Reiseland Tschechien Im Altvatergebirge / Jeseníky auf den Spuren von Pilgern und Hexen
Das Altvatergebirge – tschechisch Jeseníky – ist für viele Tschechen, vor allem aus dem Olmützer Kreis, ein beliebtes Winterurlaubsziel. Auf dem höchsten Gipfel des Gebirges – dem Praděd, also dem Altvater – liegt häufig noch im Mai eine dicke Schneeschicht. Im Sommer strömen vorwiegend passionierte Wanderer ins Altvatergebirge. Die Region bietet jedoch viel mehr als nur ein dichtes Netz von Wanderwegen. Dies möchte der Tourismusverband Jeseníky mit seinen neuesten Projekten beweisen.
Altvatergebirge (Foto: CzechTourism)
Die Region des Altvatergebirges hat eine bewegte Geschichte. In der
unzugänglichen Gebirgsgegend lebten bis 1945 hauptsächlich deutsch
sprechende Schlesier. Mit ihrer Vertreibung veränderte sich auch die
Kulturlandschaft. Jan Závěšický leitet den 1999 gegründeten
Tourismusverband Jeseníky:
„Da die Mehrheit der Bewohner nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurde, wurden die kulturellen, gesellschaftlichen sowie ökonomischen Traditionen zerstört. Auch die ursprüngliche Gastronomie ist mit den Bewohnern zum Teil verschwunden. Wir versuchen nun, die traditionelle Küche aus dem Altvatergebirge wieder zu entdecken und sie auch den Touristen schmackhaft zu machen.“
Kartoffelsuppe mit Sahne (Foto: Chutjeseniku.cz)
Aus diesem Grund wird nun ein gastronomisches Festival mit dem Titel
„Geschmack des Altvatergebirges“ veranstaltet. Dabei fördert der
Tourismusverband vor allem regionale Produkte und Originalrezepte:
„Das Gastronomiefestival wurde am 15. Juni eröffnet und geht am 15. September zu Ende. Es nehmen 21 Restaurants teil, die zudem Wettbewerbe für die Besucher organisieren. Wir haben für dieses Festival nicht nur hierzulande, sondern auch in den Nachbarländern geworben – also in Deutschland, Polen und in der Slowakei.“
Fleischklößchen im Nudelteig (Foto: Chutjeseniku.cz)
Nach den Originalrezepten haben die Festivalveranstalter in den Archiven
der Städte sowie bei Privatpersonen gefahndet, einige der Rezepte mussten
aus dem Deutschen oder Polnischen übersetzt werden. Was wurde früher im
Altvatergebirge serviert und was ist für die hiesige Küche besonders
typisch?
„Typisch für Jeseníky sind verschiedene Holunderspezialitäten Sonst hat man hier diverse Kartoffelgerichte mit viel Kraut und Schmalz gekocht. Es war immer eine arme Region, und die Bewohner brauchten bei den harten Bedingungen eine kräftige Ernährung. Aber in den höheren Schichten wurde auch Enten-, Schweine- und Rindfleisch serviert.“
Foto: Tourismusverband Jeseníky
Nicht nur die Regionalküche soll die Touristen im Sommer ins
Altvatergebirge locken. Auch religiöse Nahrung wird in der Region
angeboten. Jan Závěšický:
„Viele Leute suchen in der heutigen hektischen Zeit nach seelischer Ruhe, nach Orten, aus denen die Leute früher diese Ruhe schöpfen konnten. In Tschechien erlebt der so genannte Religionstourismus in den letzten zwei Jahren einen Boom. Die geistliche Dimension der Reisen hat eine große Bedeutung gewonnen, und das bei weitem nicht nur für Gläubige. Auf den ersten Blick scheint es, dass das Altvatergebirge im Vergleich zu anderen Regionen in diesem Bereich nicht allzu viel zu bieten hat. Dies stimmt aber gar nicht. Wir haben uns mit einigen Geistlichen und Historikern auf den Weg begeben und konnten feststellen, dass man bei jeder Wanderung durch das Altvatergebirge auf kleine Holzkirchen, größere Barockkirchen, aber auch auf Ruinen von Kapellen stößt, um die sich nach der Vertreibung niemand mehr gekümmert hat. Die Leute suchen gern derartige Orte auf, die ein Genius loci haben und die für magisch gehalten werden.“
Červenohorské sedlo / Rotberg-Sattel (Foto: Vavrik, Wikimedia Commons)
Anhand dieser Erfahrungen entstand ein kleiner Reiseführer mit dem Titel
„Auf der Pilgerfahrt ins Herz des Altvatergebirges. Jan Závěšický:
