Perle der sächsischen Renaissance in Böhmen

Es ist eine der deutlichsten Spuren Sachsens in Böhmen. Benešov nad Ploučnicí / Bensen liegt etwa zehn Kilometer südöstlich von Děčín / Tetschen. Die Dominante der Kleinstadt ist ein Schlosskomplex, der aus dem 16. Jahrhundert stammt. Die Gebäude wurden in einem Baustil gestaltet, der einen Übergang von der Gotik von Wladislaw Jagiello zur Renaissance darstellt.

Unteres Schloss mit dem Palais Wolf (Foto: AdamCernohouz, CC BY-SA 4.0)Unteres Schloss mit dem Palais Wolf (Foto: AdamCernohouz, CC BY-SA 4.0) Vom Bahnhof in Benešov nad Ploučnicí sind es etwa zehn Minuten zu Fuß auf den Marktplatz und auch zum ausgedehnten Schlossareal. Für Besichtigungen sind das sogenannte Obere und das Untere Schloss geöffnet, ebenso wie das Palais Wolf. Renata Křížková ist stellvertretende Kastellanin von Benešov nad Ploučnicí. Alle Bauten seien während des 16. Jahrhunderts entstanden, sagt sie.

„1515 kauften die Herren von Saalhausen aus Meißen die Herrschaft. Es waren drei Brüder: Friedrich, Johann und Wolf. 1522 wurde das Gebiet unter den Geschwistern aufgeteilt. Dabei erhielt Friedrich Benešov. Zu der Zeit erlebte die Stadt ihre Blütezeit. In den Jahren 1522 bis 1524 ließ der sächsische Adlige das Obere Schloss erbauen, in den Jahren 1540 bis 1544 entstand aus vier Bürgerhäusern das Untere Schloss. Dieses wurde für Friedrichs Sohn Johann errichtet. Ein weiteres Gebäude, das Palais Wolf, kam in den 1570er Jahren dazu.“

Wappen der Saalhausens (Foto: AdamCernohouz, CC BY-SA 4.0)Wappen der Saalhausens (Foto: AdamCernohouz, CC BY-SA 4.0) Ursprünglich waren alle Gebäude durch einen überdachten Gang verbunden, der die Mauern entlangführte. Der Gang endete im Oratorium der Kirche von Benešov nad Ploučnicí. Bis ins 19. Jahrhundert wurde der Gang aufrechterhalten. Heute ist davon nur noch die Verbindung zwischen dem Unteren Schloss und dem Palais Wolf erhalten geblieben. Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts lebten drei Generationen der Saalhausens im Schloss. Die Familie zerstritt sich aber dann und hat sich entschlossen, die Schlösser zu verkaufen und nach Meißen zurückzukehren. Renata Křížková.

„Während des Dreißigjährigen Kriegs kaufte Johann Sigismund Graf von Thun das Obere Schloss. Es blieb schließlich bis 1924 im Besitz des Geschlechts. Damals verkaufte sie die Residenz der Stadt. Dort wurde dann ein Museum eingerichtet, später kam dort ein Kindergarten unter. In den 1990er Jahren wurde das Gebäude in Stand gesetzt und 1999 für Besucher geöffnet.“

Vom Kaiser konfisziert

Ermordung Wallensteins (Foto: Public Domain)Ermordung Wallensteins (Foto: Public Domain) Das Untere Schloss wurde 1634 vom Kaiser konfisziert, denn der Besitzer Wilhelm Kinsky war ein Verbündeter von Albrecht von Waldstein und wurde 1634 gemeinsam mit diesem ermordet. Der Kaiser schenkte das Schloss seinem Feldmarschall Johann von Aldringen, dessen Familie ihre Hauptresidenz in Teplice / Teplitz hatte. Das Schloss in Benešov diente ihr demnach nur als Sommersitz. Der Bau wechselte danach einige weitere Male seinen Besitzer. In den Jahren 1888 bis 1945 gehörte es keiner Adelsfamilie mehr, sondern dem Großindustriellen Grohmann.

Das Untere Schloss ist wie eine Adelsresidenz des 16. Jahrhunderts gestaltet. Die Führung beginnt im Festsaal. Renata Křížková dazu:

„In diesem Saal sind Bauelemente der sogenannten ,sächsischen Renaissance‘ zu sehen. Es handelt sich dabei um Überschneidung von zwei Baustilen: der späten Gotik, von der hier das herrliche Netzgewölbe erhalten geblieben ist, und der Frührenaissance. Zu Festmahlen wurde der Saal jedoch nur bis ins 17. Jahrhundert genutzt. Später wurden Feste im ersten Stock veranstaltet.“

Waffenkammer (Foto: Stanislava Brádlová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Waffenkammer (Foto: Stanislava Brádlová, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Gezeigt werden weitere Räumlichkeiten wie die schwarze Küche, die Speise- und Waffenkammern sowie das Büro.

