Religiöse Traditionen und Feuerglockenhäuschen – die Region Závrší

Im Süden der Mährischen Walachei liegt eine kleine Welt für sich. Es ist die Mikroregion Závrší, eingebettet in die Weißen Karpaten. Sie ist von einigen Besonderheiten geprägt. Außer der gelebten Religiosität und der Verbundenheit mit historisch tief verwurzelten Traditionen gehören dazu auch jene Spuren, die dort die sogenannte große Geschichte hinterlassen hat.

Die Landschaft von Závrší (Foto: Aleš Naňák)Die Landschaft von Závrší (Foto: Aleš Naňák) Es sind die drei Gemeinden Návojná, Nedašov und Nedašova Lhota, die den kleinen Landstrich namens Závrší bilden. In einem Tal auf etwa 400 Meter Meereshöhe leben dort in enger Nachbarschaft fast 3000 Einwohner. Závrší ist schwer ins Deutsche zu übersetzen, den Kern bildet aber das Wort „vrchy“, auf Deutsch Hügel. Denn drumherum erstrecken sich die Höhen der Weißen Karpaten und das gleichnamige Landschaftsschutzgebiet.

Seit den 1990er Jahren haben alle drei Gemeinden nach längerer Unterbrechung wieder eigene Kommunalverwaltungen. Zugleich unternehmen sie auch viel gemeinsam, da sie eine Pfarrei der römisch-katholischen Kirche bilden. Die Pfarrei entstand 1916, als in Nedašov die Mariä-Himmelfahrt-Kirche geweiht wurde. Der 33 Meter hohe Bau konnte trotz zahlreicher Probleme in nur sieben Jahren vollendet werden - auch weil die männlichen Einwohner aller drei Gemeinden kräftig selbst mit anpackten.

Foto: Mariä Himmelfahrtskirche in Nedašov (Foto: Aleš Naňák)Foto: Mariä Himmelfahrtskirche in Nedašov (Foto: Aleš Naňák) Der Landstrich an der mährisch-slowakischen Grenze galt viele Jahrhunderte als weltabgewandt gelegen. Aleš Naňák beschäftigt sich im Kreisamt von Zlín mit Kultur und Denkmalschutz. Der studierte Ethnograf und Historiker ist ein Lokalpatriot:

„Bis in die 1920er Jahre, als die Gegend an die nach Masaryk benannte Eisenbahnlinie angebunden wurde, war sie in der Tat eine abgeschiedene Ecke der Welt. Deswegen sind dort allerdings viele alte Bräuche erhalten geblieben. Nach wie vor werden sowohl alte kirchliche Traditionen gepflegt als auch weltliche. Lebendig ist aber auch der örtliche Dialekt. Zudem sind der christliche Glaube tief verwurzelt und damit auch der Respekt vor traditionellen konservativen Werten im besten Sinne des Wortes.“

Alte Feuerglockenhäuschen

Denkmalgeschütztes Glockenhäuschen in Nedašova Lhota (Foto: Aleš Naňák)Denkmalgeschütztes Glockenhäuschen in Nedašova Lhota (Foto: Aleš Naňák) Der Betrieb auf der bis heute eingleisigen Zugstrecke in der hügeligen Landschaft der Weißen Karpaten wurde 1928 aufgenommen. Später wurde die Linie bis auf den Vlára-Paß (Vlárský průsmyk) an der Grenze zur Slowakei verlängert. Naturliebhaber genießen die Zugfahrt durch die malerische Landschaft. Und die Gegend zieht viele Radfahrer an, die sich auf den dortigen Radwegen tummeln.

Bei der Rundfahrt mit Aleš Naňák durch die Gemeinden von Závrší und ihre Umgebung fallen einem kleine Häuschen mit sogenannten „Feuerglocken“ ins Auge. Gerade hier in der Südostwalachei stammen manche sogar aus dem 17. Jahrhundert. Neun von ihnen wurden inzwischen zu Kulturdenkmälern erklärt. Eines der Häuschen steht in Nedašova Lhota.

