Wirtschaftsmagazin 2007: Tschechiens Bruttoinlandsprodukt um 6,6 Prozent gestiegen – Eisenklau ernsthaftes Problem

20-02-2008 12:20 | Lothar Martin

Das Jahr 2007 war wieder ein überaus erfolgreiches Jahr für die tschechische Wirtschaft. Das belegen mehrere Zahlen und Bilanzen, die gerade in den zurückliegenden Tagen veröffentlicht wurden.

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Vladimír PikoraVladimír Pikora Die tschechische Wirtschaft hat auch im vergangenen Jahr wieder kräftig zugelegt. Den am Freitag veröffentlichten vorläufigen Schätzungen des Tschechischen Statistikamtes zufolge ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2007 um 6,6 Prozent gewachsen. Damit wurden die Erwartungen der Ökonomen, aber auch die Prognosen der Tschechischen Nationalbank (ČNB) und des Finanzministeriums übertroffen. Vladimír Pikora, der Analytiker der Gesellschaft Next Finance, führt diesen Zuwachs vor allem auf den gestiegenen Verbrauch der tschechischen Haushalte zurück:

„Die Haushalte haben ihren Verbrauch im vorigen Jahr enorm erhöht. Die Verbraucher hatten auch mehr Geld im Portemonnaie, zumal auch weitaus weniger von ihnen arbeitslos waren als früher. Unsere Statistik sagt aus, dass um zwei Prozent mehr Menschen eine Beschäftigung hatten als im Jahr davor. Daher konnten also mehr Menschen auch mehr ausgeben. Das war einer der Hauptgründe, weshalb die Wirtschaft angekurbelt wurde. Nichtsdestoweniger hat aber ganz bestimmt auch der Einfluss des Außenhandels und der Investitionen positiv zu Buche geschlagen.“

Der gestiegene Verbrauch der Haushalte schlägt sich auch auf die Umsatzsteigerung im Einzelhandel nieder. Sie lag im vorigen Jahr bei 6,8 Prozent. Auch die Umsätze im Transportwesen konnten mit einer Steigerung um 7,9 Prozent den höchsten Zugewinn der letzten sieben Jahre vermelden. Sogar das Gesundheitswesen hat zum wirtschaftlichen Jahreszuwachs beigetragen, ergänzt der Analytiker der Raiffeisenbank, Michal Brožka:

„Ein halber Prozentpunkt ging auf das Konto der erhöhten Versicherungskosten im Gesundheitswesen. Der Grund dafür war die für Anfang 2008 erwartete Einführung der Gebühren für einen Arzt- oder Krankenhausbesuch. Für das Jahr 2008 erwarten wir jedoch ein geringeres Wachstum des Bruttoinlandsproduktes. Es sollte bei unter fünf Prozent liegen.“

Dass den Prognosen für den Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes in diesem Jahr ein niedrigerer Wert als im Jahr 2007 zugrunde gelegt wird, sei auch auf die deutsche Wirtschaft zurückzuführen, hieß es. Diese konnte im Jahr 2007 nur eine BIP-Steigerung von 1,8 Prozent vorweisen. Und da Deutschland der größte Abnehmer von tschechischen Exporten ist, ist der Einfluss auf die Ökonomie in Tschechien quasi vorprogrammiert. Gegenwärtig aber ist ihre zunehmende Leistungskraft mitverantwortlich dafür, dass der Kurs der Tschechischen Krone am vergangenen Freitag wieder auf einen neuen Rekordstand geklettert ist:

„Die tschechische Währung nähert sich bereits der Marke von 25 Kronen je Euro. Nach Veröffentlichung der ausgezeichneten Ergebnisse unserer Wirtschaft ist der Kurs auf ihren historischen Rekordwert von 25,07 Kronen je Euro nach oben geschnellt. Auch gegenüber dem Dollar wurde ein neuer Rekordwert aufgestellt, und zwar ein Kurs von 17,12 Kronen je US-Dollar“, sagte der Wirtschaftsexperte des Tschechischen Rundfunks, Tomáš Medek.

