Umwelt und Verbraucher Erste tschechische Stadt im EU-Bürgermeister-Konvent: Jeseník und das Klimaziel
Das deutsche Heidelberg macht mit, genauso wie das schottische Glasgow. Insgesamt 1600 Städte und Gemeinden gehören dem europäischen Bürgermeister-Konvent an. Zu den 500 neuen, die seit Mai dabei sind, gehört erstmals auch eine tschechische Stadt: Jeseník im Altvatergebirge. Die Kleinstadt hat sich mit dem Beitritt zum Bürgermeister-Konvent nun zu Klimazielen verpflichtet.
Die Stadt liegt an den nördlichen Ausläufern des Altvatergebirges, die Umgebung von Jeseník ist ausgesprochen grün. Für Bürgermeister Petr Procházka von der Demokratischen Bürgerpartei (ODS) ist das eine Art Verpflichtung:
„Der Bezirk Jeseník ist das Gebiet in Tschechien, in dem die Umwelt noch am besten in Takt ist. Das ist ein Wert, auf den wir auch in Zukunft bauen wollen. Deshalb wollten wir uns am Bürgermeister-Konvent beteiligen, in dem von einer Senkung der CO2-Emissionen gesprochen wird. Wir denken, dass solche Aktivitäten dem Bezirk in Zukunft helfen können.“
Stadt Jeseník (Foto: Boleslav Polívka, www.wikimedia.org)
Jeseník hat rund 12.500 Einwohner. Bekannt wurde die Stadt, die zu Anfang
des 20. Jahrhunderts noch fast ausschließlich deutsch besiedelt war, durch
den Naturheiler Vincenz Prießnitz und seine Kaltwasserkuren. Noch heute
ist das ehemalige Freiwaldau, wie Jeseník auf Deutsch hieß, eine
Kurstadt. Nun soll sie auch bei der Wärmeversorgung der Natur ein Stück
näher rücken – durch ein Biomasse-Heizkraftwerk:
Kurort Jeseník
„Dieses Projekt wird eine gewisse Unabhängigkeit von den
Energieträgern Gas und Elektrizität bringen. Es bedeutet darüber hinaus
eine Senkung der Emissionen, weil das Kraftwerk mit modernster Technologie
arbeitet. Und es schafft neue Arbeitsplätze, weil in unserer Gegend
genügend Biomasse vorhanden ist und daher Menschen aus der Region Arbeit
finden können.“
Das Stichwort Arbeit ist gerade ein heikles Thema in der idyllisch gelegenen Stadt. Im Bezirk Jeseník lag die Arbeitslosenquote im April bei über 15 Prozent.
Vincenz Prießnitz
Trotz der durch die geringe Beschäftigungsquote angespannten
Haushaltslage glaubt Bürgermeister Procházka, sich am Bau des neuen
Heizkraftwerkes nicht zu überheben. Die Kosten beziffert er auf 180
Millionen Kronen, umgerechnet also über 7 Millionen Euro. Und hier kommt
die Unterzeichnung des Bürgermeister-Konvents ins Spiel. Denn als Mitglied
des Konvents kann Jeseník Hilfe erhalten, um sein Potenzial für
Investitionen in nachhaltige Energie auszuschöpfen. Das dazugehörige
EU-Programm heißt „Elena“. Dazu Pedro Ballesteros-Torres von der
Europäischen Kommission:
„Mit ‚Elena’ geben wir technische Hilfe, um die Energiesparprogramme in den Städten kreditwürdig zu machen. Das kann auch so kombiniert werden, dass der Boden geschaffen wird, um Geld aus Kohäsions- und Strukturfonds für die Ziele zu nutzen. Wir versuchen also, kompletten Service zu bieten.“
Pedro Ballesteros-Torres
Bürgermeister Procházka spekuliert gerade auf die zusätzlichen
Finanzierungsmöglichkeiten durch die EU-Fonds. 85 Prozent der Kosten
sollen auf diese Weise gedeckt werden, wie er gegenüber Radio Prag sagte.
