Wirtschaftsmagazin Schweinchen auf Rädern: Kult-Roller Čezeta kommt zurück als Elektro-Scooter

27-01-2016 16:19 | Till Janzer

Es sind einige Verkaufsschlager aus kommunistischen Zeiten, die in den letzten Jahren zurückgekehrt sind auf dem Markt. Nun auch der Motorroller Čezeta, das Kult-Gefährt aus den 1950er und 1960er Jahren. Ein kleines Team begeisterter Fahrzeugbauer hat das Gefährt aufpoliert. Herausgekommen ist ein Elektro-Scooter.

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Lutz W. Buennagel (Foto: Michele Morsa)Lutz W. Buennagel (Foto: Michele Morsa) Die Čezeta von früher – sie schaffte es sogar ins Kino: Die Jugendlichen aus dem Sowjetfilm „Korolevskaja regata“ von 1966 fahren zum Beispiel diesen Motorroller. Ab 1957 wurde das Fahrzeug in der Tschechoslowakei hergestellt – und das mit Erfolg, sagt Lutz W. Buennagel. Der Deutsche leitet den Verkauf und das Marketing für die heutige Firma Čezeta Motors:

„Der Roller hat sich in der Welt ziemlich stark verkauft: Weit über 160.000 Exemplare wurden abgesetzt, vorwiegend damals allerdings in den kommunistisch befreundeten Ländern, also weniger in West-Europa und im Rest der Welt. Es war eigentlich ein ziemlich stabiles Produkt, mit einer verhältnismäßig einfachen Motor- und Antriebstechnik, und es hat sich über die Jahre tapfer geschlagen. Aufgrund der Entwicklung im Sozialismus und dem Wechsel vom Kommunismus zur Tschechischen Republik ist die Čezeta als Produkt dann untergegangen, sie hat nur noch ein Gebrauchtmodell-Dasein geführt. Es gibt aber immer noch eine Menge Freunde der Čezeta hier in Tschechien und anderswo in Europa, sie fahren die Motorversion und unternehmen auch viel mit diesen Scootern.“

Foto: Archiv Čezeta MotorsFoto: Archiv Čezeta Motors Gefertigt wurde die damalige Čezeta in der Fabrik der früheren Waffenschmiede Česká Zbrojovka im westböhmischen Strakonice. Der Roller war eine ernsthafte Konkurrenz zur italienischen Vespa. Zum Kult wurde er wegen seiner besonderen Form: Seine längliche Schnauze ließ ihn in etwa aussehen wie eine Rakete. Die Tschechen assoziierten die Karosserie aber mehr mit einem Schweinchen und gaben der Čezeta daher den Kosenamen „prasátko“.

Britischer Tüftler experimentiert mit Elektroantrieben

Neil Smith (Foto: Archiv Čezeta Motors)Neil Smith (Foto: Archiv Čezeta Motors) Schon Mitte der 1960er Jahre verließen die letzten „Schweinchen“ die Fabrik. Ihnen nach fast 50 Jahren neues Leben einzuhauchen, darauf kamen aber nicht Tschechen, sondern der Brite Neil Smith. Er wollte das besondere Design unbedingt erhalten, wie Lutz W. Buennagel erzählt:

„Neil hat dann überlegt, dass man dieses schöne Modell, diese schöne Karosserie-Form, nutzen könnte und moderne Technik einbringt. Das hat zwei Jahre gedauert. Er ist ein Tüftler, muss man sagen, und ein Erfinder, der auch finanziell gut abgesichert ist, was ja bei solchen Dingen wichtig ist. Neil hat jedenfalls angefangen, mit Elektroantrieben zu experimentieren. Im letzten Jahr hat das dazu geführt, dass die ersten zwei Prototypen fertig waren. Sie laufen jetzt schon mit einem Elektromotor, der über fünf KW hat, und sind eigentlich das, was an neuer Technik in ein altes Produkt einfließen kann.“

Foto: Michele MorsaFoto: Michele Morsa Die Čezeta ist also nun ein Elektro-Scooter. Das Design ist im Großen und Ganzen erhalten geblieben, in Zusammenarbeit mit einem tschechischen Ingenieurbüro entsteht allerdings ein „kleines Update“. So bekommt das Fahrzeugwerk andere Technik, ein anderes Fahrgestell, neue Federbeine, hydraulische Bremsen, ABS-System und so weiter.

„Ansonsten ist alles, was früher Motor, Tank und so etwas war, heute mit einem Elektrogenerator und einem sogenannten Hubmotor bestückt. Das Gerät, dieser Scooter, hat sein schönes Aussehen erhalten. Er läuft leise, umweltfreundlich und mit minimalem Energieverbrauch“, so Buennagel.