Nicht zuletzt dank ihrer überaus positiven wirtschaftlichen Entwicklung hat die Tschechische Republik jetzt auch einen sehr erfreulichen Sieg davongetragen. Im Ergebnis einer Studie der deutschen Bertelsmann-Stiftung, in der 125 Entwicklungs- und Transformationsstaaten auf ihrem Weg zu Demokratie und Marktwirtschaft untersucht wurden, ist Tschechien nämlich zum am besten transformierten Staat der Welt gekürt worden. Dieser Bewertung seien aber ebenso kritische Punkte zu entnehmen, erklärte die Redakteurin der Zeitung „Hospodářské noviny“, Lenka Zlámalová, in einem Rundfunkgespräch:

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission „In dieser Rangliste wurde offensichtlich ein sehr großes Gewicht auf das politische System, oder sagen wir es in Anführungszeichen, auf die Qualität der Demokratie gelegt. Daher ist unser Erfolg keine allzu große Überraschung. Auf der anderen Seite aber konnte man gerade erst die Präsidentschaftswahlen in Tschechien verfolgen, die Versendung von Pistolenkugeln in Briefumschlägen und all das ganze Theater Drumherum. Und deshalb darf man zumindest stutzig werden, wie die Stiftung in ihrer von Prestige geprägten Studie auf dieses Ergebnis gekommen ist.“

Im vorigen Jahr konnte auch die Tourismusbranche einige Zuwächse verbuchen. Insgesamt kamen 6,7 Millionen ausländische Touristen nach Tschechien. Das ist um 3,8 Prozent mehr als im vorangegangenen Jahr. Die Mehrzahl der ausländischen Touristen hat dabei Prag und den Südmährischen Kreis besucht. Auch die Zahl ihrer Übernachtungen ist gestiegen, und zwar um 2,6 Prozent auf 20,6 Millionen. Mit durchschnittlich 6,3 Tagen waren es die Besucher aus Russland, die die längsten Aufenthalte in Tschechien hatten. Dennoch, so der Analytiker für Reiseverkehr der Gesellschaft Mag Consulting, Jaromír Beránek, seien einige Wünsche offen geblieben:

„Die meisten Touristen kommen nach wie vor aus Deutschland zu uns. Der Anteil der Besucher aus unseren Nachbarländern hat eine steigende Tendenz. In den letzten Jahren konnten wir trotzdem nicht die Intensität verzeichnen, die wir erwartet haben. Rund 60 Prozent der Touristen, die per Flugzeug anreisen, kommen mit den Maschinen einer Billigflug-Gesellschaft zu uns.“

Und billig ist das Stichwort. Denn hierzulande gibt es leider auch einige „Spezialisten“, die aus scheinbar unbedeutendem Eisenschrott richtig Geld machen. Die Rede ist von Kriminellen, die sich auf den Eisenklau spezialisiert haben. Sie montieren alles ab, was nicht niet- und nagelfest ist. Vor allem an den technischen Einrichtungen und Ausstattungen der Tschechischen Bahn machen sich die Langfinger zu schaffen. Und das mit zum Teil erheblichen Konsequenzen, sagt der Sprecher der Polizeibehörde in Brno / Brünn, Bohumil Malášek:

„Die Täter haben es sowohl auf die Eisenbahnwaggons als auch auf die Kabel der Sicherheitssysteme abgesehen, was natürlich eine sehr ernsthafte Gefahr bedeutet. Das bereitet der Bahn große Probleme und schlägt sich vor allem in der Verspätung von Zügen nieder. Wenn wir nur einmal das Problem des Eisendiebstahls in den Waggons betrachten: Hier sind die Täter zum Beispiel in der Lage, während einer Fahrt von Prag nach Budapest einen ganzen Waggon komplett auseinander zu nehmen. Das heißt, dieser Waggon kann danach nicht mehr für die Rückfahrt eingesetzt werden, denn er ist unbrauchbar.“

Ein weiterer skurriler Fall des Eisenklaus ist dieser Tage bekannt geworden. Auf einer stillgelegten Eisenbahnstrecke in Nordwestböhmen haben unbekannte Täter in der Zeit vom 5. Dezember 2007 bis zum 11. Januar dieses Jahres eine alte Eisenbrücke komplett abmontiert. Zu den Einzelheiten informierte der regionale Korrespondent des Tschechischen Rundfunks, Zdeněk Trnka:

„Die Brückenkonstruktion befand sich auf der stillgelegten Eisenbahnstrecke zwischen Cheb / Eger und Starý Hrozňatov. Die Eisenbrücke wog vier Tonnen und von der eingleisigen Strecke verschwand sie um die Jahreswende. Den materiellen Schaden haben Experten auf 20.000 Kronen geschätzt. An eine ähnlich skurrile Tat können sich die Kriminalbeamten nicht erinnern.“

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Brücke in ihren Einzelteilen in einer Schrotthandlung gelandet ist. In punkto Eisenklau wird von der Polizei in Cheb sehr oft ermittelt. Insbesondere bei Buntmetall gehen die Schäden in Bereiche von mehreren zehntausend bis hunderttausend Kronen.

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