Reiseland Tschechien Mährisch-österreichische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach - neue Ausstellung auf Schloss Lysice

07-06-2003 | Marketa Maurova

Im heutigen "Reiseland Tschechien" laden wir Sie auf das mährische Schloss Lysice (Lissitz) ein, in dem seit drei Wochen nicht nur die Schlossräume und deren Einrichtung zugänglich sind, sondern auch eine spezielle Ausstellung präsentiert wird. Da die heutige Reisesendung die erste des Monats ist, wird sie kaum überraschen, dass sich diese Ausstellung auf ein literarisches Thema bezieht. Sie gilt einer österreichischen Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts, und zwar Marie von Ebner-Eschenbach, für die Mähren ein bedeutender Schauplatz ihrer Prosawerke war. Mehr erfahren Sie in den folgenden Minuten von Silja Schultheis und Marketa Maurova.

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Schloss Lysice (Foto: Kirk, CC BY-SA 3.0 Unported)Schloss Lysice (Foto: Kirk, CC BY-SA 3.0 Unported) Das Schloss Lysice liegt im mittleren Teil Mährens, 6 km von Kunstat entfernt. Im 19. und 20. Jahrhundert war das Schloss untrennbar mit der Grafenfamilie Dubsky von Trebomyslice verbunden. Das Schloss war damals auch ein wichtiges Kulturzentrum, denn Marie von Ebner-Eschenbach verbrachte dort viel Zeit. Schließlich war sie ja eine geborene Gräfin Dubsky.

Seit drei Wochen bietet das Schloss jenen Besuchern, die sich für die Literatur interessieren, eine neue Ausstellung. Sie dokumentiert das Leben und Werk dieser bekannten österreichischen Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts. Bücher, Archivmaterialien, verschiedene Bildnisse der Autorin sowie eine Sammlung von Bleistiften, mit denen sie ihre Werke geschrieben hat, findet man in einem der beiden Ausstellungszimmer. Weiter kann man dort Photographien und Bilder besichtigen, die den Aufenthalt der Schriftstellerin an anderen Orten Mährens sowie in ihrem Wiener Salon dokumentieren. Der zweite Teil der Ausstellung präsentiert dann eine große Vorliebe der Dichterin, nämlich ihre Uhrensammlung. Gleichzeitig mit der Eröffnung des Museums wurde eine Monographie auf Tschechisch und Deutsch herausgegeben, die uns als Basis für die heutige Sendung gedient hat. Ihr Autor ist der Germanistik-Professor aus Brno/Brünn, Jiri Munzar.

"Dieses Büchlein ist eine Einführung in das Leben und in das Werk von Ebner-Eschenbach, und es gibt dort auch ein Kapitel zum Thema "Marie von Ebner-Eschenbach und Mähren": Zitate aus ihren Werken, die mit Mähren zusammenhängen. So es ist eine kleine, populäre Monographie, würde ich sagen."

Während der Vernissage der Ausstellung wurden Klagen laut, Marie von Ebner-Eschenbach sei in der Vergangenheit in Vergessenheit geraten. Professor Jiri Munzar sieht die Lage jedoch nicht so pessimistisch:

Marie von Ebner-Eschenbach von L. Michalek; Schloss LissitzMarie von Ebner-Eschenbach von L. Michalek; Schloss Lissitz "Ich würde sagen, dass das bei uns nicht so schlimm ist. Vor ein paar Jahren wurde bei uns in Brünn ein sehr schöner Videofilm gemacht, ein poetischer Dokumentarfilm. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind zwei Auswahlbände erschienen. Der zweite davon in den 80er Jahren, und zwar in einer Auflage von mehr als 10.000 Exemplaren, die sehr schnell vergriffen waren. Also das Interesse besteht. Man könnte aber mehr von Marie Ebner-Eschenbach publizieren, das stimmt, und ich habe gerade heute mit einem Verleger gesprochen, der eine neue Auswahl herausgeben möchte."

