Wirtschaftsmagazin Regierung und Zentralbank unisono: Erst Reformen, dann Einführung des Euro

28-11-2007 15:20 | Lothar Martin

Kommt er oder kommt er nicht? In der tschechischen Wirtschaft wird in letzter Zeit immer häufiger über die Notwendigkeit der baldigen Einführung des Euro debattiert. Doch die Regierung und die Zentralbank des Landes wiegeln ab und wollen sich nicht auf ein verbindliches Datum der Euro-Einführung festnageln lassen.

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Die Tschechische NationalbankDie Tschechische Nationalbank Die tschechische Wirtschaft boomt, doch in den zurückliegenden Tagen und Wochen werden – in weiser Voraussicht – immer wieder zwei Probleme angesprochen: der stetige Kurszuwachs der Tschechischen Krone und der zunehmende Mangel an (qualifizierten) Arbeitskräften. Beide Themen wurden daher auch beim ersten Wirtschaftsgespräch der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer erörtert. Zu dieser Veranstaltung hatte die Kammer vor 14 Tagen zwei hochrangige Fachleute eingeladen: den Gouverneur der Tschechischen Nationalbank, Zdenek Tuma, und den Personalchef der Skoda Auto-Werke, Martin Jahn.

Während des Forums übte Jahn leise Kritik, und zwar darüber, dass seitens der Prager Regierung und der Zentralbank noch immer kein Zeitpunkt bestimmt wurde, zu dem auch hierzulande der Euro als Währung eingeführt werden soll. Ein Fakt, der auch andere exportorientierte Unternehmen des Landes verärgert. Eine starke Krone, so Jahn, erschwere den Absatz, da man seine Produkte im Ausland somit teurer anbieten und verkaufen müsse. Doch selbst auf Nachfrage ließ sich Gouverneur Tuma keine verbindliche Jahreszahl für die Einführung des Euro in Tschechien entlocken. Das sei in erster Linie eine politische Entscheidung, sagte Tuma und erläuterte gegenüber Radio Prag:

Zdenek TumaZdenek Tuma „Diese Entscheidung ist auf ihre Art eine besondere. In einem bestimmten Maß wird sie nämlich – verzeihen Sie den Ausdruck – von einer perversen Motivation geprägt. Auf der einen Seite gibt es eine sehr hohe Nachfrage nach dem Euro, das heißt nach einer Währungsstabilität, die von außen kommt. Diese Nachfrage besteht in Ländern, die sehr instabile und hohe Leitzinsen haben. Für sie bringt der Euro natürlich eine Reihe von Vorteilen. Aber gerade diese Länder haben Probleme, um überhaupt in die Euro-Zone zu gelangen. Auf der anderen Seite gilt: Je flexibler ihre Wirtschaft und je kreditwürdiger ihre Währungspolitik ist, umso leichter kommen sie in die Eurozone. Aber ebenso, dass dieser Schritt dann kaum noch notwendig ist. Unsere Wirtschaft steht schon jetzt auf gesunden Füßen. Nichtsdestotrotz gibt es noch einige Engpässe abzubauen, zum Beispiel im Bereich der öffentlichen Finanzen und bei der Arbeitsmarktpolitik. Hier gehen wir mit der Regierung konform, die einen flexibleren Arbeitsmarkt anstrebt. Wenn es uns gelingen wird, diese Engpässe zu überwinden, dann kann auch die Entscheidung über den Zeitpunkt des Beitritts zur Eurozone getroffen werden.“

Mit anderen Worten: Die Tschechische Republik verfolgt das ehrgeizige Ziel, erst ihre Schwachstellen im nationalen Finanzwesen auszumerzen, um die Einführung des Euro möglichst reibungslos und schmerzfrei durchführen zu können. Premier Mirek Topolanek sprach daher nur wenige Tage später davon, dass eine Euro-Einführung im Jahr 2012 unrealistisch sei. Ein zu früher Beitritt zur Euro-Zone würde eine Entwicklung bremsen, die Tschechien derzeit gerade erfolgreich vorantreibe – die Verringerung des Leistungsgefälles zu den westeuropäischen Industrienationen. Und ein solcher Schritt würde wohl auch die Inflation erhöhen, meinte Topolánek. Wenn jedoch Nachbarstaaten wie die Slowakei, die den Euro zum 1. Januar 2009 als Währung übernehmen will, schon bald mit der europäischen Währung wirtschaften und handeln werden, dann wird Tschechien sehr wahrscheinlich zu einer eurolosen Insel mitten in Europa werden, unkte unlängst der Finanzstratege der Tschechoslowakischen Handelsbank (CSOB), Tomas Sedlacek.

