Wirtschaftsmagazin Ein Viertel aller Tschechen geht laut Papier einem Gewerbe nach
Die Tschechische Republik ist ein Land der Unternehmer. Zu Ende des vergangenen Jahres überstieg die Zahl der hierzulande ausgegebenen Gewerbescheine bereits die Grenze von drei Millionen. Das ist bemerkenswert, schließlich leben im Land nur rund zehn Millionen Menschen.
Foto: Emin Ozkan, Stock.XCHNG
Fast ein Viertel aller Tschechen ist dem Papier nach unternehmerisch
tätig. Denn neben dem Stapel der Gewerbescheine ist im vergangenen Jahr
auch die Zahl der Gewerbetreibenden gewachsen – um weitere 50.000 auf
den
neuen Rekordwert von 2 Millionen und 230.000 Unternehmer. Nicht jeder von
ihnen betreibt jedoch ein Gewerbe, um damit reich zu werden. Viele Leute
haben den Gewerbeschein nur deshalb, um nicht auf dem Arbeitsamt zu
landen.
Einer von ihnen ist Jan Urban:
„Ich habe mir im Dezember den Gewerbeschein besorgt und sehe ihn als eine Möglichkeit an, um nach dem Studium eine Betätigung zu finden.“
So wie Urban denken in zunehmendem Maße besonders Hochschulabgänger. Tausende Unternehmer haben zudem gleich mehrere Gewerbescheine, und so haben die Ämter im vergangenen Jahr insgesamt 111.000 neue Zulassungen ausgestellt. Tschechien hat sich damit an die europäische Spitze gesetzt:
Am häufigsten in Tschechien unternehmerisch tätig sind Vietnamesen
„Wenn wir die Zahlen in Relation zur Bevölkerungszahl setzen, dann
hat
Tschechien dreimal so viele Unternehmer wie das benachbarte
Deutschland“,
zieht Vladislav Čermín vom Ministerium für Industrie und Handel einen interessanten Vergleich. Nicht alle registrierten Unternehmer betreiben aber gegenwärtig auch ein Gewerbe. So mancher lässt seine Zulassung gerade ruhen, weil es ihm vermutlich an Aufträgen oder Geld mangelt. Über 100.000 Gewerbescheine wurden zudem an Ausländer ausgestellt. Am häufigsten in Tschechien unternehmerisch tätig sind Vietnamesen sowie Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Wegen der Wirtschaftskrise aber haben auch viele Unternehmen selbst zum Anstieg der Gewerbetreibenden beigetragen, sagt die Analytikerin der Raiffeisenbank Helena Horská:
Helena Horská
„Firmen, bei denen die Auftragslage zurückging, versuchten dann,
ihre
Kosten zu senken. Dazu haben sie ihre Arbeitnehmer motiviert, ja manchmal
auch gezwungen, im so genannten Schwarz-System zu arbeiten.“
Als Schwarz-System (Švarc systém) wird in Tschechien das
Beschäftigungsverhältnis bezeichnet, bei dem die Arbeitnehmer eines
Unternehmens ihren Job als Selbstständige, also auf der Basis eines
Gewerbescheins, ausführen. Dadurch spart der Arbeitgeber einen dicken
Batzen an Lohnnebenkosten ein. Das System wurde nach seinem Erfinder, dem
Unternehmer Miroslav Švarc benannt.
Miroslav Švarc (Foto: Benesovsko.info)
Wegen des Schwarz-Systems geht dem Staat allerdings einiges an Geld
verloren, Gewerbetreibende führen in der Regel weniger an Steuern und
Sozialabgaben ab. Das Ministerium für Industrie und Handel rechnet jedoch
damit, dass auch in diesem Jahr die Zahl der Gewerbetreibenden in
Tschechien weiter steigen wird, und zwar um bis zu zehn Prozent. In der
gegenwärtigen Lage, in der die Regierung Nečas nach weiteren Mitteln und
Wegen sucht, um die Staatsschulden abzubauen, ist das gewiss keine
positive
Tendenz. Der stellvertretende Abteilungsleiter für den Bereich
Unternehmertätigkeit beim Wirtschaftsministerium, Bedřich Danda, hat
dazu
jedoch seine ganz eigene Sichtweise:
Bedřich Danda
„Wo soll man das Geld holen, wenn nicht bei den Gewerbetreibenden?