Aleš Naňák (Foto: Jitka Mládková)Aleš Naňák (Foto: Jitka Mládková) „Die massive Verbreitung der Feuerglocken ist bestimmt auf die sogenannte Feuerordnung zurückzuführen, die die Habsburger Kaiserin Maria Theresia 1751 erlassen hat. Als einer der vielen Maßnahmen zur Brandverhütung galt für jede Gemeinde der Monarchie die Pflicht, eine Feuerglocke zu haben. Wenn ein Feuer ausgebrochen war oder drohte auszubrechen, musste der beauftragte Glöckner läuten, um die freiwilligen Helfer zusammenzutreiben. In der Feuerordnung wurde aber nicht festgelegt, wie die Glockenalarm-Einrichtung auszusehen hat. In größeren Gemeinden dienten hierzu in der Regel die Kirchen- oder Rathausglocken. In kleineren und ärmeren Dörfern wurde die Feuerglocke in einem einfachen überdachten Glockenstuhl oft in eine Baumkrone platziert oder auf einen Holzpfahl. Später wurden Baum und Pfahl durch kleine Holzhäuschen ersetzt, die als Unterschlupf für den Glöckner dienten. Die Häuschen erhielten im Laufe der Zeit unterschiedliche Gestalt. Nicht selten war zum Beispiel ein sechseckiger Grundriss. In Nedašova Lhota hat der Holzbau einen viereckigen Grundriss, das galt seinerzeit aber als Rarität in der Region.“, so Naňák.

Die Vermessung Böhmens

Karte Markgrafthum MaehrenKarte Markgrafthum Maehren Er ist der einzige dieser denkmalgeschützten Bauten, dessen Entstehungsjahr nachweisbar ist: nämlich 1873. Denn das Häuschen wurde im Rahmen eines umfassenden Landkartenprojektes verzeichnet, das in allen Habsburger Erblanden durchgeführt wurde. Die Länder der Böhmischen Krone – also Böhmen, Mähren und Schlesien – wurden als erste vermessen. So entstand auch die sogenannte „Karte Markgrafthum Maehren“:

„Es war die sogenannte ‚Erste Militärlandesaufnahme‘, auch ‚Josephinische Landesaufnahme‘ genannt. Insgesamt gab es drei davon. Sie begann unter der Regentschaft von Maria Theresia und wurde von ihrem Sohn Joseph II. und über seine Regierungszeit hinaus fortgeführt. Die dabei entstehenden Karten sollten dem kaiserlichen Heer dienen. Die Offiziere des Generalstabs ritten kreuz und quer durch die Lande und notierten sich verschiedenste Objekte, die für die Heeresstrategie nützlich sein konnten. So wurden zum Beispiel Burgruinen, kleine Sakralbauten, Felder, Mühlen, Flüsse oder Bäche in die Karten eingetragen.“

Pilgermesse in der Kapelle in Nedašova Lhota (Foto: Aleš Naňák)Pilgermesse in der Kapelle in Nedašova Lhota (Foto: Aleš Naňák) Insgesamt entstanden über 4000 handgezeichnete farbige Landkarten. Auf einer davon ist auch das hölzerne Feuerglockentürmchen in Nedašova Lhota verzeichnet. Erst 66 Jahre später erschien in seiner unmittelbaren Nähe ein neues Pendant. Aleš Naňák:

„Bis in die 1930er Jahre war Lhota eine der wenigen walachischen Gemeinden, die keinen steinernen Bau mit Glockenturm hatten. Daher ergriff der Bürgermeister die Initiative. 1933 erhielt Nedašova Lhota eine neue Kapelle aus Ziegeln mit einem in die Höhe ragenden Glockenturm. Der aus architektonischer Sicht für die Walachei durchaus atypische Bau wurde den Heiligen Kyrill und Method geweiht. Seitdem wird hier jeweils am 5. Juli die heilige Messe zelebriert, an der viele Einwohner von Návojná, Nedašov und Nedašova Lhota teilnehmen. Festlich gefeiert wird dann den ganzen Tag lang.“

