Wirtschaftsmagazin Tschechiens Landwirte altern und kritisieren die Ungleichbehandlung in der EU

06-09-2006 13:43 | Lothar Martin

Die zweimonatigen Sommerferien in Tschechien sind seit vergangenem Freitag zu Ende. Der erste September hat nicht nur im Schulwesen, sondern auch in der Wirtschaft Tschechiens einige Veränderungen mit sich gebracht. Welche das sind, dazu mehr in unserem Wirtschaftsmagazin.

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Ups and downs in der tschechischen Wirtschaft

Hyundai (Foto: www.hyundai.co.uk)Hyundai (Foto: www.hyundai.co.uk) Ende August hat die tschechische Wirtschaftskammer im südkoreanischen Seoul ihr erstes Büro für Ostasien eröffnet. Seitdem nämlich feststeht, dass der Hyundai-Konzern in Nordmähren sein europäisches Autowerk errichten wird, seien die geschäftlichen Interessen in beiden Ländern derart gestiegen, dass man reagieren musste, sagte der Präsident der Wirtschaftskammer, Jaromir Drabek, und fügte hinzu:

"Die Verhandlungen rund um diese Investition waren der Impuls für eine sehr starke Vertiefung der tschechischen Kontakte nicht nur mit dem Autoproduzenten Hyundai, sondern auch mit weiteren südkoreanischen Firmen. Die Ziele des Büros der tschechischen Wirtschaftskammer in Seoul werden in erster Linie darin bestehen, dass wir den südkoreanischen Unternehmen erste Basisinformationen geben über die Möglichkeiten zu Investitionen und zur geschäftlichen Zusammenarbeit in der Tschechischen Republik und darüber, wie sich tschechische Firmen auf dem südkoreanischen Markt und südkoreanische Firmen auf dem tschechischen Markt etablieren können."

Jaromir DrabekJaromir Drabek Auf eine sehr gute Entwicklung ihrer geschäftlichen Aktivitäten in der Tschechischen Republik kann bereits das schwedische Unternehmen IKEA verweisen. Im Ende August abgelaufenen alten Geschäftsjahr konnte sie vorläufigen Angaben zufolge ihren Verkaufserlös in den vier großen Möbelhäusern in Prag, Brno / Brünn und Ostrava / Ostrau um 26,8 Prozent auf 4,8 Milliarden Kronen (ca. 170 Millionen Euro) steigern. Einen Großteil des Geldes will IKEA in die Erweiterung ihrer Verkaufsfläche und somit auch ihres Angebots stecken. Aber die tschechischen Kunden dürfen sich ebenso auf eine Ausdehnung der Ladenzeiten freuen. Dazu sagte der Marketing-Direktor von IKEA CZ, Ondrej Kraus:

"Unsere Kollegen in Deutschland versuchen schon seit geraumer Zeit, längere Öffnungszeiten durchzusetzen, doch das scheiterte bisher am dort immer noch sehr konservativ gehandhabten Ladenschlussgesetz. In anderen europäischen Ländern, wie zum Beispiel in England, gibt es schon seit einigen Jahren längere Öffnungszeiten. Also der Trend in den benachbarten Ländern ist der gleiche wie bei uns."

Wenn der Konsum und damit die Verkaufserlöse weiter ansteigen sollen, dann müssen auch die finanziellen Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Neben dem in Tschechien weiter steigenden Durchschnittslohn, der letzten Erhebungen zufolge bei nunmehr rund 20.000 Kronen liegt, was ca. 720 Euro entspricht, sind da vor allem die Banken gefragt. Deshalb werden auch regelmäßig Umfragen darüber gemacht, wie die Bankkunden mit dem ihnen angeboten Service zufrieden sind. Aus einer jüngst vom Internetportal "Bankovnipoplatky" unter fast 11.000 Menschen durchgeführten Umfrage kam dabei folgendes heraus:

"Nach der Gesamtauswertung aller Stimmen hat die Tschechische Sparkasse gewonnen. Unter den Banken mit den niedrigsten Gebühren ging die Postsparkasse als Sieger hervor. Die Bank mit dem besten Service für ihre Klienten ist die e-banka, und die Bank mit den übersichtlichsten Tarifen und den verständlichsten Geschäftsbedingungen ist die Sparkasse",

verkündete Patrik Nacher vom genannten Internetportal.

