Wirtschaftsmagazin Gesellschaft hat wachsenden Bedarf an qualifizierten Finanzinformationen
Im Zuge der globalen Finanzkrise wurden auch die weltweit anerkannten Ratingagenturen hinterfragt: Haben sie ihre Rolle als Prognostiker und Ratgeber auch verantwortungsvoll wahrgenommen? In Tschechien gibt es solche Agenturen nicht. Dafür aber haben sich seit der Wende mehrere neue Finanzgesellschaften etabliert, die kontinuierlich Analysen zur Wirtschafts- und Finanzlage des Landes anfertigen. Zur Rolle dieser Gesellschaften sprach Radio Prag mit dem Wirtschaftsjournalisten Rudi Hermann.
Rudolf Hermann
Nach der Wende wurden in Tschechien eine ganze Reihe von neuen
Finanzgesellschaften gegründet, wie zum Beispiel Patria Finance, Next
Finance oder Colosseum. Diese Unternehmen erfüllen sicher nicht den
Anspruch einer Ratingagentur. Deshalb die Frage: Welches Portfolios haben
sie und welche Rolle haben sie auf dem tschechischen Finanzmarkt
übernommen?
„Das sind Gesellschaften, die investieren Geld, und zwar nicht nur ihr eigenes, sondern auch Geld, das sie von anderen Leuten anvertraut bekommen. Diese Gesellschaften treffen dann Investitionsentscheidungen. Sie kaufen zum Beispiel auf dem Aktienmarkt Titel ein, fassen sie zusammen in einen Fonds, und man kann dann Anteilscheine von diesem Fonds kaufen. Man kann auch direkt investieren oder sich von solchen Unternehmen beraten lassen, welche Investitionsentscheidungen man treffen sollte. In dieser Hinsicht spielen diese Firmen zwar nicht direkt die Rolle von Ratingagenturen, aber ihre Einschätzungen sind für Konsumenten zumindest wichtig.“
Sprechen wir zunächst über Patria Finance. Diese Gesellschaft ist 1994
gegründet worden als erste Investitionsbank in der Tschechischen Republik.
Wie würden Sie dieses Unternehmen einstufen?
„Patria Finance hat sich schon in den 1990er Jahren einen guten Namen gemacht als ein seriöses Finanzinstitut. Es gehört zu den größten Investitionsunternehmen in Tschechien und hat sich meines Wissens nach auch bisher keinen größeren Lapsus geleistet. Das ist natürlich wichtig, denn Vertrauen ist in der Finanzbranche eine der wichtigeren Währungen.“
Kommen wir zu Next Finance. Diese Firma wiederum bezeichnet sich als unabhängige Gesellschaft für Analysen und Konsultationen auf dem Wirtschafts- und Finanzsektor in Tschechien und der Slowakei. Zudem hebt die Firma hervor, die besten Prognosen zum Wechselkurs der tschechischen Krone zum Euro abzugeben. Was ist Ihre Meinung: Sind diese Einschätzungen zutreffend?
„Diese Einschätzungen sind natürlich ein schwieriges Parkett, weil sie
naturgemäß immer nach vorne gerichtet sind. Man hat natürlich
Erfahrungswerte aus der Vergangenheit, man hat Entwicklungen gesehen in der
Vergangenheit, aber wie gut jemand Prognosen abgeben kann, das ist nicht so
einfach einzuschätzen. Wenn man sich zum Beispiel anschaut, wie diese
allesamt renommierten Firmen irgendein großes Unternehmen für die
Entwicklung des Aktienkurses einschätzen, dann schwanken die
Einschätzungen manchmal sehr substantiell. Nehmen wir zum Beispiel eine
Firma, die für Anleger eine große Bedeutung hat und deren Aktienkurs
zurzeit bei 15 Dollar steht. Da gibt es dann von Banken und anderen
Beratungsfirmen vielleicht 10 bis 15 Einschätzungen, die schwanken
können, sagen wir von 9 bis 25 Dollar – je nachdem welche Beratungsfirma
oder welche Bank welche Einflüsse wie gewichtet. Und zwar Einflüsse, die
in Zukunft entstehen könnten aber nicht müssen. Das Problem liegt also
darin, dass man spekuliert, was in der Zukunft entstehen könnte, und
welche Bedeutung das dann haben könnte für die Entwicklung dieses oder
jenes Unternehmens. Oder aber für dieses oder jenes Finanzprodukt, das an
ein Unternehmen oder an einen Staat gebunden ist. Von diesen Spekulationen
werden dann die Prognosen ableitet. Bei den Wechselkursen ist es nicht
anders. Auch hier gibt es eine Vielzahl von Einflüssen, die da
zusammenspielen. Je nachdem, wie sie zusammenspielen und was die große
Masse der Investoren, die wirklich Gewicht haben, dazu denkt und sich auch
verhält, entsteht ein Sog in diese oder die andere Richtung. Die Prognose
ist dann entweder sehr oder aber weniger genau. Auch bei den
Währungsprognosen gehen die Meinungen der Spezialisten oft ziemlich
auseinander.“
Foto: www.colosseum.cz
Betrachten wir zum Abschluss die Finanzgesellschaft Colosseum. Diese Firma
gibt sich als bedeutendster tschechischer Handelspartner auf dem
Wertpapiermarkt aus, und zwar mit der Spezialisierung auf die Börse. Auch
von Firmenvertretern dieser Gesellschaft werden immer wieder Kommentare zur
Finanz- und Wirtschaftslage in Tschechien abgegeben. Welche Rolle spielt
Colosseum genau?
