Beste Stimmungswerte, aber verschärfter Fachkräftemangel – DTIHK-Konjunkturumfrage

Die ausländischen, vor allem deutschen Investoren sind sehr zufrieden in Tschechien. Dies zeigt die neueste Konjunkturumfrage der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer. Zugleich rechnen die Unternehmen mit steigenden Lohnkosten. Bei aller Freude hat sich aber ein Problem weiter verschärft: der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften.

Pressekonferenz zur DTIHK-Konjunkturumfrage 2017 (Foto: Jan Sommerfeld, Archiv DTIHK)Pressekonferenz zur DTIHK-Konjunkturumfrage 2017 (Foto: Jan Sommerfeld, Archiv DTIHK) In diesem Jahr haben 150 Unternehmen aus allen Branchen die Fragebögen ausgefüllt. Bernard Bauer ist Geschäftsführer der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer (DTIHK):

„53 Prozent der Unternehmen, die an unserer Umfrage teilgenommen haben, gehören einem Konzern oder einer Unternehmensgruppe an. 73 Prozent davon haben den Sitz ihres Mutterhauses in Deutschland, 9 Prozent in Tschechien und 11 Prozent in anderen Ländern wie Frankreich, Polen oder der Schweiz.“

Es sind also nicht nur Unternehmen in deutscher Hand, die teilgenommen haben. Erstellt wird die Umfrage seit 1999. Mittlerweile lassen sich dadurch interessante Vergleichswerte ablesen. Die Fragen drehen sich dabei jedes Mal sowohl um die aktuelle Wirtschafts- und Geschäftslage, als auch um die weitere Entwicklung im jeweiligen Jahr. Christian Rühmkorf hat die neueste Erhebung ausgewertet. Er leitet die Öffentlichkeitsarbeit bei der Kammer:

Christian Rühmkorf und Bernard Bauer (Foto: Jan Sommerfeld, Archiv DTIHK)Christian Rühmkorf und Bernard Bauer (Foto: Jan Sommerfeld, Archiv DTIHK) „Das Ergebnis ist hervorragend. 64 Prozent, also eine satte Mehrheit von zwei Dritteln, beurteilen die Wirtschaftslage als gut, ein Drittel als befriedigend und nur vier Prozent als schlecht. In der Gesamtschau ist das ein Ergebnis, das es zuletzt 2004 gab. Damals hatten wir exakt die gleichen Werte ermittelt. 2004 war das Jahr des tschechischen EU-Beitritts, und jetzt zeichnet sich der gleiche Optimismus ab.“

Fragezeichen Brexit und Protektionismus

Die Einschätzungen für die weitere Entwicklung sind allerdings deutlich zurückhaltender, als dies noch 2016 der Fall gewesen war. Nur 26 Prozent der Unternehmer sagen, dass sich die Wirtschaftslage im Verlaufe 2017 weiter verbessern dürfte. Zwei Drittel der Befragten glauben hingegen, dass die Lage gleich bleibt. Und zwölf Prozent sehen einer Verschlechterung entgegen.

Foto: Gerd Altmann, Pixabay / CC0 Public Domain Foto: Gerd Altmann, Pixabay / CC0 Public Domain „Dieses Ergebnis ist zu einem gewissen Grad normal, da wir uns auf Rekordniveau bewegen. Dann ist nach oben nicht mehr so viel Luft für weitere Steigerungen. Außerdem tauchen am Horizont einige Fragezeichen auf wie etwa der Brexit oder mögliche protektionistische Maßnahmen, über die in den USA gesprochen wird. Die USA sind gerade der wichtigste Exportmarkt für Deutschland, und das hätte dann unmittelbar Auswirkungen auf die tschechische Wirtschaft. Das mögen auch Gründe sein, warum so ein bisschen Vorsicht waltet“, so Christian Rühmkorf.