Und welches der Werke würde Prof. Munzar gerne noch auf Tschechisch sehen? Was schulden die Übersetzer den tschechischen Lesern noch?

"Eindeutig "Meine Kinderjahre". Bisher waren die populärsten Werke der Roman "Bozena" und "Das Gemeindekind". Aber ich würde sagen, für den heutigen Tag sind "Meine Kinderjahre" das passendste Werk. Es ist nicht nur eine Autobiographie, sondern auch ein Kunstwerk, und auch ein Dokument über das Leben in Mähren im 19. Jahrhundert. Also: eindeutig dieses Buch. Und dann noch einige Erzählungen."

Marie von Ebner-Eschenbach stammt aus der alten mährischen Familie der Dubsky. Wilhelm Dubsky von Treboymslice kam Anfang des 17. Jahrhunderts aus Böhmen nach Mähren. Rudolf II. ernannte ihn aufgrund seiner Verdienste zum obersten Richter der mährischen Markgrafschaft und erhob ihn in den Adelsstand. Nach 1620 verlor er jedoch alle seine Güter. Erst im 18. Jahrhundert gelang seinen Nachkommen die Rückgewinnung von Besitz und Ämtern, und die Brüder Franz und Johann leiteten eine neue Ära der Familie ein. Der ältere, Franz Dubsky (1750-1812), gründete die Lissitzer Linie des Geschlechts. Und diese führt bis zu Marie von Ebner-Eschenbach.

Schloss Zdislavice (Foto: Packa, CC BY-SA 3.0 Unported)Schloss Zdislavice (Foto: Packa, CC BY-SA 3.0 Unported) Marie von Ebner-Eschenbach wurde am 13. September 1830 auf dem Schloss in Zdislavice (Zdislawitz) bei Kromeriz (Kremsier) geboren. Obwohl zu Hause deutsch gesprochen wurde, befanden sich unter den Menschen, die ihr Leben in entscheidendem Maße beeinflussten, auch zwei tschechische Bedienstete, die sie später in ihrer Autobiographie verewigte. Das Kindermädchen Anischa, das den Kindern in unvergesslicher Weise Märchen erzählte, und das Kindermädchen Pepinka.

Von Kindheit an pendelte Marie mit der Familie zwischen Zdislawitz und Wien hin und her. 1848 heiratete sie ihren Vetter Moriz von Ebner-Eschenbach, dessen Mutter die Schwester ihres Vaters war. Gemeinsam mit ihm lernte sie auch einen anderen Teil Mährens als nur das Umland von Kremsier kennen, und sie war auch auf Schloss Lissitz häufig zu Gast. Die Lebensumstände ermöglichten es ihr, verschiedene Milieus kennen zu lernen, was in ihrem Werk auch zum Ausdruck kommt. Hautnah war sie mit dem Leben des Landadels und auch der Dorfbevölkerung Mährens vertraut. Mähren ist der Schauplatz vieler ihrer Werke, das tschechische Element spielt in ihnen daher keine geringe Rolle. Auf den ersten Blick fallen tschechische Namen von Personen (Waniek, Ruzenka, Bozena) und Orten auf, sowie die Schilderung der konkreten mährischen Landschaft.

Die Beziehung von Marie von Ebner-Eschenbach zu ihrem Geburtsland Mähren dokumentieren am besten und konkretesten ihre autobiographischen Arbeiten, ihre Korrespondenz, aber insbesondere ihre Tagebücher. Meistens handelt es sich um Beschreibungen von Zdislawitz, des Zdislawitzer Schlosses, des Schlossparks und der Umgebung, und um die regelmäßigen Fahrten zwischen Zdislawitz und Wien: die Herrschaft verbrachte die Sommersaison in Mähren, die Wintersaison in der österreichischen Hauptstadt. Von den übrigen mährischen Orten spielen neben Lissitz noch Hostitz (Hostice) und Löschna (Lesna) in den Tagebüchern eine größere Rolle. In dem letztgenannten Ort weilte sie im Alter oft bei ihrer Nichte Marianne, was uns während der Vernissage in Lissitz auch ein Nachkomme der Schriftstellerin, Christian Kinsky, bestätigt hat.