„Zu sehen sind hier vor allem Hieb- und Stichwaffen aus dem Dreißigjährigen Krieg wie Hellebarden oder Partisanen. Gezeigt werden auch eine Kanone und Musketen. Auf zwei Kupferstichen wird die Taktik bei der Eroberung von Städten beschrieben.“

Feuerwaffen aus dem 18. und 19. Jahrhundert werden in der zweiten Waffenkammer aufbewahrt.

Wandteppiche und Lavabo

Weiter geht es in eine geräumige Halle, die früher auch als Tanzsaal genutzt wurde. Die Wände sind mit zwei Teppichen geschmückt. Diese sollten auch als Wärmeisolation dienen, sagt die Expertin,

Speisesaal (Foto: Stanislava Brádlová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Speisesaal (Foto: Stanislava Brádlová, Archiv des Tschechischen Rundfunks) „Wandteppiche wurden meistens in Frankreich oder in Flandern hergestellt. Der erste der hiesigen Teppiche stammt aus dem Jahr 1680. Er stellt eine Unterhaltung zwischen Adeligen dar. Auf dem anderen ist die Ankunft des Königs abgebildet, er stammt aus dem Jahr 1730. Die beiden Kunststücke wurden in Flandern gewoben. In der Halle hängen zudem fünf Gemälde vom deutschen Maler Martin Dichtl. Es handelt sich um Allegorien der fünf Sinne des Menschen.“

Aus der Halle geht es ins Empfangszimmer, wo der Schlossbesitzer seine Freunde und Bekannten empfing. Das Zimmer ist überwiegend mit Renaissancemöbeln ausgestattet. Dort sind auch zwei Spieltische, die zum Kartenspiel oder einem anderen Zeitvertreib dienten. Über den kleinen Speisesaal betritt man das Schlafzimmer der Damen.

„Früher war der Schlafsaal prunkvoll ausgestattet. Es handelte sich eigentlich um einen Repräsentationsraum, weil sich da die wichtigen Augenblicke im Leben einer Frau abspielten wie die Geburt, aber auch der Tod. Auf dem Wandteppich über dem Bett ist die Göttin Diana auf der Jagd abgebildet. In der Ecke steht das sogenannte Lavabo, also ein Waschbecken, das bei der persönlichen Hygiene genutzt wurde.“

Schlafzimmer (Foto: Stanislava Brádlová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Schlafzimmer (Foto: Stanislava Brádlová, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Die Führung setzt sich fort durch das Schlafzimmer der Herren in das Arbeitszimmer des Schlossbesitzers. Dort wurden die offiziellen Besuche empfangen, erzählt Renata Křížková:

„Auf dem Tisch steht ein Globus, auf dem noch nicht Australien gekennzeichnet ist. Wertvoll ist die Uhr, die zwischen den Fenstern platziert ist. Sie stammt aus der Werkstatt des Prager Uhrmachers Johann Teissig. Interessant ist das Gemälde, das verschiedene Berufe darstellt. Es ist zu sehen, dass die auf rechter Seite abgebildeten Ärzte und Alchimisten damals nicht so anerkannt waren wie die Berufe in der linken Hälfte des Bildes – zu ihnen gehörten Astronomen, Priester oder Historiker. Der Kronleuchter, der in diesem Zimmer hängt, stammt erst aus dem 19. Jahrhundert. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass dieselben Kronleuchter Theresianischer Art bis heute nicht weit von hier hergestellt werden – in Kamenický Šenov (Steinschönau, Anm. d. Red.).“

Wie gesagt, ist das Untere Schloss durch einen überdachten Gang mit dem Palais Wolf verbunden. Dort ist eine Dauerausstellung von historischen Uhren zu sehen. In der zweiten Etage des Prunkbaus wurden 2016 die neu gestalteten Jagdsalons für die Öffentlichkeit geöffnet.

 

Das Schlossareal in Benešov nad Ploučnicí ist täglich von April bis September geöffnet. Im März und Oktober ist es nur am Wochenende zugänglich. Mehr über die Öffnungszeiten und Führungen erfahren Sie unter www.zamek-benesov.cz.