In eigener Sache urteilen die Unternehmen jedoch positiver. 57 Prozent rechnen mit steigenden Umsätzen, über 40 Prozent auch mit Steigerungen im Export. Dabei dürfte demnächst schon die Tschechische Nationalbank ihre Interventionen auf den Devisenmärkten aufgeben. Mit den Eingriffen hatte sie dafür gesorgt, dass die Krone schwächer bewertet wurde und tschechische Produkte im Ausland billiger waren. Das hat den Export gestützt. Mehr als 100 Milliarden Euro sind bisher in dieser Maßnahme geflossen, und der Kurs wurde dadurch künstlich bei einem Wert von 27 Kronen je Euro eingefroren. Was passiert nun, wenn die Nationalbank ihre Devisenmarktpolitik aufgibt? Michael Krüger ist CEO der deutschen Commerzbank für Tschechien und die Slowakei:

Pavel Roman und Michael Krüger (Foto: Jan Sommerfeld, Archiv DTIHK)Pavel Roman und Michael Krüger (Foto: Jan Sommerfeld, Archiv DTIHK) „Die Auswirkungen auf die lokale Wirtschaft halte ich nur für sehr gering. Die Unternehmen haben zum einen sehr viel dafür getan, ihre Produktivität weiter zu verbessern. Zum anderen verfügen die Unternehmen über gute Gewinne, das weiß ich als Banker sehr gut zu beurteilen. Das sind gute Indikatoren, dass auch Kostenerhöhungen, die ein Ende der Interventionspolitik durch die Nationalbank mit sich bringen würden, abgefedert werden können. Zudem haben viele Unternehmen Vorsorge betrieben wie etwa mit Devisen-Swaps oder Ähnlichem. Damit lassen sich mittelfristig weiter günstige Wechselkursrelationen tschechische Krone – Euro sichern.“

Unternehmen stabil auch bei höheren Kosten

Illustrationsfoto: YouTubeIllustrationsfoto: YouTube Im Übrigen sieht Michael Krüger die Unternehmen dadurch auch für eine weitere Herausforderung gerüstet: die steigenden Lohnkosten. Denn die Umfrage der Handelskammer zeigt, dass die Richtung deutlich nach oben geht. Gleich ein Viertel der Firmen rechnet damit, dass ihre Ausgaben für Löhne um mehr als acht Prozent steigen dürften. Laut Christian Rühmkorf ist das ein Spitzenwert. Und fast jedes zweite Unternehmen sagt, die Lohnkosten würden voraussichtlich zwischen drei und acht Prozent zunehmen. Damit kommen auf die Unternehmen erhebliche Mehrausgaben zu. Christian Rühmkorf:

„Die positive Seite ist natürlich, dass damit der Binnenkonsum in Tschechien ein starker Faktor bleiben wird – ein Konjunkturmotor wie in den vergangenen beiden Jahren. Zugleich steht hinter der Lohnkostenerhöhung auch ein negativer Trend: der Fachkräftemangel. Wenn in bestimmten Bereichen – dem technischen, ingenieurstechnischen oder der IT – der Markt leergefegt ist, dann heißt das, dass der einzelne Bewerber natürlich auch wesentlich mehr verlangen kann. Ob er qualifiziert dafür ist oder nicht. Und da befindet sich die Wirtschaft in einer gewissen Zwickmühle.“

Foto: cooldesign, FreeDigitalPhotos.netFoto: cooldesign, FreeDigitalPhotos.net Stichwort Fachkräftemangel. Die Deutsch-Tschechische Industrie- und Handelskammer lässt bei ihrer Umfrage auch immer die Standortkriterien bewerten. Dadurch entsteht ein Ranking, mit einer Top Five und einer Flop Five.

„Das große Problem, das große Sorgenkind ist der Standortfaktor ‚Verfügbarkeit von Fachkräften‘. Er ist in den vergangenen Jahren abgesackt und im letzten Jahr erstmals auf dem hintersten Platz von 21 gelandet. Von dort bewegt sich der Faktor nicht mehr weg, aber die Bewertung ist noch schlechter geworden. Das Problem würde ich insgesamt als eines der ‚Human Resources‘ allgemein bezeichnen. Denn auch das ‚Berufsbildungssystem‘ als Faktor ist nach unten gerutscht und befindet sich jetzt unter den fünf am schlechtesten bewerteten Kriterien. Dabei war er einmal unter den Top Five. Und nicht zuletzt ist noch die Qualifikation der Arbeitnehmer aus den Top Five herausgefallen, sie liegt jetzt auf Platz acht.“

