Reiseland Tschechien Katakomben-Mumien von Klatovy/ Klattau im neuen Gewand
Die westböhmische Stadt Klatovy / Klattau ist durch eine Sehenswürdigkeit bekannt geworden, nach der man eher in Ägypten suchen würde: durch Mumien. In den Katakomben unter der Jesuitenkirche wurden im 17. und 18. Jahrhundert nicht nur die Ordensmitglieder, sondern auch Adelige und Patrizier aus Klattau bestattet. Dank einem besonderen Lüftungssystem sind die Leichname während der Zeit mumifiziert worden. Die Krypta mit den Mumien war Jahre lang ein begehrter Touristenmagnet. Zurzeit werden die unterirdischen Räumlichkeiten in Stand gesetzt, um dort bald eine moderne interaktive Ausstellung installieren zu können.
Foto: Martina Schneibergová
Die westböhmische Stadt Klatovy / Klattau entstand auf dem Handelsweg, der
aus Bayern nach Böhmen führte. 1260 wurde es zur königlichen Stadt
erhoben. Klatovy blühte unter den Luxemburgern auf. Der weitere Aufschwung
der Stadt in der Renaissancezeit wurde durch mehrere vernichtende Brände
und nicht zuletzt auch einige Militärkonflikte gebremst. Mitte des 17.
Jahrhunderts sind die Jesuiten nach Klatovy gekommen und trugen bedeutend
nicht nur zur Entwicklung der Stadt, sondern auch zum Aufschwung der
Bildung in Klatovy bei. Die Jesuiten ließen im Stadtzentrum die Kirche der
Unbefleckten Empfängnis und des heiligen Ignaz bauen, die heutzutage die
Dominante des Marktplatzes darstellt. Mit dem Bau wurde der namhafte
Architekt Carlo Lurago beauftragt, an der Gestaltung des Sakralbaus
beteiligte sich Giovanni Domenico Orsi. Neben der Kirche gründeten die
Jesuiten ein Kolleg, in dem heutzutage die Stadtbibliothek ihren Sitz hat.
Foto: Martina Schneibergová
Unter der Jesuitenkirche befinden sich geräumige Katakomben, die etwa 100
Jahre lang als Begräbnisstätte dienten. Bis 1783 wurden dort an die 200
Menschen bestattet. Dank den besonderen klimatischen Bedingungen in der
Krypta und dem Lüftungssystem sind die Leichname mumifiziert worden. Bei
der Reparatur des Kirchendachs Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die
Lüftungsschächte teilweise zugeschüttet. Das Milieu in der Krypta hatte
sich infolgedessen bedeutend geändert und der Großteil der Mumien ist
zerfallen. 140 Mumien wurden darum 1937 auf dem Friedhof in Klatovy
bestattet. Bis heute sind noch 38 Mumien erhalten geblieben. Um die
Klattauer Katakomben kümmert sich seit einigen Jahren die gleichnamige
Bürgervereinigung. Václav Chroust ist stellvertretender Bürgermeister
der Stadt und leitet die Bürgervereinigung „Katakomby“.
