Wirtschaftsmagazin Gute Voraussetzungen, aber langer Weg: Industrie 4.0 und Tschechien

23-03-2016 16:24 | Till Janzer

Die vierte industrielle Revolution – so wird die Industrie 4.0 auch genannt. Deutschland fühlt sich gut vorbereitet auf diese Herausforderung. Doch wie steht es in Tschechien? Dort ist man schließlich mit dem großen Nachbarland im Westen wirtschaftlich eng verflochten. Vor kurzem diskutierten Wirtschaftsbosse, Wissenschaftler und Politiker bei einer Konferenz nahe Prag über die tschechische Initiative zu Industrie 4.0. Die Konferenz war von der Konrad-Adenauer-Stiftung veranstaltet worden. Radio Prag hat sich dort umgehört.

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Foto: Ordercrazy, CC0 1.0Foto: Ordercrazy, CC0 1.0 Wenn Fabrikarbeiter und Roboter miteinander kommunizieren, dann ist das eines der Beispiele für Industrie 4.0. Auf diese Weise ließen sich Arbeitsprozesse effizienter gestalten, die Produktion würden flexibler und die Produkte viel genauer an Kundenwünsche angepasst. Fachleute versprechen sich von ähnlichen technologischen Veränderungen große Wachstumsschübe. Deswegen wurde in Deutschland die Initiative Industrie 4.0 gestartet – und mittlerweile bemüht sich Tschechien um eine Entsprechung. Vladimír Mařík ist Professor an der Technischen Hochschule in Prag:

Vladimír Mařík (Foto: Enkamm, CC BY-SA 3.0)Vladimír Mařík (Foto: Enkamm, CC BY-SA 3.0) „Die Initiative, die Industrie 4.0 heißt, versucht die Folgen der technologischen Entwicklung aufzugreifen – zum einen für die Industrie, zum anderen für die Gesellschaft. Heute geht es in der Industrie nicht mehr nur um die Digitalisierung, sondern um eine intelligente kybernetische Vernetzung unterschiedlichster Arten von Fertigungseinrichtungen – aber nicht nur das, sondern auch der Produkte, der Menschen und der verschiedenen Ebenen von Planung. Das alles sind Einheiten eines flexiblen Kommunikationsnetzes, das dazu dient, Informationen auszutauschen und die Produktion zu optimieren. Die Initiative Industrie 4.0 soll die Gesellschaft auf das vorbereiten, was auf sie zukommt, wenn neueste Technologien in der Industrie eingesetzt werden.“

Intelligente kybernetische Vernetzung

Pavel Roman (Foto: Archiv der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer)Pavel Roman (Foto: Archiv der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer) Dass die Diskussion auch hierzulande aufgenommen wurde, dazu hat nicht zuletzt die Deutsch-Tschechische Industrie- und Handelskammer beigetragen. Denn Deutschland hat einen gewissen Vorsprung, wie Pavel Roman, Vizepräsident der Handelskammer, bei der Konferenz erläuterte:

„In Deutschland wurde die Industrie 4.0 schon 2011 zu einem Teil der Hightech-Strategie der Bundesregierung. Im April 2013 wurde die Plattform Industrie 4.0 gegründet, die durch die Gewerkschaften mehr als 6000 Firmen vertritt. Seit April 2015 wird die Plattform – außer von weiteren wichtigen Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Verbänden und Gewerkschaften – vom deutschen Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und der Ministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka, geleitet.“

Jan Mládek (Foto: Marián Vojtek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Jan Mládek (Foto: Marián Vojtek, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Noch im Laufe des ersten Halbjahrs 2016 möchte aber auch Tschechien nachziehen. Industrie- und Handelsminister Jan Mládek lässt einen nationalen Aktionsplan ausarbeiten, damit hierzulande die Firmen und die Gesellschaft auf die Industrie 4.0 vorbereitet werden. Vladimír Mařík leitet die Gruppe von etwa 80 Fachleuten, die den Aktionsplan ausarbeitet. Was hält er für die zentrale Herausforderung?

„Alle Sachen haben eine zeitliche Konstante. In der Technologie liegt die Konstante bei zwei bis drei Jahren. Das heißt, in dieser Zeit kommt es zu einem Wandel. Auf dem Arbeitsmarkt zeigen sich die Veränderungen mit einer Verspätung von drei bis fünf Jahren. Aber die Bildung hat eine zeitliche Konstante von einer Generation, das sind 15 oder 20 Jahre. Deswegen legen wir in unserem Dokument den größten Nachdruck auf die Bildung – damit unsere Bürger in 15 bis 20 Jahren auf mehrere kleine technologische Revolutionen vorbereitet sind, die jeweils nach drei Jahren geschehen. In langer Sicht ist also die Bildung das Wichtigste. Es geht aber nicht nur um die entsprechende Ausbildung etwa an einer Spitzenuniversität. Auch unsere Mittelschulbildung muss eine entsprechende Qualität haben, genauso wie die Grundschulen. Und wir kümmern uns auch um die lebenslange Weiterbildung. Weil der technologische Wandel so schnell vonstattengeht, wird kein Mensch 40 Jahre lang im beruflich aktiven Leben mit dem auskommen, was er in der Schule gelernt hat.“