Doch das Biomasse-Heizkraftwerk ist Mittel zum Zweck. Es geht um die Klimaziele der EU. Die Gemeinschaft will ja bis 2020 die CO2-Emissionen um 20 Prozent senken. Die Idee des Konvents ist, dass die Klimaziele nicht von oben verordnet werden, sondern dass die Gemeinden und Städte selbst Initiative ergreifen. Ballesteros-Torres:
Petr Procházka (Foto: Danuše Krčová, www.mm.denik.cz)
„Das allgemeine Ziel des Bürgermeister-Konvents ist die Verpflichtung
von Gemeinderäten oder vergleichbaren lokalen Gebietskörperschaften,
über die CO2-Reduktionsziele der Europäischen Union hinauszugehen. Es
geht nicht um politische Erklärungen, sondern sie sollen einen Aktionsplan
zur Nutzung alternativer Energien erstellen und umsetzen. Damit beweisen
sie den Willen, das Ziel zu erreichen. Weil wir hier die
Gebietskörperschaften zur Initiative aufrufen, selbst einen sehr wichtigen
Teil zum Kampf gegen den Klimawandel beizutragen, ist die Verpflichtung
vollkommen freiwillig. Auf der anderen Seite müssen sie den Ausschluss vom
Konvent akzeptieren, wenn sie ihren Verpflichtungen nicht nachkommen.“
Veredelung von Biomasse (Foto: Europäische Kommission)
Jeseník steht also unter einem gewissen Zeitdruck. Bis in einem Jahr soll
die Stadt einen Aktionsplan für nachhaltige Energie vorlegen. Und dieser
Plan dürfte über den Bau des Blockheizkraftwerks hinaus noch weitere
Klimaschutzmaßnahmen enthalten, die auch umgesetzt werden müssen. Doch
Bürgermeister Procházka weiß, worauf er und der Stadtrat sich
eingelassen haben:
Foto: Europäische Kommission
„Ich muss sagen, wir haben uns unabhängig und selbstständig zur
Teilnahme entschieden. Als wir von den Grundthesen des Paktes erfahren
haben, haben wir nicht nach Vorbildern gesucht. Wir haben uns allein auf
Grund unserer eigenen Erfahrungen und des Zustands unserer Region
entschieden. Erst im Nachhinein haben wir festgestellt, dass wir die erste
und einzige Stadt aus der Tschechischen Republik sind.“
Die erste und einzige Stadt aus der Tschechischen Republik unter mittlerweile 1600 Städten aus ganz Europa, die im vergangenen und in diesem Jahr den Bürgermeister-Konvent unterzeichnet haben. Gibt es da vielleicht ein Missverhältnis zwischen Gemeinden und Städte aus den neuen EU-Mitgliedsländern und denen aus den alten EU-Staaten? Pedro Bellesteros-Torres von der EU-Kommission bejaht:
„Absolut, es gibt ein Ungleichgewicht. Es ist eine meiner wichtigsten
Prioritäten, zu versuchen, diese Schieflage zu beseitigen. Ich glaube, die
Gründe sind zum Teil leicht verständlich. Nach der politischen Wende gab
es wohl eine gewisse Zerschlagung der administrativen Strukturen in den
neuen Mitgliedsländern. Vielleicht sind viele Städte noch nicht bereit,
eine ganze Reihe von Herausforderungen anzugehen. Der andere Teil des
Problems ist zudem wohl einfach auch ein Fehlen des Problembewusstseins und
der Gelegenheiten. Und des Weiteren unternehmen wir unter Umständen nicht
genügend, um die Maßnahmen publik zu machen.“
Vielleicht entsteht ja in Tschechien mit Jeseník ein Beispiel, das Schule macht. Bürgermeister Petr Procházka jedenfalls glaubt, dass die Medienberichte genügend Impuls seien für andere Bürgermeister, es ihm gleichzutun.





