Wirtschaftsmagazin Traditionelle Textilindustrie: Böhmen und Sachsen kooperieren enger denn je
Ups and downs in der tschechischen Wirtschaft
Foto: Kgrr, CC BY 2.5
Vergangene Woche hat das Prager Abgeordnetenhaus einen Gesetzentwurf
verabschiedet, anhand dessen die Tschechische Republik einen Kredit in
Höhe von umgerechnet 100 Millionen Euro aufnehmen wird, um damit in den
Jahren 2006 bis 2010 einen Teil des Wasserleitungs- und
Kanalisationsnetzes zu sanieren. Für den genannten Zeitraum muss
Tschechien jedoch einer Schätzung zufolge noch mindestens weitere zwei
Milliarden Euro aufwenden, um Kläranlagen und Trinkwasserqualität auf ein
Niveau zu bringen, das den EU-Richtlinien entspricht. Wie wichtig eine
grundlegende Sanierung bzw. die Erneuerung der Wasserleitungssysteme im
Lande ist, belegt auch die vor zwei Wochen in Betrieb genommene Kläranlage
in Dubenec bei Pribram. Es handelt sich dabei um die größte
Wasseraufbereitungsanlage ihrer Art in Tschechien, doch selbstverständlich
hat das einen Grund. Im Gebiet um die mittelböhmische Bezirksstadt Pribram
trifft man nämlich auf die größte Uran-Lagerstätte der Welt, oder besser
gesagt traf, denn im Jahr 1991 wurde hier der Abbau von Uran eingestellt.
Doch seitdem füllen sich die ausgehöhlten Urangruben mit Wasser, und
sollte dieses in ungereinigter Form an die Oberfläche kommen, würden auch
ausgespülte radioaktive Stoffe in unsere Umwelt gelangen. Daher hat die
neue, groß dimensionierte Kläranlage auch eine spezielle Aufgabe:
"Diese Anlage zur Reinigung des Grubenwassers wird in erster Linie
das im Wasser enthaltene Uran eliminieren, und zwar so, dass keine
radioaktiven Stoffe in die Umwelt gelangen",
erklärt der Betriebsdirektor des Staatsunternehmens Diamol, Ladislav Hesnauer. Seinen weiteren Ausführungen zufolge werde auch ein Großteil der eisenhaltigen Stoffe mit dieser Anlage absorbiert. Eine lebenswichtige Einrichtung also, vor allem wenn man weiß, dass sich das Grubenwasser, was erst nach 2010 an die Oberfläche treten sollte, durch das Hochwasser vor dreieinhalb Jahren wesentlich schneller angestaut hat als vorausberechnet.
Die Rechnung ohne den Wirt, in diesem Fall ohne die Prager Behörde zum Schutz des Wirtschaftswettbewerbs (UOHS), hat eine zeitlang auch das renommierteste tschechische Unternehmen, die Skoda Auto AG gemacht. Wegen des Missbrauchs seiner dominierenden Marktposition im Lande bei der Gewährung von Verkaufsrabatten wurde der Pkw-Hersteller Ende vergangenen Jahres vom Kartellamt zu einer Geldbuße von 55 Millionen Kronen (ca. 1,9 Millionen Euro) verdonnert. Skoda war daraufhin in Berufung gegangen und konnte am Montag freudig vernehmen, dass die Strafe vorerst aufgehoben wurde. Zur Begründung sagte Kartellamtschef Martin Pecina:
"Das heißt aber noch nicht, dass ich definitiv darüber entschieden
habe, dass es keine Geldstrafe geben wird bzw. dass es zu keinem
Missbrauch der Marktführerposition gekommen ist. Der Tatbestand des
Missbrauchs konnte jedoch nicht ausreichend nachgewiesen werden. Und da
die Argumente Skoda Autos, weshalb es unter den Autohändlern zu
unterschiedlichen Vergünstigungen gekommen ist, nicht eindeutig in der
ersten Phase des Verfahrens widerlegt werden konnten, haben es weder die
Schiedskommission noch ich für angebracht gehalten, die zweite Phase des
Verfahrens zu eröffnen."
Hinter die Fassade geschaut
Tschechien und Deutschland sind nicht nur Nachbarstaaten, nein sie können auch in so manchem Wirtschaftszweig auf nahezu identische Traditionen verweisen. Zum Beispiel in der Textilindustrie, die von jeher sehr stark in Nord- und Nordwestböhmen auf tschechischer Seite und in Sachsen auf deutscher Seite angesiedelt ist. Doch die politische Wende im Jahr 1989 brachte auch und besonders hier in der Region diesseits und jenseits der Grenze zwischen Vogtland und Lausitzer Gebirge einen wirtschaftlichen Einschnitt mit sich. Klaus Hähl von der Handwerkskammer Chemnitz beschreibt ihn so:
"Nach der Wende ist durch Billigproduktionen aus China, durch Billigimporte aus anderen Ländern und durch Auslagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer plötzlich die Basis für die Textilindustrie in Sachsen entzogen worden. Die Großbetriebe wurden liquidiert und die Textilindustrie basiert jetzt mehr auf kleineren bis ganz kleinen Betrieben auf beiden Seiten der Grenze."