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission Die Tschechische Republik will also erst ihre Hausaufgaben mit Hilfe einer Finanz-, Renten- und Gesundheitsreform machen, bevor sie der Euro-Zone beitritt. Als Musterschüler sozusagen, wollte ich Tuma entlocken, doch der Gouverneur entgegnete mir selbstbewusst: „Warum als Schüler und nicht als Lehrer?“

Und um zu bekräftigen, mit welchen Ansprüchen Tschechien sich in der europäischen Finanzpolitik etablieren will, ergänzte der Gouverneur: „Wir wollen ein vollwertiges und selbstbewusstes Mitglied der Euro-Zone werden, genauso wie wir uns bemühen, ein vollwertiges und selbstbewusstes Mitglied der Europäischen Union zu sein.“

Die Tschechische Krone wird also ähnlich wie die Schwedische Krone noch einige Jahre als Zahlungsmittel erhalten bleiben. Sehr zur Freude der meisten Tschechen, die angesichts der Kurszuwächse ein spürbares Vertrauen in ihre Währung gefunden haben. Wäre es demnach von Vorteil, wenn die Krone weiter steigen und der Wechsel auf den Euro auf der Basis einer hohen Wertigkeit erfolgen würde, wollte ich abschließend von Zdenek Tuma wissen. Der Gouverneur warnte jedoch davor, sich darauf zu verlassen, dass die Kursentwicklung immer nur in diese eine Richtung verlaufen könne:

Josef SluneckoJosef Slunecko „Nun, ich bin nicht so sicher, dass Ihre Vorhersage von einer immer stärker werdenden Tschechischen Krone auch so eintreffen wird. Wir haben nämlich in den letzten Jahren gleich mehrfach erlebt, dass die Krone auch gewissen Schwankungen unterliegen kann. Sie hatte bereits 2001 und 2002 ein hohes Niveau erreicht, ehe danach die Phase einer starken Korrektur und Kursschwächung einsetzte. Eine ähnliche Entwicklung haben wir Ende vorigen Jahres verzeichnet, nachdem die Krone im zweiten und dritten Quartal an Wert zugelegt hatte. In diesem Jahr war ihr Kurs stabil. Wenn es etwas gibt, was die Firmen beunruhigt, dann sind es große Kursschwankungen. Es interessiert sie weniger, wenn die Krone langfristig um zwei, drei oder vier Prozent zulegt. Die Schwankungen aber sind oft mit nicht geringen Überraschungen verknüpft.“

Aber es gibt immer auch Möglichkeiten und Wege, dieses Risiko zu minimieren. Eine davon nannte uns der Leiter der Marketingabteilung der berühmten Glasmanufaktur Moser, Josef Slunecko:

„Selbstverständlich versuchen wir, negative Signale in das Kalkül unserer Arbeit einzubeziehen. Zum Beispiel den Kurszuwachs der Tschechischen Krone. Deshalb wickeln wir bereits heute den Großteil unseres Außenhandels in Ländern der Euro-Zone ab. Das heißt, wir verkaufen unsere Waren in Euro.“

 

Wie wir in einem Tagesecho-Beitrag bereits berichtet haben, wird die Tschechische Bahn (CD) mit Beginn des neuen Fahrplans am 9. Dezember mit einer neuen Preisstrategie aufwarten. Und insbesondere die internationalen Züge sollen schneller und komfortabler verkehren als bisher. Wie die Tschechische Bahn dieses Vorhaben gewährleisten will, dazu sagte ihr Sprecher Ondrej Kubala:

„Wir haben den letzten Teil einer Lieferung von neuen Waggons für unsere EuroCity- und EuroNight-Züge übernommen. In diesem Jahr sind das 21 Waggons, die unter anderem für eine Geschwindigkeit von bis zu 200 km/h zugelassen sind. Alte Triebwagenzüge werden komplett von den Hauptstrecken abgezogen und nur noch im Regionalverkehr eingesetzt. Für den Vorstadtverkehr kaufen wir noch in diesem Jahr weitere neun Doppelstockzüge vom Typ Elefant. Nur zur Vorstellung: eine Zugeinheit mit drei Doppelstockwaggons kostet über 200 Millionen Kronen. Die Erneuerung ihres Schienenfahrzeugparks finanziert die Tschechische Bahn mit 1,6 Milliarden Kronen aus Eigenmitteln sowie mit Hilfe von Leasing und Krediten.“

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