Umwelt und Verbraucher „Meine Frau holt noch Johannisbeeren…“ – Bauernmärkte-Boom in Prag
Eingetrockneter Knoblauch, angeschimmelte Tomaten und braune Bananen – das und noch viel mehr Ungenießbares haben Verbraucherverbände in den letzten Jahren immer wieder in tschechischen Filialen großer Lebensmittelketten gefunden. Die Verbraucher hierzulande ließen sich einfach zu viel bieten, war die Reaktion in der Presselandschaft. Doch in den Städten des Landes hat eine Gegenreaktion eingesetzt. Vor allem in Prag sind an mehreren Orten Bauernmärkte entstanden.
Bauernmarkt auf dem Kuba-Platz (Foto: Felix Neumann)
Der Prager Stadtteil Vršovice: Auf dem Kubánské náměstí, dem
schmucklosen Kuba-Platz, ist Markttag. Der Gegensatz könnte größer nicht
sein: Auf den Verkaufstischen der Stände dunkelrote Kirschen, grüne
Salatgurken oder frische Knoblauchknollen mit lila Bäckchen – und
drumherum graue Nachkriegswohnblöcke und Plattenbauten. Seit etwa zwei
Monaten gibt es hier einen Bauernmarkt. Eine Frau mittleren Alters ist das
erste Mal da und vergleicht das Angebot mit der Theke im Supermarkt:
„Ich war neugierig welches Sortiment die hier haben. Der Unterschied ist schon zu sehen, das Gemüse ist schön, groß und sieht frisch aus. Das hat mich hierhergelockt, das Saisongemüse. Auch das Obst sieht gut aus. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.“
Bauernmarkt auf dem Kuba-Platz (Foto: Felix Neumann)
Viele Tschechen haben Wochenendhäuser, eine „chata“ oder „chalupa“, mit einem
Garten. Aber die Marktkundin winkt ab:
„Ich habe einen Garten, da haben Sie recht, aber ich baue da nichts an. Da bleibt mir nur der Markt. Ich bin zu faul, etwas anzubauen, mir ist klar, dass das viel Arbeit erfordert.“
Ein Mann mit einem Sohn im Grundschulalter stellt sich als Martin vor. Zusammen mit seiner Frau ist er bereits regelmäßiger Marktgänger. Martin lobt das Angebot:
Foto: Felix Neumann
„Wir haben viel Obst gekauft, Kirschen, meine Frau holt noch
Johannisbeeren, um Marmelade draus zu machen. Die findet man nämlich im
Winter dann wieder nicht für die Linzer Torte. Wir haben auch viel Gemüse
gekauft, Kartoffeln, Radieschen, ich weiß selbst schon nicht mehr, was
alles. Solche Sachen halt.“
Bauernmarkt auf dem Kuba-Platz (Foto: Felix Neumann)
Gleich dreimal in der Woche gibt es den Bauernmarkt auf dem Kuba-Platz, er
ist damit schon eine kleine Institution. Auch anderswo in Prag finden
ähnliche Märkte statt, nur nicht so häufig oder nicht so regelmäßig.
Zum Beispiel am Moldauufer zwischen Palacký- und Mánes-Brücke oder in
Dejvice am so genannten Kulaťák, dem Sieges-Platz. Im Außenstadtteil
Klánovice entstand im vergangenen Herbst sogar der allererste dieser
Prager Märkte. Neben der Hauptstadt haben sich zudem weitere tschechische
Städte wie Plzeň / Pilsen, Brno / Brünn oder Příbram dem Trend
angeschlossen.
(Foto: Felix Neumann)
Was dieses Frühjahr erst so richtig begonnen hat zu sprießen, hat
allerdings eine Vorgeschichte. Jiří Sedláček von der Bürgerinitiative
Archetyp erzählt:
„Wir haben uns bereits vor vier Jahren an den Prager Magistrat gewandt. Wir waren viel durch Europa gefahren und haben festgestellt, dass es in kleinen und großen Städten überall Märkte gibt – Jahrmärkte, Feiertagsmärkte oder Wochenmärkte. Wir fanden es sehr schade, dass es das bei uns nicht auch gibt. Deswegen haben wir eine Studie erstellt und 17 geeignete Orte für Bauernmärkte in Prag benannt.“
Bauernmarkt auf dem Kuba-Platz (Foto: Felix Neumann)
Trotzdem geschah längere Zeit nichts, die Studie wurde zum Ladenhüter.
