Reiseland Tschechien Häuser, die Geschichte(n) erzählen: berühmte Villen in Tschechien
Die bekannteste Villa Tschechiens ist zweifelsohne die Brünner Villa Tugendhat. Sie steht auf der Weltkulturerbeliste der Unesco. Auch die Prager Villa Müller, die von Architekt Adolf Loos entworfen wurde, ist inzwischen zum Begriff geworden. Damit wäre aber für einen Laien die Aufzählung berühmter Villen Tschechiens fast zu Ende. Nicht aber für die Besucher einer Ausstellung, die berühmte Villen Böhmens, Mähren und Schlesiens beschreibt.
Villa Müller in Prag
Auf die Idee, die Architektur von Villen in den unterschiedlichen Regionen
Tschechiens zu dokumentierten, kam Oldřich Janota Ende der 1990er Jahre.
Janota leitet die Agentur Foibos, die vor einigen Jahren in der Prager
Villa Trmal ein Zentrum der Architektur familiären Wohnens eingerichtet
hat. Zusammen mit seinen Mitarbeitern hat Janota inzwischen 15 Bildbände
über die berühmten Villen in den Regionen Tschechiens herausgegeben. Die
Serie über die schönsten Villen Tschechiens wurde nun mit einem
zusammenfassenden Bildband und einer Ausstellung abgeschlossen. Unter dem
Titel „Berühmte Villen Böhmens, Mährens und Schlesien“ wurde sie
vorige Woche in der Technischen Nationalbibliothek in Prag eröffnet.
Oldřich Janota:
Villa Trmal in Prag
„Die Ausstellung sowie die einzelnen Bildbände beschreiben nicht nur
die technischen Parameter der Häuser. Sie erzählen von den Architekten,
den Bauherren sowie den Umständen, unter denen die Villen erbaut wurden.
In der Geschichte der Bauten ist immer ein Stück Geschichte der jeweiligen
Region enthalten. Die neueste Auswahl, die wir für das Buch und die
Wanderausstellung zusammengestellt haben, bietet eine Übersicht über die
Architektur tschechischer Villen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in
die Gegenwart.“
Architekt Pavel Halík hat den Bildband über die Villen aus der Gegend von Liberec / Reichenberg zusammengestellt. Seinen Worten zufolge ist eine Villa ein sehr lebendiger Bau. Die Villen teilten das Schicksal einiger Generationen, meint der Experte:
Villa Kotěra in Prag
„Eine Villa wurde immer für eine bestimmte Generation mit einem
bestimmten Lebensstil erbaut. Bei der Arbeit am Bildband über die
Architektur in Liberec wurde ich mir dessen bewusst, wie durchdacht diese
Bauten sind. Die Leute, die sie erbauen ließen, hatten einen ausgeprägten
Lebensstil und wussten, was sie wozu in ihrem Haus haben wollen. Dies ging
schon während der Ersten Republik zum Teil verloren. Während des
Kommunismus wurden in einigen Villen Kindergärten oder Kliniken
untergebracht. Manchmal wurden die Villen in Archive oder ausnahmsweise in
ein Museum umgewandelt. Viele der Villen aus der Zeit der Monarchie dienen
heutzutage als Bürogebäude. Während des Kommunismus wurden in mehreren
der Villen vier oder sogar fünf Wohnungen eingerichtet. Das Schicksal der
Häuser ist ein wichtiger Bestandteil der Texte im Bildband sowie in der
Ausstellung.“
Villa Landfras in Südböhmen
Villen gibt es seit der Antike. Sie wurden schon im alten Rom erbaut. Auf
dem Gebiet des heutigen Tschechiens lässt sich aber erst seit den 1860er
Jahren von einer Architektur der Villen sprechen. Was vorher erbaut wurde
und den Villen ähnlich war, waren eher Lustschlösser, die sich
Aristokraten auf dem Lande hinstellen ließen. Diese seien Bestandteil
eines Herrenguts gewesen oder haben Parkanlagen oder Gehege ergänzt, sagt
Kunsthistoriker Pavel Zatloukal. Er leitet das Kunstmuseum in Olomouc /
Olmütz und hat bereits ein Buch über die Villen seiner Heimatregion
Olmütz herausgegeben. Professor Zatloukal hat auch den abschließenden
Bildband der Serie über berühmte Villen Tschechiens zusammengestellt.