Das
ist die einfache Realität. Wenn wir den Gewerbetreibenden aber mit
weiteren Steuerbelastungen die Lage erschweren, dann müssen wir uns auch
die Frage stellen: Was werden sie tun? Etwas übertrieben gesagt bin ich
der Meinung, dass man ein Gesetz immer so festlegen sollte, dass der
Betreffende, der es einzuhalten hat, es auch freiwillig und gern
einhält.“
Sei das nicht der Fall, dann würden die Unternehmer sicher andere Wege suchen. Daher glaube er auch nicht, dass eine Steuererhöhung dem Staat auch wirklich höhere Einnahmen brächte, sagte Danda im Tschechischen Fernsehen. Auch dem Schwarz-System könne die Politik nur wenig entgegenhalten. Schließlich seien Leute, die arbeiten, für den Staat immer noch besser als Arbeitslose, die nur Kosten verursachen, so Danda:
Tschechischer Gewerbeschein
„Derjenige, der im so genannten Schwarz-System arbeitet, ist
eigentlich
zufrieden, weiterhin seinen Job und damit ein Einkommen zu haben. Er ist
motiviert und auch bemüht, etwas zu tun. Wenn jemand aber arbeitslos wird
und sich nicht mehr bemüht, dann verliert er oft auch die Angewohnheit,
die ich als sehr wichtig erachte. Ich meine die Gewohnheit, auf Arbeit zu
gehen und bis zur Rente oder sogar bis zum Tod zu schaffen.“
Wie aber sieht es unter den Gewerbetreibenden tatsächlich aus? Wie viele von ihnen sind gegenwärtig unternehmerisch tätig und zahlen Steuern, und wie viele haben ihre Unternehmungen vorerst eingestellt? Bedřich Danda:
„Nach den Informationen der Sozial- und Krankenversicherungen sind es ungefähr 960.000 Gewerbetreibende, die ihre Tätigkeit derzeit ruhen lassen. Dazu kommt die Gruppe derjenigen, die nicht so viel verdienen, dass sie Gelder abführen müssen, oder die andere Vergünstigungen haben, wie zum Beispiel die Studenten. Die Zahl der Unternehmer, die ihr Gewerbe wirklich als Beruf betreiben, liegt bei rund einer Million.“
Die Letztgenannten, die dem Staat und den Versicherungen auch wirklich
Geld in die Kassen bringen, unterteilt Danda noch einmal in drei Gruppen:
„Ich denke, dass ein Drittel der Million Unternehmer, vielleicht auch etwas mehr, wirklich ein Gewerbe betreibt. Damit meine ich Handwerker wie Elektriker oder Schlosser, aber auch Fuhrunternehmer und andere Unternehmer. Ein weiteres Drittel der Million übt einen Beruf aus, dem eine selbstständige Tätigkeit zugrunde liegt. Das sind zum Beispiel Ärzte. Und die übrige Gruppe setzt sich aus Leuten zusammen, die alles Mögliche machen.“
Einer Trickserei aber, die besonders Handwerker vornehmen, steht Danda
sehr kritisch gegenüber. Sie wird ausgeübt bei der Abrechnung der
Einnahmen, die oft nicht lückenlos ist. Nicht selten würde nämlich ein
Auftrag auch mündlich ausgehandelt und nach getaner Arbeit dann bar
bezahlt, ohne einen Zahlungsbeleg. Aufgrund dieser Praxis entgehen dem
Staat und den Versicherungen natürlich weitere Einnahmen, beklagt Danda:
„Das ist im Grunde genommen eine Schweinerei. Aber wenn es das
System
ermöglicht, dass der Preisunterschied für eine Dienstleistung sehr groß
ist – ohne einen Beleg zahlt man beispielsweise 500 Kronen, mit Beleg
aber 1000 Kronen -, dann wird der Kunde immer die Leistung für den halben
Preis nehmen. Das ist ein Problem. Solche Gewerbetreibende zahlen zumeist
sehr niedrige Steuern, weil sie in ihrer Steuererklärung nur kleine
Erträge beziehungsweise Gewinne zur Versteuerung angeben. Aber das ist
nicht das Problem. Das Hauptproblem bei diesen Gewerbetreibenden besteht
darin, dass sie dem Gesundheits- und Sozialsystem auf der Tasche
liegen.“
Und so ist es eigentlich fast wie immer: Die neue Rekordzahl an Gewerbescheinen und Unternehmern in Tschechien ist Segen und Fluch zugleich.