Čezeta 506 (Foto: Cezeta, CC BY-SA 3.0)Čezeta 506 (Foto: Cezeta, CC BY-SA 3.0) Die neue Čezeta entsteht vor den Toren Prags, im Ort Mirošovice. Sie heißt Čezeta 506. Lutz W. Buennagel ist dabei für den Absatz auf den Hauptmärkten verantwortlich. Aus der Stadt Velbert bei Düsseldorf kommend, hat er praktisch sein Leben lang in der Fahrzeugindustrie gearbeitet, und das sowohl im Verkaufsbereich als auch in der Technik. Einer seiner Arbeitgeber war Volkswagen/Škoda, was ihn letztlich nach Tschechien geführt hat. Zum Ende seiner Karriere wollte sich Lutz Buennagel mit etwas beschäftigen, was ihm wirklich Spaß macht. Das heißt aber nicht, dass die Ziele bei Čezeta Motors nicht ehrgeizig wären. Im Gegenteil, das Projekt ist langfristig angelegt. Der Vertrieb wird gerade aufgebaut:

Čezeta 506 (Foto: YouTube Kanal von Čezeta Motors)Čezeta 506 (Foto: YouTube Kanal von Čezeta Motors) „Wir arbeiten momentan erst einmal daran, die Scooter über das Internet anzubieten. Das heißt man kann sie über eine Webseite heute schon bestellen. Es gibt eine limitierte Auflage für die ersten Produktionen. Dann werden wir in nächster Zeit Handelspartner und Importeure dort suchen, wo wir das Produkt etablieren und anbieten wollen. In Europa sind die Hauptmärkte Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich und Italien. Italien ist für uns sehr interessant im Hinblick auf die Konkurrenz zu Vespa. Und auf der anderen Seite des Ozeans haben die USA sehr starkes Interesse, speziell Kalifornien. Dazu Hongkong, insgesamt Asien. Und Russland war ursprünglich auch interessant, aber dort ist ja heute kein Geld mehr verfügbar.“

Mit Hundert Sachen über die Autobahn

Čezeta 506 (Foto: YouTube)Čezeta 506 (Foto: YouTube) Und die Scooter sind auch nichts für den kleinen Geldbeutel. 9900 Euro kostet eine Čezeta 506. Damit liegt sie im mittleren Preissegment zwischen den Billigrollern aus China und den teuren Maschinen von BMW, Honda und Ducati. Für die Käufer auf dem mittel- und osteuropäischen Markt, auf die man auch schielt, ist das relativ viel. Deswegen plant Marketingchef Buennagel unterschiedliche Finanzierungsmodelle – und außerdem wirbt er mit den minimalen Betriebskosten:

Foto: Archiv Čezeta MotorsFoto: Archiv Čezeta Motors „Die Kosten für eine Ladung liegen bei fünf bis zehn Kronen. Damit kann man 100 bis 150 Kilometer weit fahren. Der Generator selbst hat praktisch die Lebensdauer eines Kühlschranks, wie wir immer sagen, das heißt von bis zu zehn Jahren. Da geht im Grunde nichts kaputt. Das einzige, was so anfällt, ist natürlicher Verschleiß bei Bremsbelägen, Reifen und Licht.“

Die Elektro-Čezeta ist im Übrigen nicht gerade ein faules Schweinchen. Bis zu 100 Stundenkilometer sind drin. Das muss aber nicht die Grenze sein für die Zukunft, denn in der Elektromobilität geht die Entwicklung ständig weiter. Angedacht sind also auch eine schnellere sportliche Variante oder eine leichtere für Frauen. Die jetzige Maschine wiegt immerhin 160 Kilogramm. Dafür ist sie kinderleicht zu bedienen, behauptet Lutz W. Buennagel:

Foto: Archiv Čezeta MotorsFoto: Archiv Čezeta Motors „Man hat keinen Kickstarter, keine Kupplung, sondern wie bei einer Automatik einen Drehgriff. Der beschleunigt das Fahrzeug dann. Das ist so ganz sanftes Fahren und praktisch ohne Ton. Und deswegen wird in dem Fahrzeug auch wahlweise ein Sound-Selektor sein. Das heißt, man kann sich einen Ton aussuchen, der dann Brumm-Brumm macht, Tatütata oder sonst etwas, damit das Fahrzeug auch klingt. Das ist so ähnlich, wie bei Tesla oder BMW. Dazu kommt ein Navigationsgerät. Moderne Technik, mit einem schönen, alten Pelzmantel. Der Pelzmantel ist schön, und wir machen das Futter halt neu.“

Die Marke Čezeta soll dauerhaft wieder aufgebaut werden, Produktionsstart: April dieses Jahres. Im kommenden Jahr ist geplant, bereits 500 Stück des Schweinchens abzusetzen, 2020 sollen es dann schon doppelt so viele sein. Die ersten Bestellungen sind von Liebhabern in Tschechien gekommen.

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