Reiseland Tschechien Kapellenberg bei Úštěk / Auschau wird wieder belebt
In Nordböhmen gab es einst ein sehr dichtes Netz von Kirchen und Kapellen. Während des Kommunismus sind insgesamt 575 Sakralbauten, die auf dem Gebiet des früheren Nordböhmischen Kreises gestanden sind, für immer verschwunden. Viele der Sakraldenkmäler, die 40 Jahre kommunistischer Verwaltung überlebt haben, befinden sich bis heute in einem desolaten Zustand. Zur Rettung und Wiederbelebung der historischen Sehenswürdigkeiten tragen oft engagierte Bewohner der Region bei.
Úštěk (Foto: Martina Schneibergová)
Rund 70 Kilometer nordöstlich von Prag findet man das malerische
Städtchen Úštěk / Auscha. Es liegt zwischen den Städten Litoměřice /
Leitmeritz und Česká Lípa / Böhmisch Leipa. Wer aus dem Zug in Úštěk
aussteigt, wird den Berg mit den zwei Türmchen gegenüber nicht übersehen
können, der sich am Horizont hinter der Stadt erhebt. Er heißt Kalvárie,
zu Deutsch Neuländer Kappellenberg. Den Weg dorthin zeigt mir Tomáš
Hlaváček, ein Kenner der Region und ihrer Geschichte, der in Úštěk
lebt. Er leitet einen Verein, der sich um die Instandsetzung von
historischen Sehenswürdigkeiten der Region bemüht. Zum Berg Kalvárie
kommt man vom Dorf Ostré / Neuland, das nur etwa zwei Kilometer von
Úštěk entfernt liegt. Man überquert den Dorfplatz, um näher zu dem
bewaldeten Hügel zu gelangen, unter den großen Akazien stößt man auf
einen kleinen Pfad. Auf einer Tafel am Anfang dieses kleinen Weges ist
nicht nur die Entstehung des Wallfahrtsortes, sondern vor allem auch die
Arbeit der Bürgerinitiative aus Úštěk an der Rettung des barocken
Ortsteils beschrieben. Denn um den kleinen Ort und seine
Sehenswürdigkeiten war es nicht immer gut bestellt, wie mir mein Begleiter
Tomáš Hlaváček erzählt:
Tomáš Hlaváček (Foto: Archiv des Kulturministeriums der Tschechischen Republik)
„Seit 2005 hat unser Verein das Areal von Kalvárie gemietet, um das
Barockdenkmal zu retten. Es gab zuvor ein paar Versuche, die die
Stadtverwaltung gemacht hatte. Aber wenn man die Akazien, die hier überall
wachsen, fällt, verbreiten sie sich sehr schnell wieder. Es war wichtig,
eine regelmäßige Pflege zu starten. Unsere Bürgerinitiative mäht
zweimal im Jahr den ganzen Abhang und beseitigt das Buschwerk, das hier
immer wieder stark nachwächst. Auf der Treppe, die hinauf zu den Kapellen
führt, wuchsen zum Beispiel große Bäume, die die Statik der Steintreppe
gefährdeten. Es gelang uns, die ganze Treppe auseinanderzunehmen, sie zu
festigen und wieder zusammenzulegen. Die Terrassen, in denen es große
Risse gab, wurden in Stand gesetzt.“
Der Pfad selbst führt steil hinauf. Er ist von Nischenkapellen eines Pilgerwegs gesäumt, an denen zu sehen ist, dass sie erst vor kurzem in Stand gesetzt wurden.
Foto: Martina Schneibergová
„Im vergangenen Jahr gelang es uns, Fördergelder für die Erneuerung
des Kreuzwegs zu bekommen. Die Hälfte dieser kleinen Nischenkapellen war
einfach verschwunden. Die fehlenden Kapellen wurden neu aufgestellt.
Restaurator Radomil Klouza hat neue Tafelgemälde des Kreuzwegs, die in den
Nischen platziert wurden, auf Blech gemalt. Nur auf einer einzigen
Barockkapelle ist das obere kleine Metallkreuz erhalten geblieben. Nach
diesem Muster ließen wir dann Kreuze für die übrigen Kapellen schmieden.
