennoch brachte mich etwas in seinen Zeilen dorthin. Es war anders. Es steckte Pathos darin, aber auch Humor und die Strapazen des Alltags vor der Kulisse des Krieges. Es war sowohl eine emotionale als auch intellektuelle Stellungnahme. Ich wollte dort bleiben, also brauchte ich mehr.

Ich habe von diesem Verlagshaus 68 Publishers gehört und der Arbeit von Škvorecký und seiner Frau Zdena Salivarová, um während des Kommunismus tschechische Literatur zu veröffentlichen und die Arbeiten dieser Schriftsteller auch auf dem englischsprachigen Markt verfügbar zu machen. Und ich habe weiter gelesen.

Ich habe alle seine Novellen und Geschichten gelesen. Mittlerweile stehen mehr als 20 seiner Bücher in meinem Regal. Nachdem ich all seine übersetzten Werke gelesen hatte, wusste ich, dass ich weiterkommen musste. Ich beschloss, dass es an der Zeit war, mir Bohumil Hrabal, dann Ivan Klíma und Milan Kundera, Karel Čapek, Ludvík Vaculík und Vladislav Vančura anzusehen. Ich habe sie alle gelesen und geliebt – auf unterschiedliche Art und Weise.

Aus dem einen Regalbrett mit Büchern von Škvorecký ist ein ganzer Bücherschrank geworden – gefüllt mit Tschechen. Man kann fast sagen, dass ich ein bisschen besessen und – nicht zu vergessen – ein Übersetzungs-Snob geworden bin.

Also habe ich mich weiter umgeschaut und bin auf Radio Prag gestoßen, wo ich über die Politik und das Leben in Tschechien informiert werde. Dank Škvorecký und seiner faszinierenden Besprechung des tschechischen Kinos in „All the Bright Young Men and Women“ besitze ich mittlerweile auch eine Reihe tschechischer Filme.

Ich habe meine Liebe zu tschechischen Komponisten wieder entdeckt (Dvořák in Love) und neue musikalische Entdeckungen gemacht (Iva Bittová, danke an Radio Prag für ein Porträt über sie). Vor etwa einem Jahr habe ich dann beschlossen, dass ich endlich Tschechisch lernen muss. Also nahm ich wöchentlichen Unterricht im örtlichen Sokol-Zentrum.

Mein sprachliches Können verbessert sich zwar nur sehr schleppend, aber trotzdem macht es mir Spaß. Meine Freunde nennen mich schon „tschechophil“ und das ist eine gute Sache. Und alles wegen Josef Škvorecký, meinem tschechischen Lieblings-Schriftsteller.

 

Utta Nehonsky

Mein tschechischer Lieblingsautor: Jiří Weil

Jiří WeilJiří Weil Seit ich im Jahr 1992 oder 1993 „Mendelssohn auf dem Dach“ gelesen habe, interessiert mich dieser Autor und ich bin ganz glücklich, dass die Robert-Bosch-Stiftung als eines der ersten Werke in der Tschechischen Bibliothek „Leben mit dem Stern“ herausgebracht hat. Das Buch, in dem es Jiří Weil gelingt, das Leiden der tschechischen Juden im Dritten Reich zu beschreiben, ohne das Wort Jude jemals zu verwenden. Es gibt auch keine Deutschen oder Nazis – immer nur sie. Die Sprache ist klar, einfach, intensiv, rührt, erschüttert, ohne auf die Tränendrüsen zu drücken. In diesem Zusammenhang muss auch die Qualität der Übersetzungen gelobt werden.

Ich lese aus dem Buch trotz aller Tristesse eine gehörige Portion Optimismus. Auch für Josef Roubíček findet sich immer wieder ein Strohhalm: der Kater Thomas, der ihm die Verantwortung für ein Lebewesen gibt, der widerständige Materna, zu dem er immer wieder gehen kann und dessen Mutter ihn mit Essen unterstützt, die Gemeinschaft um Materna und auf dem Friedhof, die Arbeit dort, die ihn zwingt, seine desolate Hütte zu verlassen.

Viele Jahre habe ich mir eingebildet, ziemlich genau zu wissen, wo das Häuschen von Josef Roubíček gestanden ist. Beim Wiederlesen für diesen Wettbewerb habe ich festgestellt, dass das aus dem Buch überhaupt nicht hervorgeht und lediglich ein Produkt meiner Phantasie gewesen ist.

