Reiseland Tschechien Meditationsgarten in Pilsen – Doudlevce: Ein Mahnmal für Opfer des Totalitarismus

23-01-2010 02:01 | Martina Schneibergová

Nach dem Alltagsstress hat man oft die Lust, sich an einem ruhigen Ort auszuruhen. Ein solcher idealer Ort ist der so genannte Meditationsgarten am Stadtrand von Pilsen. Den Garten hat der politische Gefangene Luboš Hruška im Stadtteil Doudlevce als eine Gedenkstätte für alle Opfer der totalitären Regime errichtet.

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Luboš HruškaLuboš Hruška Luboš Hruška hat in den kommunistischen Gefängnissen und Arbeitslagern einen schweren Teil seines Lebens verbracht. 1949 wurde er als 22jähriger Armeeoffizier verhaftet und zu 18 Jahren Freiheitsentzug verurteilt. In den schlimmsten Gefängnissen und in der Urangrube Bytíz hat er insgesamt elf Jahre verbracht. Während dieser Jahre lernte er viele Intellektuelle kennen, unter ihnen waren auch mehrere Priester. Im Gefängnis ließ sich Luboš Hruška heimlich taufen. Für den Fall, dass er den Strafvollzug überleben wird, hatte er sich vorgenommen, den Obstgarten, den er von den Eltern geerbt hatte, in einen Ort für die Gesundung der Seele zu verwandeln. Als er bei einer präsidialen Amnestie im Jahr 1960 freigelassen wurde, erinnerte er sich an das Vorhaben, das während der Jahre im kommunistischen Kerker in ihm gereift ist. Über die Anfänge des Meditationsgartens erzählte Luboš Hruška vor einigen Jahren im Tschechischen Fernsehen:

„Ich wollte in meinem Garten ein Mahnmal für die Opfer des Kommunismus errichten. Als ich mir aber dessen bewusst wurde, dass es auch noch Opfer anderer totalitärer Regime gab, suchte ich nach einem anderen Namen für das Mahnmal. Der hiesige Kaplan, Pater Michal, hat mir damals geraten, hier ein Mahnmal für alle Opfer des Bösen einzurichten.“

Schloss PrůhoniceSchloss Průhonice Luboš Hruška hatte anfangs keine Erfahrung mit der Gartenarchitektur. Er reiste zu Vorlesungen in den Schlosspark von Průhonice, um mehr über die Parkanlagen zu lernen, erinnerte sich Hruška im Fernsehen:

„Ich habe 30 Jahre lang daran gearbeitet. In dieser Zeit habe ich immer mehr Kenntnisse gesammelt und mich bemüht, die Regeln der Gartenarchitektur einzuhalten. Es geht hier beispielsweise um bestimmte Kontraste zwischen Licht und Schatten.“

Bestandteil des Meditationsgartens ist auch ein Kreuzweg. Für diesen Gedanken begeisterte Luboš Hruška kurz vor der Wende den Bildhauer Roman Podhrázský. Der Künstler war bereit, kostenlos zwölf Plastiken aus Sandstein für den Kreuzweg zu schaffen. In den Jahren 1987-1989 ist der Kreuzweg trotz ständiger Aufsicht des kommunistischen Geheimdienstes StB allmählich entstanden. Die Kosten zahlte Luboš Hruška damals allein aus seinem kargen Arbeitergehalt. 1990 wurde der in eine Gedenkstätte verwandelte Garten für die Öffentlichkeit geöffnet. Dank mehrerer Sponsoren konnte Anfang der 90er Jahre im Garten eine Kapelle errichtet werden, in der zweimal im Monat Gottesdienste zelebriert werden. Die Kapelle wurde dem Heiligen Maxmilian Kolbe geweiht. Dieser polnische Priester hat im KZ Auschwitz sein Leben für das Leben eines anderen Häftlings geopfert. Das war vermutlich der Grund, weshalb Hruška die Kapelle nach ihm benannt hat. 1995 hat Hruška den Meditationsgarten dann auf das Pilsner Bistum übertragen.

