Wirtschaftsmagazin Unternehmen erwarten Erleichterungen bei Steuern und Sozialabgaben
Die tschechischen Parlamentswahlen sind seit zehn Tagen Geschichte. Mit dem Ergebnis kann auch die Wirtschaft sehr gut leben. Die Koalitionsverhandlungen laufen nämlich auf eine Regierung hinaus, die sehr wahrscheinlich aus dem Bündnis dreier Mitte-Rechts-Parteien gebildet wird. Zu den Erwartungen der Wirtschaft an die zukünftige Regierung haben sich führende Ökonomen geäußert. I
Die Wirtschaftskapitäne des Landes sind mit dem Ausgang der Wahlen ziemlich zufrieden. Umfragen zufolge sind sie durchweg der Meinung, dass es vor allem finanzpolitische Themen waren, die das Wahlergebnis beeinflusst haben. Allen voran die Griechenland-Krise und die damit verbundene Erkenntnis, dass auch ein Euroland bei verfehlter Fiskalpolitik in die finanzielle Pleite abrutschen kann. Ein solches Szenario will man in Tschechien auf jeden Fall vermeiden. Der hohe Stimmenanteil für die Parteien des konservativ-liberalen Lagers – ODS, TOP 09 und Öffentliche Angelegenheiten – macht das deutlich. Alle drei Parteien betonen immer wieder, dass sie eine Politik der „verantwortlichen Haushaltsführung“ betreiben wollen. Nichts anderes verlangen von ihnen nun auch die Vertreter der Wirtschaft:
David Navrátil
„Wenn wir die Wirtschaftsprogramme der drei Parteien, die eine
Mitte-Rechts-Koalition schließen wollen, zugrunde legen, stehen wir in der
Tat vor einer Legislaturperiode, in der eine Regierung endlich
verantwortungsvoll mit den staatlichen Finanzen umgehen wird. Sie wird
versuchen, das Defizit im Staatshaushalt zu verringern. Auf Initiative der
Regierung sollte außerdem ein Finanzexperten-Rat gebildet werden. Dieser
Rat sollte nicht nur den Haushalt bewerten, sondern ebenso dazu beitragen,
dass wichtige Haushaltsgesetze auf den Weg gebracht werden. Ich begrüße
vor allem den Grundsatzgedanken, dass man nun längerfristig einen
ausgeglichenen Haushalt anstrebt. Damit können wir dem Ausland zeigen: Die
Tschechische Republik ist in der Lage, ihre Schulden abzubauen. Das
wiederum schafft Vertrauen bei ausländischen Investoren und bringt uns
Geld in das Land. Das brauchen wir“,
sagt David Navrátil, der Chefökonom der Tschechischen Sparkasse. Dem stimmt auch der Analyst der Finanzagentur Partners, Pavel Kohout, zu. Darüber hinaus verweist er auf ein zweites Problem, das die zukünftige Regierung anpacken muss:
Pavel Kohout
„Eine verantwortungsbewusste Finanzpolitik schließt auch die Vergabe
von öffentlichen Aufträgen ein. Das war bislang ein riesiges schwarzes
Loch in den öffentlichen Finanzen. Jetzt geht es darum, welche Position
die zukünftige Regierung dazu einnimmt. Wird auch sie beide Augen
verschließen wie alle Vorgänger im Kabinett, oder wird sie dieses Feld
neu und wirkungsvoll bestellen?“
Die Wirtschaftsleute erwarten von der Politik in erster Linie, dass die mehrfach angekündigten Reformen nun endlich umgesetzt werden. Reformen, die ihnen so manche Erleichterung verschaffen, was Steuern und Sozialabgaben betrifft. Pavel Kohout:
Illustrationsfoto
„Was den unternehmerischen Sektor anbelangt, so wird die Tschechische
Republik auch weiterhin nicht allzu positiv bewertet. Bei wirtschaftlichen
Erhebungen, die durch Organisationen wie die OECD oder die Uno
durchgeführt werden, hinkt unser Unternehmensbereich im internationalen
Vergleich weiter hinterher. Kritisiert wird vor allem die öffentliche
Schikane, der die Firmen von Seiten der Finanzbehörden, der
Sozialverwaltung und von anderen Instituten ausgesetzt sind.“
Große Erwartungen an die zukünftige Regierung hegen auch die deutschen Firmen, die auf dem tschechischen Markt vertreten sind. Dazu hat die Deutsch-Tschechische Industrie- und Handelskammer (DTIHK) noch vor den Wahlen einen Sieben-Punkte-Plan verfasst. Zu den bereits genannten Handlungsfeldern gehören auch weitere Forderungen wie die Euro-Einführung, die Flexibilität des Arbeitsrechts und eine praxisorientierte Ausbildung.