Hinter die Fassade geschaut

Am 1. September sind in Tschechien einige neue Wirtschaftsverordnungen in Kraft getreten. Eine von ihnen ist das Gesetz zum Verkauf von Antriebsstoffen, was insbesondere den Betreibern von Tankstellen strengere Regeln auferlegt. Was es mit diesem Gesetz auf sich hat, dazu sagte der Direktor der Abteilung für Gas- und Flüssigkeitsbrennstoffe beim tschechischen Ministerium für Industrie und Handel, Jan Zaplatilek:

"Zum einen ändern sich die Kompetenzen der Mitarbeiter der Tschechischen Handelsinspektion, die nunmehr berechtigt sind, auch den Inhalt eines Tanklasters zu kontrollieren, was sie bisher nicht konnten. Und außerdem existierte bisher keine einheitliche gesamtstaatliche Tankstellen-Erfassung. Und das soll sich jetzt ändern, indem alle Tankstellen der Handelsinspektion bis Ende Oktober grundsätzliche Angaben zu ihrer Wirtschaftsführung machen müssen. Sollten sie es unterlassen, droht ihnen die Verhängung von saftigen Bußgeldern. Das bedeutet, dass dann die Möglichkeiten zur Kontrolle fast hundertprozentig gegeben sind."

Zum Monatsbeginn wurden in Tschechien auch die Richtlinien zur Erteilung des nationalen Gütesiegels "Klasa" geändert. Mit diesem Gütesiegel würdigt der hiesige Landwirtschaftsminister seit 2003 qualitativ hochwertige Erzeugnisse der einheimischen Lebensmittel- und Agrarproduktion. Neben den bisherigen Auswahlkriterien für die Erteilung des Gütesiegels muss ein ab sofort als "Klasa-Produkt" eingestuftes Erzeugnis jetzt mindestens ein außerordentliches Merkmal aufweisen, dass sich in der Qualität von Konkurrenzprodukten abhebt - zum Beispiel in der Menge der besten Rohstoffe, Vitamine oder der Beschränkung von Zusatzstoffen.

Zusätzliche Hilfsmittel wiederum sollen den mit den EU-Bedingungen hart kämpfenden tschechischen Landwirten aus einem noch von der ehemaligen tschechischen Regierung gebilligten Neun-Milliarden-Kronen-Kredit bei der Europäischen Investitionsbank erwachsen. Der Kredit soll insbesondere zur Finanzierung eines wirksamen Hochwasserschutzes dienen. Für welche konkreten Investitionen er genutzt werden soll, dazu sagte der Sprecher des Landwirtschaftsministeriums, Libor Vacek:

"Die finanziellen Mittel sollen in den nächsten vier Jahren zu folgenden Zwecken eingesetzt werden: Zu Maßnahmen für einen präventiven Hochwasserschutz sowie zur Entschlammung, Instandsetzung und Errichtung von Fischteichen und Wasserspeichern. Wir setzen dabei voraus, dass die Rückzahlungsdauer dieses Kredits 30 Jahre beträgt."

Diesen Kredit allerdings sehen die böhmischen, mährischen und schlesischen Bauern nur als einen Tropfen auf den heißen Stein und als eine indirekte Hilfe an. Sie sind vielmehr darüber verärgert, dass sie ihrer Meinung nach gemeinsam mit den Landwirten der anderen im Mai 2004 der Union beigetretenen Mitgliedsländern gegenüber ihren Kollegen aus den älteren EU-Ländern benachteiligt werden. Sei es die Vergabe von Subventionen, die pflichtige Abnahme von Getreide oder sind es die Anforderungen und Verfahrensweisen in der landwirtschaftlichen Produktion - in all diesen Punkten fühlen sich die jüngeren EU-Staaten durch die in Brüssel getroffenen Entscheidungen im Nachteil. Daher haben sich ihre Vertreter am Montag zu einem Kongress in Prag getroffen und auf diesem die Aufhebung der Bedingungen gefordert, die ihrer Meinung nach zu einem Europa der zwei Geschwindigkeiten geführt haben. In einem gemeinsamen Kommunique haben die Landwirte aus Tschechien, Litauen, Polen, Ungarn, Slowenien und der Slowakei ihre Forderungen festgehalten und an die EU-Behörde in Brüssel weitergereicht.

Die mit dem EU-Beitritt vor zweieinhalb Jahren erforderlichen großen strukturellen Veränderungen haben ohnehin schon dazu geführt, dass die Zahl der Landwirte in Tschechien in den zurückliegenden drei Jahren um nicht weniger als 23 Prozent zurückgegangen ist. Jiri Hrbek vom Tschechischen Statistikamt erklärt es so:

"Der Beitritt unserer Republik unter die Länder der Europäischen Union bedeutete unter anderem, dass sich die landwirtschaftlichen Unternehmen an die strengeren legislativen Richtlinien anpassen mussten und sie es auch weiter tun müssen. Diesen neuen Bedingungen waren insbesondere die Kleinbauern nicht mehr gewachsen, so dass viele von ihnen das Wirtschaften eingestellt haben."

Die Landwirte aber, die nicht aufgegeben, sondern sich neu orientiert haben, werden älter und älter. Nachwuchs ist kaum in Sicht, weil die harten Konkurrenzbedingungen in der europäischen Agrarindustrie Viele abschrecken. Doch das Horrorszenarium, nämlich keine Milch mehr aus den Beskiden oder keinen Käse mehr aus Südböhmen zu erhalten, ist zum Glück noch nicht in Sicht.

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