Eine schwierige Aufgabe, aus den etwa 800 Villen, die in den 15 Bildbänden
vorgestellt wurden, 120 Bauten auszusuchen:
Villa Kremer in Hlučín
„Dafür gab es mehrere Kriterien. Wir haben verschiedene Baustile
berücksichtigt sowie namhafte Architekten, aber vor allem spielte die
Qualität der Gebäude eine Rolle. Das war bestimmt das wichtigste
Kriterium, auch wenn die Qualität ein sehr relativer und subjektiver
Begriff ist. Wir haben uns bemüht, dass im Bildband nicht nur die Prager
oder Brünner Villen vertreten sind. Der Bildband sowie die Ausstellung
sollten wertvolle Architektur auch aus kleineren Städten zeigen. Zudem
haben wir darauf geachtet, dass in der Ausstellung Bauten aus verschiedenen
Epochen vorgestellt werden. Der erste Bau, der hier präsentiert wird,
stammt aus dem Jahr 1815 – also aus der Zeit, als Napoleon die Schlacht
bei Waterloo verloren hatte. Und die jüngste Villa in der Ausstellung
wurde 2010 erbaut.“
Diese Villa in Südböhmen gehörte dem Regisseur Karl Lamač
Er sei bei seiner Arbeit manchmal auch auf kuriose Bauten mit bewegtem
Schicksal gestoßen, erzählt der Kunsthistoriker weiter:
„In einer kleinen mährischen Stadt beschloss ein Industrieingenieur, der eine kleine Fabrik für Werkzeug besaß, sich eine Villa bauen zu lassen. Sie sollte eine Taschenausgabe der berühmten Villa Tugendhat sein. Das war im Jahr 1937. Schon 1945 wurde seine kleine Fabrik verstaatlicht. 1948 wurde auch seine Villa vom Staat beschlagnahmt und der Mann wurde verhaftet. Die Villa bekamen er und seine Frau erst nach der Wende von 1989 zurück. Sie hatten aber keine Kinder, und so boten sie das Haus der Stadt an. Diese lehnte die Villa ab, obwohl sie von namhaften Architekten entworfen wurde. Heutzutage sieht das Haus wie eine Ruine aus, weil sich einfach niemand mehr darum kümmert.“
Villa Kovářík in Prostějov
Die Ausstellung über berühmte Villen Tschechiens beinhaltet nicht nur
Fotos, sondern auch Originalzeichnungen der Architekten sowie Möbel. Die
Veranstalter bieten zudem ein reichhaltiges Programm nicht nur für
Erwachsene, sondern auch für Kinder an. Neben Malerworkshops für die
kleinen Besucher stehen Vorträge von Architekten auf dem Programm.
Interessenten können auch an Führungen durch einige der bekannten Prager
Villen teilnehmen. Zudem werden Fahrten zu einigen der berühmtesten Villen
Süd- und Mittelböhmens organisiert. Ob eine solche Ausstellung etwas
bewirken kann, was den Geschmack der Öffentlichkeit betrifft, konnte Pavel
Zatloukal jedoch nicht sagen. Er sei da eher Skeptiker, räumt er ein:
Villa Jurkovič in Brünn
„Heute leben wir in einer Zivilisation der Hässlichkeit. Die Welt wird
immer hässlicher. Sie entfernt sich immer mehr von der Art der Wohnungen,
die ein wirkliches Zuhause geboten haben. Ich glaube, dass die Architektur
der Villen bei uns schon in den Jahren 1900 bis 1910 ihren Höhepunkt
erreicht hatte.“
Gefragt nach einer Villa, die nicht nur ein besonderes Schicksal hatte, sondern bis heute als Beispiel einzigartiger Architektur dienen kann, nennt Pavel Zatloukal als Olmützer Lokalpatriot die Villa Primavesi. Sie wurde in den Jahren 1905-1906 nach dem Entwurf der Wiener Architekten Franz von Krauss und Josef Tölk erbaut. Sie sei aus einigen Gründen beachtenswert, meint Zatloukal.
Villa Primavesi in Olmütz
„Es war ein Neubau, der inmitten des historischen Stadtkerns direkt an
der Stadtbefestigung entstanden ist. Die Villa passt aber sehr gut in die
Umgebung. Sie ist von lauter Barockarchitektur umgeben. Dabei haben die
Architekten nicht versucht, historische Baustile nachzuahmen. Das
Wichtigste daran ist, dass die Villa vom englischen Lebensstil ausgeht. Das
Zentrum des Hauses ist eine zweistöckige Halle mit einem Kamin, an dem die
Familie zusammenkommt. Intime Räumlichkeiten – wie Schlaf- oder
Kinderzimmer - befinden sich in der ersten Etage. Dorthin führt eine
offene Treppe. Der Baustil der Villa lässt sich eigentlich als Anfang des
Funktionalismus bezeichnen. Denn die Gliederung des Hauses entspricht den
Funktionen der Räumlichkeiten.“
Diese Villa in Prag gehört der Regisseurin Věra Chytilová
Interessant an der Villa Primavesi sei aber nicht nur der Bau selbst,
sondern auch die Familie, die sie einst bewohnte, erzählt Zatloukal:
„Die Familie Primavesi kam Ende des 18. Jahrhunderts aus Norditalien nach Olmütz nieder und arbeitete im Bankwesen. Otto Primavesi (1868-1926) heiratete eine berühmte Wiener Schauspielerin, die sich Mäda nannte. Beide waren mit namhaften Künstlern der Zeit befreundet. Bei Gustav Klimt haben die Primavesis mehrere Gemälde bestellt und daraus entstand in Olmütz einst eine Sammlung von 15 Gemälden von Gustav Klimt aus verschiedenen Epochen. Der Bildhauer Anton Hanak beteiligte sich an der Gestaltung der Villa. In der jetzigen Ausstellung kann man einige Entwürfe von Hanak besichtigen. Zu den Freunden der Familie Primavesi gehörte auch der damals bewunderte österreichische Architekt Josef Hoffmann.“
Villa Fischer in Pilsen
Primavesi investierte viel in die Wiener Werkstätte – eine
Produktionsgemeinschaft bildender Künstler. Die Familie siedelte nach dem
Ersten Weltkrieg aus Olmütz nach Wien über. In der Olmützer Villa wurde
später ein Sanatorium eingerichtet. Nach der Wende von 1989 haben die
Nachkommen des Sanatoriums-Besitzers die Villa vom Staat zurückerhalten.
Sie bemühen sich Zatloukal zufolge, die Villa entsprechend in Stand zu
halten.
Die Ausstellung über die berühmten Villen Tschechiens ist in der Technischen Nationalbibliothek in Prag bis zum 28. November zu sehen. Die Veranstalter rechnen damit, sie als Wanderausstellung künftig auch im Ausland zu zeigen.