Human Resources fehlen

Christian Rühmkorf, Bernard Bauer, Pavel Roman und Michael Krüger (Foto: Jan Sommerfeld, Archiv DTIHK)Christian Rühmkorf, Bernard Bauer, Pavel Roman und Michael Krüger (Foto: Jan Sommerfeld, Archiv DTIHK) Pavel Roman kann sich jeden Tag ein Bild von dem Problem machen. Er ist bei der Firma Bosch in Tschechien für die Unternehmenskommunikation zuständig, zugleich vertritt er die DTIHK als Vizepräsident:

„Auf der einen Seite steckt dahinter der Erfolg der Industrie. Sie hat Anteil daran, dass sich die Arbeitslosenquote in Tschechien derzeit auf einem Rekordniedrigstand befindet. Die Kapazitäten sind voll ausgelastet, und die Produktions- und Entwicklungsaktivitäten der Firmen steigen. Auf der anderen Seite hätte ich erwartet, dass sich die aktuelle Regierung stärker an den positiven Trend anpasst und schneller Maßnahmen einführt, um Arbeitslose wieder in den Beschäftigungsprozess zu integrieren. Und dass sie mehr für das Bildungssystem unternimmt.“

Denn weniger Fachkräfte – das ist nicht nur eine Folge der geburtenschwächeren Jahrgänge, sondern auch der Mängel in der Berufsausbildung. Und auf die Probleme macht die Deutsch-Tschechische Industrie- und Handelskammer bereits seit 2012 aufmerksam. Damals schrieb die DTIHK einen warnenden Brief an den damaligen Premier Petr Nečas. Nun empfiehlt Pavel Roman:

Illustrationsfoto: ČT24Illustrationsfoto: ČT24 „Kurzfristig wird es nötig sein, die 300.000 bis 400.000 Arbeitslosen zu mobilisieren und sie nach den Anforderungen des Arbeitsmarktes umzuschulen. Eventuell muss die erhöhte Nachfrage mit sorgfältig ausgesuchten, qualifizierten Arbeitskräften aus dem Ausland gedeckt werden. Aber sicher ist der erste Lösungsansatz der billigere.“

Mehr Jugendliche hingegen für eine Lehre oder technische Ausbildung zu begeistern, das sei ein Langstreckenlauf, so Pavel Roman.

Tschechien ist spitze bei lokalen Zulieferern

Foto: Archiv Škoda AutoFoto: Archiv Škoda Auto Jenseits des Problems „Human Resources“ kann Tschechien aber mit Pfunden wuchern. Und die halten die Investoren weiter im Land. Was ist dabei das Alleinstellungsmerkmal?

„Wichtig ist, neben der EU-Mitgliedschaft, die immer auf Platz eins ist, die Qualität und Verfügbarkeit lokaler Zulieferer. Da ist Tschechien spitze. Das betrifft sehr die Automobilindustrie, die hierzulande das Zugpferd ist“, sagt Christian Rühmkorf.

An die Automobilindustrie ist nämlich eine breite Zuliefersphäre angeschlossen, betont der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit. Doch es gibt auch einen Aufsteiger in die besten fünf Standortkriterien, und das ist die Berechenbarkeit der Wirtschaftspolitik:

„Auch wenn manchen Unternehmern nicht alle Maßnahmen schmecken, ist die Stabilität der Regierung und die Berechenbarkeit ihrer Politik ein ganz bedeutender Faktor für die Wirtschaft ist.“

Ebenfalls aufgestiegen ist die Zahlungsdisziplin. Diese bezeichnet Christian Rühmkorf als weiteres wichtiges Argument für die Standortwahl genauso wie Produktivität und Leistungsbereitschaft der Arbeitnehmer.

In der Gesamtsumme bedeuten diese Faktoren, dass Tschechien im Vergleich von 16 mittelost- und südosteuropäischen Ländern wieder top ist. Drei Jahre lang hatte man Polen den Vortritt lassen müssen, doch nun ist man erneut regionaler Primus.