Elke Magera (Foto: Zdenek Valis)
Diese kleineren Textilbetriebe müssen sich im Zweitalter der
Globalisierung mit ganz anderen Voraussetzungen und Hürden herumschlagen,
als sie es in ihrem vorherigen Umfeld gewohnt waren. Um die Auftragslage
zu verbessern oder um überhaupt herauszufinden, welche Produkte am Markt
gefragt sind und wo und wie sich diese dann auch absetzen lassen, sind
gute Kontakte, sowohl in- als auch ausländische, heute notwendiger denn
je. Deshalb haben die regionalen Industrie- und Handels- bzw.
Wirtschaftskammern zu beiden Seiten der Grenze längst eigenständige
Kontaktzentren eingerichtet, um die Anbahnung und Führung von Kontakten zu
intensivieren. Das Kontaktzentrum für sächsisch-tschechische
Wirtschaftskooperation bei der IHK Südwestsachsen in Plauen feiert hierbei
in diesem Jahr schon sein 10-jähriges Jubiläum. Dessen Leiterin, Elke
Magera, verriet uns daher auch, aus welchen Beweggründen heraus man es
1996 gegründet hat:
"Angefangen hat das damit, dass bei uns in Plauen sehr viele Anfragen in Richtung Tschechien aufgrund der Grenznähe angekommen sind. Daher hat man sich entschieden, explizit etwas für die Bearbeitung dieser Anfragen zu tun. Es gab damals die Förderung über Interreg 2, die man genutzt hat, um dieses Büro aufzubauen. Danach gab es dann immer wieder neue Projekte, die auf dieses vorhergehende Projekt aufgebaut haben."
Mittlerweile hat sich aus dem Knüpfen von Kontakten und dem Austausch von Informationen längst eine fruchtbare Kooperation zwischen böhmischen und sächsischen Unternehmern entwickelt. Elke Magera nennt wesentliche Aspekte der Zusammenarbeit:
"Konkrete Beispiele sind dort anzutreffen, wo gespart werden soll.
Das geht unter anderem soweit, dass tschechische Arbeitskräfte genutzt
werden, die bei uns nicht mehr ausgebildet werden. Die gibt es in
Tschechien noch in verschiedenen Branchen, nicht nur in der
Textilindustrie. Es gibt aber noch weit mehr Ressourcen, die man verwerten
kann, zum Beispiel der Ankauf von preiswerteren Ausgangsmaterialien. Ich
denke aber, dass die ganze Palette an Möglichkeiten, die hier angeboten
wird, letztlich auch ausgenutzt wird."
Klaus Hähl weiß, worin denn heutzutage überhaupt die Chancen für die kleineren und mittleren Textilbetriebe in ihrem Überlebenskampf bestehen:
"Die bestehen meiner Meinung nach in Lücken. Groß- oder Massenproduktionen machen für kleine Betriebe keinen Sinn. Sie betreiben heute vielmehr eine Lückenproduktion, bei der man Materialien und Arbeitskräfte austauschen, sich zuarbeiten oder auch neue Produkte gemeinsam entwickeln kann. Und das über die grenze hinweg."
Klaus Hähl (Foto: Zdenek Valis)
Da nicht zuletzt die fortschreitende Globalisierung immer neue Mittel und
Wege erforderlich macht, um die spezifischer gewordenen Möglichkeiten von
Investitionen und Produktionen zu nutzen, hat auch die Regionale
Wirtschaftskammer Egerland inzwischen nachgezogen und seit Anfang des
Jahres 2005 ein eigenes Kontaktzentrum aufgebaut. Lada Lapinova, die junge
Leiterin des Zentrums im nordwestböhmischen Sokolov / Falkenau, wusste dann
auch nicht ohne Stolz zu berichten, dass gerade in der Karlsbader Region
der wirtschaftliche Nachwuchs sehr rührig ist:
"Was wir sehr zur Kenntnis nehmen, das sind die sehr vielen Anfragen von Unternehmen aus der Region Karlovy Vary / Karlsbad. Da wird zum Beispiel gesagt: ´Ich würde gern eine Unternehmerreise machen nach Bayern oder auch in ein anderes deutsche Bundesland. Ich möchte ganz gern das Know how kennen lernen oder mir einfach nur ansehen, wie die Betriebe in Deutschland funktionieren einschließlich ihres Betriebsklimas´. Aber auch von deutscher Seite ist das Interesse gewachsen, indem sich immer mehr Unternehmer sagen: "Ich würde vielleicht doch gern mit einem tschechischen Unternehmer kooperieren ". Und was ich besonders schön finde: Wir haben wieder mehr Wirtschaftsjunioren, auch bei uns. Es ist zum Beispiel ganz toll, dass sich Wirtschaftsjunioren beider Länder in diesem Jahr zum ersten Mal in Karlsbad treffen wollen, und zwar bei einem Golfturnier. Bei diesem Turnier soll dann jedoch auch besprochen werden, wie man miteinander kooperieren kann, oder auf welche Erfahrungen die deutschen Kollegen bereits bauen können, zum Beispiel bei den ganzen Subventionen, die man von Seiten der EU erhalten kann. Wir haben auf diesem Gebiet nämlich gerade erst angefangen, während die deutschen Kollegen schon ein ganzes Stück weiter sind. Ich denke, das alles hilft einem dabei, dass man dem Anderen das Leben im Grenzgebiet auch besser vermitteln kann."
Die böhmisch-bayrisch-sächsische Region wächst in punkto Wirtschaft also
weiter zusammen. Doch nur das ist der Stoff, in dem die Zukunft verwoben
ist.







