Umwelt und Verbraucher Wohin mit dem Müll? Wiederverwerten, deponieren oder verbrennen?
3,2 Millionen Tonnen Hausmüll fallen pro Jahr in Tschechien an. Allen Bemühungen zur Mülltrennung zum Trotz landet der Großteil davon auf der Müllkippe. Doch viele Deponien sind randvoll und die EU schränkt die Möglichkeiten zur Deponierung von unbehandeltem Restmüll immer weiter ein. Wohin also mit all dem Mist? Eine Lösung ist die Verbrennung des Mülls. Und die will Tschechien in Zukunft stärker nützen. Doch gegen die Errichtung der Müllöfen laufen zahlreiche Anwohner und auch einige Lokalpolitiker Sturm.
Foto: Europäische Kommission
Über 300 Kilogramm Müll produziert der Durchschnittstscheche pro Jahr.
Das ist zwar so wenig wie in keinem anderen EU-Land und nur etwas mehr als
halb so viel wie in Deutschland oder Österreich. Doch während in diesen
Ländern ein Großteil der Abfälle wiederverwertet, kompostiert oder
verbrannt wird, landet der Müll hierzulande meistens in der Landschaft.
Nach Angaben der EU-Statistikagentur Eurostat wurden im Jahr 2008 rund 83
Prozent des tschechischen Hausmülls deponiert, 13 Prozent verbrannt und
nur je zwei Prozent recycelt oder kompostiert. Auch wenn Tschechien
inzwischen große Anstrengungen zur Verbesserung der Mülltrennung
unternommen hat und die Recyclingquote stetig steigt, wird der ständig
wachsende Müllberg zum ernsten Problem.
Bislang hieß die Lösung Vermeiden und Verwerten. Doch der Regierungswechsel im Sommer hat auch eine radikale Wende in der Abfallpolitik gebracht: Während Umweltminister Martin Bursík von den Grünen ganz auf Müllvermeidung und Recycling gesetzt hatte, hat sein bürgerlich-konservativer Nachfolger Pavel Drobíl, der in der vergangenen Woche nach Korruptionsvorwürfen gegen sein Ressort zurückgetreten ist, den Ausbau der Müllverbrennung vorangetrieben. EU-Fördergelder, die bisher in Recyclingprojekte geflossen sind, sollen jetzt zur Errichtung von großen Müllöfen verwendet werden.
Zurzeit sind in Tschechien zwei Müllverbrennungsanlagen in Betrieb und zwar in den beiden größten Städten des Landes, in Prag und Brno / Brünn. Nun soll mit der Region Ostrava auch der drittgrößte Ballungsraum Tschechiens einen Müllofen bekommen.
Foto: Europäische Kommission
Standort der Müllverbrennungsanlage soll Karviná sein, eine
Industriestadt
etwa 20 Kilometer östlich der Kreishauptstadt Ostrava / Ostrau.
Dagegen protestierten in der vergangenen Woche rund 200 aufgebrachte
Bürger. Sie befürchten durch den Bau der Anlage eine weitere
Verschlechterung der Luft in der Region. Bereits jetzt sorgen
Schwerindustrie, veraltete Heizanlagen und der stetig steigende
Straßenverkehr alljährlich im Herbst und Winter für zum Teil
exorbitante
Überschreitungen der Schadstoffgrenzwerte.
Die vom Tschechischen Rundfunk angesprochenen Bürger sind alle gegen das Projekt, weil sie einen weiteren Anstieg der Luftverschmutzung in der Region befürchten. Dabei litten bereits jetzt schon viele Menschen, vor allem Alte und Kinder, unter Atemwegserkrankungen.