Foto: AutorinFoto: Autorin Der Gründer des Mahnmals für die Opfer des Bösen, Luboš Hruška, ist 2007 im Alter von 80 Jahren verstorben. Anfang der 90er Jahre habe ich ihn in seinem Garten noch als einen weisen Begleiter erlebt. Bei meinem Besuch Ende des vergangenen Jahres hat mich die Mitarbeiterin des Bistums, Jaroslava Straková, durch die Gedenkstätte begleitet.

„Herr Hruška hat den einstigen Obstgarten schrittweise in diesen Park umgewandelt. Er ließ hier zwei kleine Teiche anlegen, die durch einen Damm voneinander getrennt sind. Des Weiteren wurden verschiedene wertvolle Holzarten angepflanzt. Zudem wachsen hier an die 300 Rhododendren, zahlreiche Eriken sowie seltene Nadelbäume.“

Jaroslava Straková machte mich bei der Besichtigung des Gartens auf die Sandsteinplastiken des Kreuzwegs aufmerksam:

Auferstehung von Jesus Christus (Foto: Autorin)Auferstehung von Jesus Christus (Foto: Autorin) „Es handelt sich hier um einen sehr ungewöhnlichen Kreuzweg, denn die erste Station stellt hier das letzte Abendmahl dar, und die letzte Station ist die Auferstehung.“

Auf dem Weg zieht eine monumentale Doppelskulptur die Aufmerksamkeit auf sich. Sie stelle die dritte und vierte Station des Weges dar, so die Begleiterin:

„Auf der einen Seite steht Jesus vor dem hohen Rat. Auf der anderen Seite steht er vor Pilatus. Hier sieht man die Hände, über die ein Wasserstrom fließt. Pilatus wäscht sich hier symbolisch seine Hände.“

Foto: AutorinFoto: Autorin Herr Hruška hat meiner Begleiterin zufolge diese Darstellung mit den Worten kommentiert, dass sich die Menschen scheinbar während der 2000 Jahre unserer Zeitrechnung nicht geändert haben. Denn als die Kommunisten in den fünfziger Jahren politische Häftlinge verurteilen ließen, haben sie das mehrmals nach dem Vorbild der Monsterprozesse des sowjetischen KGB inszeniert. In die Gerichtssäle sei ein entsprechendes Publikum bestellt worden, das zum Hass gegenüber den Gefangenen animiert wurde, erinnerte sich Hruška. Das Publikum habe damals skandiert: „Aufhängen! Aufhängen!“ Ähnlich wie die Leute vor 2000 Jahren im Hof bei Pilatus geschrieen haben: „Kreuziget ihn!“ Die künstlerische Darstellung des Kreuzwegs sei für die Besucher aus der ganzen Welt ein tiefes Erlebnis, erzählt Jaroslava Straková:

„Im Gedenkbuch findet man Eintragungen von Besuchern aus den USA, aus Japan, Spanien und aus den Nachbarländern. Die Leute kommen aus den verschiedensten Gründen hierher. Einige suchen hier nach Ruhe, einige von ihnen sind Touristen, die Pilsen besuchen und dabei auch etwas über den Garten gehört haben. Einige der Leute kommen, um die Pflanzen zu bewundern. Die Besucher reisen bei jedem Wetter an, denn so mancher mag es, bei schlechtem Wetter in der Natur zu meditieren. Es werden hier aber auch Hochzeiten gefeiert. Der Garten wird wirklich vielfältig genutzt.“

Maxmilian-Kolbe-Kapelle (Foto: Autorin)Maxmilian-Kolbe-Kapelle (Foto: Autorin) Der Meditationsgarten ist für die Öffentlichkeit von Mai bis September außer montags und dienstags geöffnet. Nach vorheriger Vereinbarung kann man das Mahnmal für die Opfer des Bösen jedoch auch während des restlichen Jahres besuchen und sich dabei auch einen Dokumentarfilm über den Gründer des Meditationsgartens anschauen. In der Maxmilian-Kolbe-Kapelle wird jeden zweiten und vierten Donnerstag um 16 Uhr die Messe gelesen. Von der Bushaltestelle Tyrs-Brücke im Pilsener Stadtteil Doudlevce sind es bis zum Garten knapp zwei Kilometer. Der Weg dorthin ist ausgeschildert.

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