„Mit dem Herzen des Altvatergebirges ist Vřesová studánka / Heidebrünnel gemeint. Heutzutage steht dort nur noch eine winzige Kapelle aus Holz. Dieser Ort ist nicht weit von Červenohorské sedlo, dem Rotberg-Sattel entfernt. Es ist keine anspruchsvolle Wanderung, eher ein schöner Spaziergang. Früher standen dort eine Holzkirche und eine Wanderhütte. Es gibt inzwischen ein Projekt zur Wiederbelebung des Ortes. Man sagt, dass es der bedeutendste Wallfahrtsort der Region war. In Deutschland wurden inzwischen drei Kopien der ursprünglichen Kirche von Heidebrünnel erbaut. Ich habe gelesen, dass früher viele Pilger mit Sonderzügen aus Wien bis nach Kouty nad Desnou / Winkelsdorf gereist sind, von dort fuhren sie weiter mit Pferden bis auf den Sattel. Zahlreiche Wiener Bürger haben damals diese Reise bis nach Heidebrünnel gemacht.“
Mariahilf in Zlaté Hory / Zuckmantel (Foto: Jeseníky Info)
Für die Besucher des Altvatergebirges hat Jan Závěšický mit seinen
Mitarbeitern drei Routen von verschiedener Länge entworfen und
beschrieben, die durch mehr oder weniger bekannte Orte mit
Religionstradition führen. Die erste und kürzeste der drei Pilgerrouten
führt aus Šumperk / Mährisch Schönberg über den Berg Háj, auf dem
sich ein Kreuzweg und ein Aussichtsturm befinden, weiter über Ruda nad
Moravou / Eisenberg an der March bis auf den Muttergottesberg bei
Králíky
/ Grulich. Die andere, weitaus längere Route, beginnt im Heilbad Velké
Losiny / Groß Ullersdorf und führt über Branná / Goldenstein und
Ramzová / Ramsau bis in das polnische Miedzygórze – auf deutsch
Wölfelsgrund. Am längsten ist jene Route, die über die Gipfel des
Altvatergebirges führt. Sie beginnt in Velké Losiny und endet im
Wallfahrtsort Mariahilf in Zlaté Hory / Zuckmantel. Jan Závěšický:
Jan Závěšický
„Die Wanderrouten kopieren praktisch die alten Pilgerwege. Sie sind
dem
Netz der berühmten europäischen Pilgerrouten angeschlossen, die nach
Santiago de Compostella oder nach Rom führen. Das Altvatergebirge wird
damit allmählich wieder im Bewusstsein der Touristen verankert, die ihre
Freizeit gern mit Wanderungen auf den Pilgerspuren und mit
Landschaftserlebnissen verbringen.“
Für Besucher, die mehr über ein trauriges Kapitel aus der Geschichte der Region erfahren wollen, ist ein weiterer kleiner Touristenführer bestimmt, dessen Name eher an einen Horrorfilm erinnert: „Auf den blutigen Spuren durch das Altvatergebirge“ lernen die Wanderer mehr über die berüchtigten Hexenprozesse kennen, die sich dort nach dem Dreißigjährigen Krieg abspielten. Eines der prominenten Opfer der Hexenjagd war damals auch der Dekan von Mährisch Schönberg, Christoph Lauthner. Jan Závěšický:
Film ´Die Hexenjagd´
„Die Tschechen kennen diese Prozesse vor allem aus dem Film
´Kladivo na
čarodějnice´ zu deutsch ´Die Hexenjagd´, von Otakar Vávra aus dem
Jahr 1969. Auf das Thema Hexenverfolgung stößt man an mehreren Orten
unserer Region: von Mohelnice über Šumperk, Velké Losiny bis zum
polnischen Nysa. Es gibt einen Radweg, der durch diese Orte führt. An das
grausame Schicksal der Verurteilten erinnern mehrere Denkmäler und
Gedenktafeln. In Šumperk, Velké Losiny, Jeseník / Freiwaldau und im
polnischen Nysa wurden neue moderne Dauerausstellungen zur Thematik der
Hexenprozesse eröffnet. Auch auf Deutsch stehen Führer zur Verfügung.
In
Šumperk wurde die Ausstellung beispielsweise im Keller eines Hauses
errichtet, das einem Kaufmann gehörte, der mit seiner Familie Opfer der
Hexenprozesse wurde. Es geht um ein dunkles Kapitel aus der Geschichte
unserer Region. Ein anderes trauriges Kapitel ist die Vertreibung der
deutschen Bewohner nach dem Krieg 1945. Aber auch diese Kapitel gehören
zum Altvatergebirge.“
Für Liebhaber nostalgischer Bummelzüge hat Jan Závěšický mit seinen
Mitarbeitern noch eine weitere Möglichkeit vorbereitet, das
Altvatergebirge besser kennenzulernen. Dabei haben sie sich erneut durch
einen Film inspirieren lassen, und zwar von dem Zeichentrickstreifen
„Alois Nebel“. Das ist die Filmversion des bekannten Comics von
Jaroslav Rudiš.
„Wir haben eine Wanderung mit Alois Nebel auf dem Semmering durch das Altvatergebirge vorbereitet. Sie können alle Haltestellen, die in dem Film auftauchen besuchen. Im Touristenführer, den wir zu diesem Zweck erstellt haben, sind die Haltestellen auf einer Landkarte gekennzeichnet. Die Route führt aus Bludov / Bludau bis nach Zlaté Hory / Zuckmantel. Sie können mit der Bahn oder mit dem Auto auf Nebels Spuren reisen, teilweise auch zu Fuß wandern. Ich nehme an, dass diese Route diejenigen anspricht, die den Comic ‚Alois Nebel’ gut finden oder gern mit der Bahn reisen.“
Mehr über Jeseníky erfahren Sie unter www.jesenikytourism.cz