Leider hat Urs Heftrich in seinem Artikel „Der Unstern als Leitstern“ fast alles – mit wesentlich mehr Sachkenntnis und in einem besseren Stil – geschrieben, was ich gern gesagt hätte.

Vor zwei Jahren habe ich mich aufgemacht, um in Prag nach Spuren von Jiří Weil zu suchen. Dieser Versuch war aber von keinerlei Erfolg gekrönt. Lediglich im Jüdischen Museum bin ich auf ein Foto und einen kurzen Bericht über ihn gestoßen. Sein Grab auf dem Vinohradský hřbitov habe ich trotz tatkräftiger Unterstützung von dort beschäftigten Arbeitern nicht finden können. Die Hinweistafel beim Friedhofseingang, die die Position von Gräbern Prominenter angibt, weist seinen Namen nicht auf. Möglicherweise hat sich das aber 2009 anlässlich des 50. Todestages von Jiří Weil geändert.

Josef Škvorecký schrieb anlässlich Weils Tod: „Auch wenn er heute tot ist, so bin ich überzeugt, dass er in Zukunft lebendiger sein wird als andere.“ Eine Renaissance seines Werks wäre wünschenswert.

 

Klaus Führlich

Liebe Freunde von Radio Praha,
Miroslav Zikmund und Jiří HanzelkaMiroslav Zikmund und Jiří Hanzelka als langjähriger Hörer der Programme aus Praha bereiten Sie mir mit dieser Fragestellung Freude und zugleich Erinnerungen an längst vergangene Jahre. Warum werden Sie fragen? Ganz einfach, als Jahrgang 1954 waren in unserer Kinderzeit die Bücher von 2 Tschechischen Autoren wohlbekannt und oft gelesen:

Jiří Hanzelka und Miroslav Zikmund

Der Vater eines Schulfreundes hatte alle 3 Bänder aus der Reihe: "Afrika - Traum und Realität" in seiner Hausbibliothek und so saßen wir oft bei ihm und blätterten andächtig in den bebilderten Büchern. Später durften wir einzelne Bücher auch mit nach Hause nehmen und lesen. Was heißt Lesen - wir haben die Reiseberichte förm- lich "verschlungen". Was hat uns so fasziniert? Zum einen die einfache und natürliche Art der Schilderung. In den Berichten über die Reisen durch Afrika ab 1947 mit dem Tatra T87 stand neben der Zuverlässigkeit des Autos immer der Kontakt zu den Menschen am Weg im Mittelpunkt. Wir konnten viel erfahren über das einfache und harte Leben der Menschen in Afrika. Aber ging es uns selbst nicht anders? Nach dem Mauerbau im August 1961 und der endgültigen Teilung Deutschlands waren für uns die Reiseziele nah und überschaubar. Eine Urlaubsreise mit den Eltern erschien uns damals als Weltreise. So ließ es sich wunderbar mitreisen und Träumen.

Eine Steigerung erfolgte noch, als dann in der Nachbarstrasse, in der Autowerkstatt, eben ein PKW „Tatra“ zur Reparatur stand. So ein großes Auto war schon eine Sensation in der damaligen Zeit. Was war anders als bei den uns bekannten Autos der DDR. Zum einen fiel sofort die zweigeteilte Rückscheibe ins Auge. Als dann noch die „Schrauber“ genannten Autoschlosser untersuchten, waren wir mit dabei. Was war alles anders ? Toll fanden wir die Sitzbank vorn, auf der wir alle förmlich hinter dem Lenkrad sitzen konnten, Die Auto- batterien mittels Zusammenschaltung von 2 Stück 6-Volt-Batterien auf 12 Volt waren in den Kotflügeln versteckt, für die Lenkradschaltung gab es ein langes Gestänge bis in den Fond des Wagens. Für uns gab es immer Neues zu entdecken...

Später haben wir dann noch die Bücher der Fahrten durch Südamerika gelesen. Aber gemessen haben wir unsere Eindrücke an den Schilderungen der Herren Hanzelka und Zikmund...

Schade für uns, dass dann bedingt durch die Russische Invasion im August 1968 der Kontakt in Richtung Tschechien abriss. Im Ostdeutschen Fernsehprogramm waren dann die Filme der beiden herren nicht mehr zu finden.

Schön, dass heute diese Zeiten der Vergangenheit angehören. Wir sehen und hören viel von Rally-Fahrten durch Afrika. Dort wird nach Minuten und Sekunden abgerechnet, aber die wahren Entdecker und Erkunder werden für uns immer die beiden Herren Hanzelka und Zikmund bleiben.

Klaus Führlich, Radebeul

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