Jan Machač vom Ostrauer Kreisamt sieht im Bau des Müllofens allerdings die einzige Möglichkeit, dem wachsenden Müllproblem im Ballungsraum Ostrava mit seinen 1,1 Millionen Einwohnern Herr zu werden:
„Mülldeponien lassen sich nicht unendlich erweitern. Und die Umweltbelastung durch deponierten Hausmüll ist weit größer als durch die kontrollierte – ich betone kontrollierte – thermische Verwertung des Abfalls.“
Foto: Europäische Kommission
Dieser Ansicht widerspricht Václav Gavlovský von der örtlichen
Umweltschutzgruppe Eko-Frygato. Er fordert statt der Errichtung eines
Müllofens mehr Anstrengungen zur Abfallvermeidung und einen Ausbau des
Recyclings. Die Verbrennung des Abfalls bringe eine weitere
Verschlechterung der Luftqualität:
„Gegen den Müllofen protestieren wir aus einem einfachen Grund: Das Umweltverträglichkeitsgutachten zum Bau der Müllverbrennungsanlage ist tendenziös abgefasst, um nicht zu sagen lügnerisch. Es geht nämlich von der Zusammensetzung von deutschem Hausmüll aus und nicht von tschechischem. Es kommt dadurch zu einem starken Anstieg der Schadstoffkonzentration.“
Der tschechische Hausmüll sei nämlich wegen der mangelhaften Mülltrennung viel stärker mit Schadstoffen versetzt als der deutsche, so der Umweltaktivist. Mit einer geplanten Jahreskapazität von knapp 200.000 Tonnen Müll sei die Anlage außerdem für den örtlichen Bedarf weit überdimensioniert. Deshalb sei zu befürchten, dass Abfall von weither mit Lkw antransportiert werden muss, um den Müllofen wirtschaftlich betreiben zu können. Das erhöhte Verkehrsaufkommen werde zu einem weiteren Anstieg der Luftverschmutzung führen, befürchten die Umweltschützer von Eko-Frygato.
Ostrava
Den Argumenten der Umweltschützer widerspricht Miroslav Novák von der
Kreisregierung in Ostrau, die hinter der Errichtung der
Müllverbrennungsanlage steht:
„Die geplante Anlage zur thermischen Verwertung von Hausmüll ist für die Region Karviná aus der Sicht des Umweltschutzes sicher ein Gewinn. Die Wärmeleistung, die von der Müllverbrennungsanlage erbracht wird, ersetzt die Leistung eines mit Steinkohle befeuerten Heizwerkes. Die Schadstoffe aus der Müllverbrennungsanlage werden natürlich gereinigt, denn die Emissionsgrenzwerte für derartige Anlagen sind viel strenger als bei Kohleheizkraftwerken.“
Umweltschützer kritisieren allerdings, dass der große Müllofen und der wirtschaftliche Druck von Seiten der Betreiber viele Gemeinden dazu bewegen könnte, die Mülltrennung aufzugeben. Statt Plastikabfälle und Getränkekartons wie bisher aufwendig getrennt zu sammeln und zu sortieren, könnten sie in Zukunft einfach verbrannt werden. Wegen des hohen Anteils an feuchtem Bioabfall im tschechischen Restmüll benötigten die Müllverbrennungsanlagen einen gewissen Anteil an gut brennbaren Plastik- oder Holzabfällen, um effizient laufen zu können, erläutern die Ökologen. Diese Sichtweise teilt der stellvertretende Ostrauer Kreishauptmann Miroslav Novák nicht:
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„Egal, welche Art von Hausmüll wir verbrennen, egal wie gut er
getrennt
ist: Die Filteranlagen garantieren immer den gleichen Emissionsausstoß.
Auch wenn der Abfall überhaupt nicht getrennt würde, bliebe der
Schadstoffausstoß gleich. Der wird laufend gemessen und die Anlage ist
unter ständiger Kontrolle. Was die Mülltrennung betrifft ist es richtig,
das Tschechien hinter anderen entwickelten Ländern hinterherhinkt. Aber
der Mährisch-Schlesische Landkreis unternimmt alles Mögliche, um die
Zahl
der Behälter für die getrennte Sammlung zu erhöhen. Und das, obwohl wir
vom Gesetz her gar nicht verpflichtet sind, das zu tun. Gemeinsam mit der
Recycling-Gesellschaft Ekokom haben wir alleine in diesem Jahr in der
Region Bruntál und Karviná 1000 zusätzliche Sammelbehälter
aufgestellt.
Gleichzeitig haben wir auch eine Werbekampagne für die Mülltrennung
gestartet.“
Weit fortgeschritten sind die Planungen zur Errichtung von
Müllverbrennungsanlagen in Plzeň / Pilsen und Pardubice. Auch dort regt
sich Widerstand aus der Bevölkerung gegen die Müllöfen. Ob und wo in
Tschechien weitere Verbrennungsanlagen für Hausmüll entstehen werden,
hängt nun aber zunächst einmal von der Neubesetzung des Postens des
Umweltministers ab.