Bildung, die auf die technologischen Revolutionen vorbereitet

Eduard Muřický (Foto: Archiv des tschechischen Industrie- und Handelsministeriums)Eduard Muřický (Foto: Archiv des tschechischen Industrie- und Handelsministeriums) Neben der Bildung stellt sich die Frage nach der Sicherheit des ganzen Informationsflusses. Firmen befürchten beispielsweise, dass ihnen Daten geklaut werden könnten. Auch viele weitere Fragen sind offen. Doch insgesamt glaubt man im stark industrialisierten Tschechien, gute Voraussetzungen mitzubringen für die vierte industrielle Revolution. Eduard Muřický ist Staatsminister im Industrie- und Handelsministerium:

„Wir sind natürlich in einer etwas anderen Lage als Deutschland, weil die Industrie in Tschechien zum Teil die Rolle eines Zulieferers hat. Dennoch haben auch wir eigene Produzenten für Endprodukte, mit eigenen Entwicklungszentren. Zufälligerweise sind einige von ihnen deutsche Firmen. Daher glauben wir, dass die Tschechische Republik der richtige Ort ist, um mit ähnlichem Erfolg die Herausforderungen zu bewältigen wie Deutschland.“

Im Herbst vergangenen Jahres haben beide Länder daher ein Kooperationsabkommen unterzeichnet. Für Deutschland ist dies genauso ein Pilotprojekt wie für Tschechien. Im Mittelpunkt stehen dabei kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Und es soll eine bilaterale Arbeitsgruppe entstehen, in der neben den KMU auch Wissenschaftler, sowie die Sozialpartner beider Länder kooperieren.

Allerdings, so gibt Professor Mařík zu, stehe man in beiden Ländern erst am Anfang der Industrie 4.0. Der Weg zum Ziel sei noch sehr lang.

 

Oliver Herkommer (Foto: Archiv von Oliver Herkommer)Oliver Herkommer (Foto: Archiv von Oliver Herkommer) Es sind also kleine und mittlere Firmen, auf die sich die grenzüberschreitende Kooperation konzentriert. Die Ingenics AG mit Sitz in Ulm berät Unternehmen bei Planung, Optimierung und Qualifizierung. Oliver Herkommer ist dort Vorstandsvorsitzender. Im Interview erläutert er, in welcher Weise der Mittelstand von Industrie 4.0 berührt wird.

„Die Industrie-4.0-Veränderungen werden grundsätzlich alle Unternehmen betreffen. Natürlich die großen Unternehmen mit komplexen Informationsflüssen auf einem ganz anderen Niveau, als ein Mittelstandsunternehmen oder sogar kleinere Handwerker. Aber auch der Handwerker wird in Zukunft mit den Tools der digitalen Welt seine Angebote erstellen, den Kunden überzeugen, Visualisierung betreiben und dann die Daten an seine handwerkliche Fertigung übergeben. Er wird also auch betroffen sein und sich auf ein neues Zeitalter einstellen müssen.“

Ein Mittelständler hat ja wahrscheinlich nicht die finanziellen Möglichkeiten, um Produktionsprozesse zu automatisieren. Also geht es eher um die Präsentation…

„Vollkommen richtig. Er wird als Handwerksbetrieb nicht automatisch zum Beispiel eine Küche in die Fertigung bringen – auch wenn sie vorher in 3D visualisiert wurde, damit der Kunde sie sich vorstellen kann und kauft. Aber diese Visualisierung wird er einsetzen, weil die entsprechenden Tools auch billiger werden. CAD-Software, die früher 8000 Euro gekostet hat, liegt heute auf dem Preisniveau, das man praktisch als kostenlos bezeichnen kann. Wenn das kommt, muss man nur noch in die Qualifizierung investieren, und damit ist die Hemmschwelle nicht mehr so hoch wie noch vor fünf oder zehn Jahren.“

Foto: InIT Lemgo, Wikimedia CC BY-SA 3.0Foto: InIT Lemgo, Wikimedia CC BY-SA 3.0 Ein anderes Problem ist die Datensicherheit, aber auch mehr oder minder die Kontrolle der Mitarbeiter bei diesen hochautomatisierten Prozessen in den großen Firmen. Wie sehen Sie das, und welche Vorbehalte haben vielleicht auch ihre Kunden?

„Grundsätzlich haben wir in Deutschland von unserer Historie her ein Problem mit Überwachung, was vollkommen verständlich ist. Die Sensibilität haben einfach die US-amerikanischen Mitarbeiter gar nicht. Dort ist es einfach klar: Ich arbeite jetzt in der Firma, ich muss meine Leistung erbringen, und die wird auch qualifiziert gemessen. Das ist dort vollkommene Basis, und herrscht eine Übereinstimmung zwischen Unternehmen und Mitarbeitern. Bei uns kommen wir aus der Historie aus etwas anderer Sensibilität. Und da glaube ich, dass wir zwischen Mitarbeitern und Unternehmen einen fairen Weg finden müssen, mit dieser Transparenz verantwortlich umzugehen und sie eben nicht auszunutzen, um bestimmte Arbeitnehmerrechte einzuschränken. Ich glaube, dass wir grundsätzlich in der Lage sind hier eine Balance zu finden, die technologischen Möglichkeiten zu nutzen und aber auch die Rechte der Mitarbeiter zu stärken. Diese Aufgabe müssen die Gewerkschaften und die Unternehmen in den nächsten ein, zwei Jahren diskutieren.“

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