Letztlich musste Sedláček mit seiner Organisation selbst tätig werden,
obwohl er ursprünglich nur Ideengeber sein wollte. Eine der schwierigsten
Aufgaben war, überhaupt Anbieter zu finden – also den Bauern, der seine
Produkte auf den Markt bringt und selbst verkauft. Während der gut 40
Jahre des Kommunismus war Direktvermarktung praktisch nicht möglich. Und
nach der politischen Wende gab es zwar einige Versuche, doch endeten sie
meist unglücklich:
Bauernmarkt auf dem Kuba-Platz (Foto: Jaroslava Gregorová)
„Wir mussten uns an die Berufsvereinigungen wenden, um das Vertrauen der
Bauern zurückzugewinnen. Die letzten hatte Prag 2007 vertrieben, da wurde
die Markthalle in Pankrác geschlossen. Die meisten der 220 Familien, die
durch den Verkauf dort ernährt wurden, verloren jegliches Vertrauen. Sie
haben die Landwirtschaft an den Nagel gehängt und zum Teil Arbeit unter
Niveau angenommen - in einem Fall ist die Frau zum Beispiel an die Kasse
bei Lidl gegangen und der Mann zum Objektschutz. Das ist natürlich ein
unglaubliches Unglück, das bringt weder der Familie noch dem Verbraucher
etwas. Da wir ihnen jetzt neue Hoffnung gegeben haben, beginnen sie das
Vertrauen zurückzugewinnen. Ich hoffe, dass unsere Verbraucher sie nicht
enttäuschen und weiter auf die Märkte gehen.“
Bauernmarkt auf dem Kuba-Platz (Foto: Jaroslava Gregorová)
Dass die Verbraucher ausbleiben könnten, danach sieht es bisher nicht
aus. Sedláček und seine Marktinitiative zählen bereits 3500 Freunde auf
Facebook. Als im März erstmals der Markt auf dem Kulaťák in Dejvice
stattfand, strömten sogar Massen: Es waren – sage und schreibe –
15.000 Neugierige. Damals fehlte es eher am Angebot, zumal die Saison ja
noch gar nicht begonnen hatte.
Bei den Landwirten, die auf dem Kuba-Platz verkaufen, hat Jiří Sedláček teils selbst Überzeugungsarbeit geleistet. Sie kommen sowohl aus der Umgebung von Prag als auch von weiter her. So zum Beispiel ein Obstbauer aus Südmähren oder der Besitzer einer Ziegenfarm aus dem Böhmischen Paradies. Samstags brät vor Ort auch ein Teichbesitzer aus Südböhmen seinen frischen Fang – von Forelle bis Aal. Doch auf eines ist Sedláček besonders stolz…
Bauernmarkt auf dem Kuba-Platz (Foto: Jaroslava Gregorová)
„Was wir vor allem erreicht haben – und das ist ein Meilenstein: Schon
jetzt rufen uns die Landwirte an und sagen, wir sollen mit ihnen für die
nächste Saison rechnen. Sie würden jetzt aussäen und im kommenden Jahr
auf unseren Märkten verkaufen.“
Die Direktvermarktung, sie boomt mittlerweile also auch in Tschechien. Und das auf alle Arten, auch der Verkauf vom Hof oder die Lieferung an die Haustür sind ins Rollen gekommen.
Bauernmarkt in Dejvice
Auf dem Markt auf dem Kuba-Platz finden die Kunden, dass die
Direktvermarktung schon längst überfällig war hierzulande. Eine junge
Mutter spricht für sich und ihren Mann:
„Uns sagt sehr zu, dass alles von hier kommt, also tschechisches Obst und tschechisches Gemüse, tschechische Produkte. Im Laden ist manchmal schwer festzustellen, woher die Produkte eigentlich kommen. Was uns bisher untergekommen ist, war alles gute Qualität. Und es ist frisch. Das sind die wichtigsten Vorteile.“
Bauernmarkt in Dejvice
Eine andere Kundin stimmt dem zu und wünscht sich aber noch etwas:
„Ich finde, dass es diese Märkte schon lange hätte geben sollen. Es könnte nur einfach noch mehr sein, an mehr Orten. Ich fahre von Vinohrady hierher. Das ist relativ weit. Wenn es das an mehr Orten gäbe.“
Für die seufzende Frau hat Jiří Sedláček eine gute Nachricht: Gerade der Prager Stadtteil Vinohrady sowie das angrenzende Žižkov sind die nächsten Orte, an denen ein Bauernmarkt entstehen könnte. Sofern die Stadträte das wollen. Sie müssen das Projekt nämlich erst noch absegnen.