Václav Chroust
„Die Bürgervereinigung entstand 2005. Ihr Mitglied sind die Stadt
Klatovy, die hiesige römisch-katholische Pfarrei und drei Personen
einschließlich meiner. Unser Ziel ist es, die Katakomben in Stand zu
halten. Die Vereinigung arbeitete das Projekt der Sanierung der
unterirdischen Räumlichkeiten und einer neuen Ausstellung aus. Bei den
jetzigen Bauarbeiten wurden sämtliche nachträglich erbauten Querwände in
den Katakomben beseitigt. Heutzutage sieht es dort so aus, wie im Jahre
1670, als die Krypten erbaut wurden. Die Mumien, von denen 38 erhalten
sind, werden vorübergehend im ehemaligen Jesuitenkolleg aufbewahrt. Sie
werden dann in das neue Museum übertragen, das in den Katakomben
eingerichtet wird. Wir hoffen, in der neuen Dauerausstellung mehr über
Klattau in der Barockzeit sowie über das Leben von Tschechen und Deutschen
in der Region zeigen zu können. Damals gab es hier übrigens ein großes
Gymnasium, das jedes Jahr rund 300 Schüler besuchten. Unter ihnen waren
auch Schüler aus Bayern.“
Foto: Bürgervereinigung „Katakomby“
Auch wenn die Stadt über mehrere historische Sehenswürdigkeiten
verfügt, sollen die Katakomben mit den Mumien Václav Chroust zufolge auch
künftig das Touristenmagnet Nr. 1 sein. Die Leichname in der Krypta sind
auf eine natürliche Art mumifiziert worden. Sie seien nicht konserviert
worden wie etwa die Mumien in Ägypten, erzählt der Vizebürgermeister:
„Der Prozess war einfach. Der Verstorbene wurde in einen Eichensarg gelegt. Dieser war mit Holzspan und mit Hopfen ausgelegt, der hier damals angebaut wurde. Der Hopfen wirkte angeblich wie ein antiseptisches Material. In der Krypta gab es ein durchdachtes Lüftungssystem, das aus horizontalen und vertikalen Luftschächten und Kanälen bestand. Dieses System wurde im 16. Jahrhundert in Italien erfunden. Die Leichname sind während der Zeit getrocknet. Heutzutage wiegen sie nur etwa 8 bis 12 Kilo. In der Vergangenheit sind leider viele der Mumien zerfallen. Die erhaltenen 38 Mumien aus dem 17. und 18. Jahrhundert wurden vor einigen Jahren zum Kulturdenkmal erklärt.“
Foto: Bürgervereinigung „Katakomby“
Václav Chroust und seine Mitarbeiter möchten das neue unterirdische
Museum Ende September dieses Jahres eröffnen. Wenn es aber bei den
Bauarbeiten zu keinen weiteren archäologischen Überraschungen komme,
fügt der Vizebürgermeister hinzu. Denn vor einer Woche stießen die
Archäologen in den Katakomben auf unterirdische Etagen, die wahrscheinlich
mehr als 350 Jahre lang niemand gesehen hatte.
„Es wurden hier Fragmente mittelalterlicher Häuser gefunden, die aus dem 13. und 14. Jahrhundert stammten. Das war für uns alle eine große Überraschung. Wir waren davon überzeugt, dass die ursprünglichen Häuser bei den späteren Bauarbeiten längst vernichtet und die Räume verschüttet wurden. Wir haben vor, die Baufundamente nicht vollständig freizulegen, sondern sie mit einer Glasplatte zu überdecken. Beim Rundgang durch das Museum wird man die alten Mauerfragmente sehen können.“
Foto: Martina Schneibergová
Im Rahmen der neuen Dauerausstellung denken die Leute von der
Bürgervereinigung „Katakomby“ daran, einen Schwibbogen wieder zu
errichten, der einst die Kirche mit dem Jesuitenkolleg verband. Im
Tschechischen wurde dieser Schwibbogen „prampouch“ genannt. Die
Geistlichen, die Chormitglieder und Musiker konnten über diese überdachte
Brücke vom Kolleg direkt in die Messe gehen. Bisher wissen die Initiatoren
des Projekts aber noch nicht, wie genau der neu erbaute Bogen aussehen
soll.
„Ursprünglich stellten wir uns vor, dass es eine möglichst historisch aussehende Brücke sein soll. Jetzt wird aber darüber diskutiert, ob es doch nicht ein ganz modernes Bauelement sein könnte. Wir müssen darüber aber schnell entscheiden.“
Foto: Martina Schneibergová
Ob die Kirche mit dem Kolleg durch ein modernes oder ein pseudobarockes
„prampouch“ verbunden sein wird, ist vorläufig unklar. Die
Bürgervereinigung „Katakomby“ lädt jedenfalls alle diejenigen, die
sich für die Geschichte der Stadt interessieren zur Veranstaltung Namens
„Das barocke Klattau und die Jesuiten“ ein. Auf dem Programm stehen am
30. April unter anderem Vorträge der Kunsthistoriker über die Heiligen
aus den Katakomben sowie der Anthropologen über die jüngsten
Erkenntnisse, die bei der Erforschung einer der Klattauer Mumien gemacht
wurden.