Merkwürdigerweise ist der Architekt der Kapelle von Nedašova Lhota unbekannt. Denn es fehlen relevante Quellen, obwohl der Bau gar nicht so sonderlich alt ist. Ein Rätsel ist aber auch die Glocke im Kapellenturm. Sie entstand nachweislich schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Woher und von wem sie in die Walachei und gerade in diese Gemeinde gebracht wurde, das weiß niemand.

Schutz vor fremden Truppen

Pilgermesse in Nedašova Lhota (Foto: Aleš Naňák)Pilgermesse in Nedašova Lhota (Foto: Aleš Naňák) Mit den Feuerglocken wurde im Laufe der Zeit aber auch auf andere Anlässe als Brände aufmerksam gemacht. Wo die Kirchenglocke fehlte, läutete sie die Stunden, rief zum Gebet auf oder gab das Totengeläut. Zu Letzterem dient sie übrigens auch heute noch in mancher Gemeinde der Walachei. Ebenso wurde vor möglichen Überfällen fremder Truppen oder Räuberbanden gewarnt. Zum Beispiel blieb auch die Walachei nicht von den wiederholten Aufständen im ungarischen Teil der Donaumonarchie verschont. Insgesamt aber hatten dort die von außen geführten Attacken nicht solch verheerende Folgen wie in der Nachbarschaft. In der Slowakei zum Beispiel oder in Südmähren wurden Städte und Ortschaften wiederholt geplündert beziehungsweise niedergebrannt.

Burg Brumov (Foto: AlStr, CC BY-SA 3.0)Burg Brumov (Foto: AlStr, CC BY-SA 3.0) „An dieser Stelle seien die türkisch-tatarischen Horden erwähnt, die hier Ende des 17. Jahrhunderts eindrangen. Anfang des 18. Jahrhunderts waren es die Überfälle der Kuruzen. Jedes Mal wurde dabei die Burg im nahegelegenen Brumov belagert. Sicherlich wurden in ihrer Umgebung auch einige Ortschaften niedergebrannt. Höchstwahrscheinlich gab es auch Todesopfer. Inwieweit allerdings unsere Region davon betroffen war, ist weiter umstritten.“

Möglicherweise bildeten die Hügel in der Gegend eine schützende Barriere. Dieser Abschnitt der mährisch-walachischen Geschichte erfordert offenbar noch eine gründliche Erforschung durch die Historiker. Kurios ist, dass die Bewohner von Nedašov im örtlichen Dialekt als „tarahúni“ bezeichnet werden. Der Name soll irgendwann von zwei Wörtern abgeleitet worden sein. Tatar und Hun, also Tatare und Hunne. Es gibt aber auch eine andere Auslegung, die keinen Zusammenhang zu den Angehörigen der wilden Horden herstellt. Vielleicht ist abschließend die an Aleš Naňák gerichtete Frage nach dem Identitätsgefühl der Bewohner von Závrší am Platze:

Závrší (Foto: Jiří Komárek, CC BY-SA 4.0)Závrší (Foto: Jiří Komárek, CC BY-SA 4.0) „Wir alle fühlen uns bestimmt zunächst als Walachen, dann aber auch als Mährer und auch als Tschechen. Die walachischen Wurzeln sind tief. Man sollte dies aber keinesfalls mit Nationalismus oder Ähnlichem verwechseln. Wir wissen nur einfach, welches unsere Wurzeln sind.“

Und das bringt nicht zuletzt auch das landesweit bekannte Volkslied zum Ausdruck. „Wir sind Walachen, eine Familie, die walachischen Berge sind unsere Heimat…“