Tschechien erhöht Anteil an Biozusätzen im Kraftstoff
Seit drei Jahren gibt es an tschechischen Tankstellen keinen reinen
Kraftstoff mehr. Sowohl bei Benzin als auch bei Diesel werden Biozusätze
beigemischt. Das ist vom Gesetzgeber vorgeschrieben. Am 1. Juni ist eine
weitere Änderung des Gesetzes zum Schutz der Luft in Kraft getreten. Laut
dieser Novelle ist der Anteil der Biozusätze im Kraftstoffgemisch jetzt
noch etwas größer: Bei Benzin hat er sich von bisher 3,5 Prozent auf 4,1
Prozent und bei Diesel von 4,5 Prozent auf glatte sechs Prozent erhöht.
Diese Maßnahme soll dazu beitragen, den Ausstoß von Treibhausgasen in die
Atmosphäre zu verringern. Darüber hinaus hilft sie vor allem den
Landwirten, meint der Landwirtschaftsexperte der Sozialdemokraten,
Kreishauptmann Michal Hašek:
Michal Hašek
„Natürlich trägt die erhöhte Beimischung der Biozusätze im
Kraftstoff zur Unterstützung der Landwirte bei. Und dazu noch ohne
staatliche Zuschüsse. In Tschechien wird die Herstellung von Biokraftstoff
nämlich nicht vom Staat subventioniert. Im Gegenteil: Die Landwirte
ersetzen mit dem Anbau dieser energetischen Feldfrüchte den Rückgang bei
anderen Pflanzenkulturen.“
Für ihre diesjährige Ernte haben die Landwirte die Anbauflächen für Raps, Rüben und andere ölhaltige Feldfrüchte vorsorglich um fast 70.000 Hektar erhöht. Die Gewinnung der Grundstoffe für die Herstellung von Biokraftstoff erweist sich immer mehr als eine Einnahmequelle mit Perspektive.
Illustrationsfoto: Angel Fragallo, www.sxc.hu
In Tschechien werden jedoch die Stimmen immer lauter, die sich gegen eine
erhöhte Beimischung von Biozusätzen in den Kraftstoff aussprechen. Die
Bio-Gegner argumentieren unter anderem damit, dass der Biokraftstoff zu
teuer sei und er den Motoren schade. Auch Präsident Václav Klaus ist ein
Gegner. Nach Meinung des Staatsoberhauptes seien die Vor- und Nachteile von
Biozusätzen nicht seriös bewertet worden. Klaus hat die Gesetzesnovelle
deshalb abgelehnt, doch in letzter Konsequenz wurde er von den Abgeordneten
überstimmt. Der ehemalige Landwirtschaftsminister, ODS-Vize Petr
Gandalovič, wirbt deshalb für einen breiteren Konsens:
Petr Gandalovič
„Auf der einen Seite ist es notwendig, auch die Argumente wahrzunehmen,
die Präsident Klaus bei seinem Veto angebracht hat. Es ist in der Tat so,
dass gerade in letzter Zeit verstärkt Studien zu Vor- und Nachteilen von
Biokraftstoffen durchgeführt wurden. Auf der anderen Seite müssen wir
deutlich sehen, dass die Landwirte bereits in das neue Geschäft
investieren. Sie haben in diesem Jahr wesentlich mehr Rüben angebaut, weil
sie auch mit dem erhöhten Bedarf gerechnet haben. Das müssen wir ins
Kalkül ziehen.“
Ob der Anteil von Biozusätzen in den Kraftstoff also weiter erhöht wird oder nicht, muss dann die zukünftige Regierung beantworten.