Marie von Ebner-Eschenbach mit ihrem GemahlMarie von Ebner-Eschenbach mit ihrem Gemahl "Also Marie Ebner-Eschenbach, meine Großtante, hat ja sehr, sehr viel auch bei uns in Löschna in Mähren gelebt. Ich habe sie leider Gottes natürlich nicht mehr gekannt, ich bin Jahrgang 1924, und sie ist schon viel, viel früher gestorben. Aber meine Großeltern, meine Eltern haben uns immer von der Tante Marie Ebner-Eschenbach erzählt, und für mich hat sie einen ganz, ganz großen Eindruck hinterlassen. Und so bin ich natürlich immer wieder gerne ihren Spuren gefolgt, und nachdem das Schloss Zdisslawitz auch einmal mir gehört hatte, habe ich natürlich eine ganz besonders starke Beziehung zur ihr."

Abschließend lassen wir Marie von Ebner-Eschenbach selber sprechen. Wir lesen aus ihrem autobiografischen Buch "Meine Kinderjahre". Sie erinnert sich darin an zwei tschechische Frauen, die für die spätere Schriftstellerin viel bedeuteten:

"Sei gesegnet noch in deinem Grabe, in dem du seit so langen Jahren ruhst, du brave Josefa Navratil, genannt Pepinka! Du hast dir ein unschätzbares Verdienst um uns erworben. Du hast uns zu einer Zeit, in der die weisesten Vorstellungen keinen Weg zu unserem Verständnis gefunden hätten, durch eine rechtzeitig angebrachte demonstratio directa bewiesen, dass der Schuld unerbittlich die Strafe folgt. ... Hatte eine erzieherische Maßregel unserer Schicksalsgöttin sehr hart getroffen, dann ging man zu Anischka, meiner ehemaligen Amme, und weinte sich bei ihr aus. Sie war der lichte Stern unserer Kinderstube und immer freundlich und gut. Auch bildhübsch war sie und lieblich anzusehen in ihrer heiteren hannakischen Tracht."

Zdislavice Familiengruft (Foto: m.vykydal, Panoramio CC BY-ND 3.0)Zdislavice Familiengruft (Foto: m.vykydal, Panoramio CC BY-ND 3.0) Soweit, liebe Hörerinnen und Hörer, die Sprache der mährischen Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach. Bevor wir uns verabschieden, möchten wir Ihnen noch unsere übliche Quizfrage stellen. Also Marie von Ebner-Eschenbach liegt in der Familiengruft in Zdislavice in Mähren begraben. Verstorben ist sie jedoch anderswo, übrigens im selben Jahr wie Kaiser Franz Josef, mit dem sie nicht nur das Todesjahr, sondern auch das Geburtsjahr gemeinsam hat. Unsere frage lautet jedoch: Wo ist die Schriftstellerin gestorben?

Ihre Antworten schicken Sie bitte an die Adresse: Radio Prag, Vinohradska 12, PLZ 120 99, Prag 2 oder per e-mail an dieAdresse: deutsch@radio.cz. Als wir vor einem Monat das Schloss Chyse besucht haben, haben wir Sie gefragt, welcher tschechischer Komponist auf der Grundlage von Karels Capeks Stück "Die Sache Makropulos" eine Oper verfasst hat. Die Lösung heißt: Leos Janacek. Unter den Hörerinnen und Hörern, die richtig geantwortet haben, war auch Brigitte Mayr aus Maria Enzersdorf in Österreich. Als Preis schicken wir ihr ein Buch. Herzlichen Glückwunsch und bis bald bei unserer nächsten Reise, die uns noch einmal auf das Schloss Lysice führen wird. In 14 Tagen nämlich werden wir uns auf eine Führung durch seine Innenräume begeben.

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