„Zu den Kommentaren ist zu sagen: Sie entsprechen einer gewissen Nachfrage aus der Bevölkerung, aus der Gesellschaft und auch seitens der Medien. Das ist gewollt, denn man sucht die Einschätzung der Spezialisten. Also greift man auf solche Finanzgesellschaften zurück. Für diese Gesellschaften ist das wiederum attraktiv, denn sie können sich selbst darstellen, sie kommen an die Öffentlichkeit und können zeigen, dass sie von der Sache etwas verstehen. So entsteht ein gewisses Zusammenspiel zwischen eben diesen Finanzgesellschaften, der Öffentlichkeit und den Medien. In der Gesellschaft besteht zudem ein gesteigerter Bedarf an qualifizierten Finanzinformationen. Allein schon deshalb, weil insbesondere die Finanzwelt global vernetzt ist. Was zum Beispiel in Amerika über Nacht passiert, das schlägt sich am nächsten Morgen auch sofort auf dem europäischen Finanzmarkt nieder. Das Gleiche gilt für die Bewegungen auf den Finanzmärkten in Japan oder China. Diese Zusammenhänge sind zunehmend komplex, von daher sucht die Bevölkerung auch zunehmend qualifizierte Informationen. Solche Informationen können diese Gesellschaften dann auch liefern.“
Gebäude der Prager Börse
Kann man diesen Firmen wie Patria Finance, Next Finance und Colosseum
vielleicht sogar so etwas wie die Rolle der Hüter der Finanz- und
Wirtschaftsordnung in Tschechien zusprechen, oder sind das ganz einfach nur
unabhängige Unternehmen, deren analytische Dienste man nutzen kann, ihren
Prognosen und Vorgaben aber nicht unbedingt folgen muss?
„Bestimmt kann man sagen, dass diese Firmen vor allem als Unternehmen auftreten, die in ihrem eigenen Interesse arbeiten. Die Frage, ob sie dann auch eine gewisse Rolle als Hüter der Finanz- und Wirtschaftsordnung spielen, würde ich so beantworten: Sicher, das ist nicht ihr Kerngeschäft und auch nicht ihre primäre Absicht, aber wenn es vertrauenswürdige Firmen sind, dann spielen sie notgedrungener Weise eine solche Rolle. Wie gesagt, das Prognosegeschäft ist ein schwieriges Geschäft. Man kann damit Erfolg haben, man muss aber auch ab und zu einen Misserfolg einstecken, weil dieses Geschäft eben nicht immer auf rationalen Gesichtspunkten aufbaut. Die Investoren haben einen gewissen Herdentrieb, den sie gerne an den Tag legen. Von daher ist es nicht immer einfach abzuschätzen, was die Zukunft bringen wird.“
Illustrationsfoto
Kann man sagen, dass diese Firmen heutzutage dazu beitragen, sich auf dem
Finanzmarkt besser zu orientieren?
„Sicher, das kann man schon sagen. Die Spezialisten dieser Firmen haben in der Tat ein Wissen, das auf soliden Grundlagen aufbaut, denn sonst könnten sie im Wettbewerb gar nicht bestehen. Das Problem ist, dass es keine exakte Wissenschaft ist und dass auch das beste Vorwissen manchmal nicht weiter hilft, wenn die Entwicklung nicht ganz so läuft, wie man es selbst erwartet hat.“