Wir fanden im Archiv eine alte Landkarte, auf der die Nischenkapellen
gekennzeichnet waren. So wussten wir, wie weit voneinander entfernt die
einzelnen Kreuzwegstationen ursprünglich gewesen sein mussten. Genau so
haben wir die neuen Kapellen dann aufgestellt.“
Foto: Martina Schneibergová
Im Sommer letzten Jahres wurde der Kreuzweg von Bischof Baxant aus
Litoměřice feierlich geweiht. Dieser Teil des Barockareals ist dank der
Bürgerinitiative von Úštěk wieder vollständig in Stand gesetzt.
Der aus Ostré führende Weg mündet am Westhang des Berges in einer
Terrasse, auf der Fragmente von Barockstatuen zu finden sind. Von der
Terrasse führt eine mächtige Sandsteintreppe nach oben, an deren Seite
noch einige zerstörte Barockstatuen stehen.
„Wenn man sich die Treppe jetzt anschaut, sieht man nicht, wie viel Zeit und Arbeit wir in ihre Reparatur gesteckt haben. Wir haben versucht, Dokumente darüber zu finden, wie die hiesige Ausschmückung mit den Barockplastiken ausgesehen hat. Das ist uns leider nicht gelungen. Fragmente von Statuen sind erhalten geblieben. Angeblich waren die Plastiken noch in den 1960er Jahren einigermaßen intakt. Aber die Verwüstung in den 1970er und 1980er Jahren war schlimm.“
Foto: Martina Schneibergová
Von oben aus bietet sich eine herrliche Aussicht auf die Umgebung. Zu
sehen ist unter anderem der von Legenden umwobene Berg Říp, aber
beispielsweise auch die Burgen Házmburk / Hasenburg und Skalka:
„Gegenüber sieht man den zweithöchsten Berg des Böhmischen Mittelgebirges, den Sedlo (Geltschberg Anm.d.Red.). Dort oben liegt die Gemeinde Verneřice (Wernstadt Anm.d. Red.). In den 1970er Jahren ließ der kommunistische Kirchensekretär des Bezirks sechs von sieben historischen Kirchen sprengen. Es ist eine der wenigen Regionen, in denen keine Kirche mehr steht, auch wenn dort die Sakralbauten während des Kriegs nicht beschädigt wurden und auch kein Militärübungsplatz errichtet wurde.“
Foto: Martina Schneibergová
Einige Fotos, die die Zerstörung dieser Kirchen dokumentieren, sind in
einer der heutzutage leer stehenden Kapellen ausgestellt. Zwischen den
beiden Turmkapellen befindet sich noch eine niedrige lang gestreckte
Kapelle, die das Grab Christi symbolisieren soll. Das ganze Gelände wurde
während der Jahre geplündert, auch das Interieur der Kapellen. Tomáš
Hlaváček und seinen Freunden gelingt es allmählich, wieder mehr
Touristen in das Anfang des 18. Jahrhunderts von dem italienischen
Baumeister Octavio Broggio entworfene Barockareal zu locken.
„In den letzten Jahren kamen immer mehr Besucher hierher. Früher war das Barockareal dermaßen von Sträuchern und Bäumen zugewachsen, dass man es überhaupt nicht sehen konnte. Die Kapellen sind inzwischen teilweise in Stand gesetzt und stellen wieder eine Dominante in der Landschaft dar. Da hier die Straße von Litoměřice nach Liberec vorbei führt, machen viele Leute unterwegs halt, um sich das Areal anzuschauen. Auch ein Gottesdienst wurde hier nach langer Zeit im vergangenen Jahr wieder zelebriert. Wir überlegen, in Zukunft in Zusammenarbeit mit dem Pfarrer von Úštěk auch die Wallfahrten wieder zu beleben.“
Foto: Martina Schneibergová
Mittlerweile haben oben auf dem Berg schon einige Konzerte und
Puppentheatervorstellungen stattgefunden. Über Mangel an Besuchern kann
sich Tomáš Hlaváček seinen eigenen Worten zufolge jedenfalls nicht
beklagen.





