Franz Ferdinands Familienresidenz

Schloss Konopiště ist ein beliebtes Touristenziel. Auf der Residenz im Stile der Romantik lebten Anfang des 20. Jahrhunderts auch der damalige österreichische Thronfolger und seine Frau. Doch Erzherzog Franz Ferdinand und Sophie Chotek, die Herzogin von Hohenberg, wurden 1914 beim Attentat in Sarajewo erschossen – es war der unmittelbare Auslöser für den Ersten Weltkrieg. Unter dem Erzherzog wurde das Schloss nicht nur umgebaut, sondern auch mit einst modernsten technischen Erfindungen ausgestattet.

Schloss Konopiště (Foto: Martina Schneibergová)Schloss Konopiště (Foto: Martina Schneibergová) Konopiště liegt knapp 40 Kilometer südlich von Prag. Am besten fährt man mit dem Zug nach Benešov / Beneschau, dann ist es nur noch eine halbe Stunde zu Fuß. Der Wanderweg führt vom Stadtrand durch einen Wald und dann durch den Schlosspark direkt vor den Eingang. Erstmals schriftlich erwähnt wurde Konopiště vor etwa 700 Jahren. Denn Ende des 13. Jahrhunderts sei dort eine Burg erbaut worden, erzählt Helena Nohejlová. Sie leitet das Besucherzentrum im Schloss.

„Wahrscheinlich ließ der Prager Bischof Tobiáš aus Benešov die Burg anlegen. Er war ein sehr einflussreicher Mann. Als Vorbild dienten ihm die damaligen französischen Festungen. Interessant ist, dass die Burg einen rein tschechischen Namen bekam. Sie wurde vermutlich nach dem Wort für Hanf – ,konopí‘ – benannt. Die erste Erwähnung stammt von 1318. Damit war die Burg älter als beispielsweise Karlstein. Diese Geschichte lässt sich kaum erkennen, wenn man sich hier umschaut. Denn heute steht hier ein romantisches Schloss. Allerdings ist die Anlage in früheren Jahrhunderten mehrfach umgebaut worden. Als die Adelsfamilie Hodějovský von Hodějov die Burg kaufte, ließ sie diese im Jahr 1603 im Renaissancestil umbauen. Bis heute lassen sich hier einige Bauelemente aus dieser Epoche finden.“

Helena Nohejlová (Foto: Martina Schneibergová)Helena Nohejlová (Foto: Martina Schneibergová) Das Schloss wechselte mehrmals den Besitzer. Kurze Zeit gehörte es sogar dem Feldherr Albrecht von Waldstein. Die Adelsfamilie Vrtba verwandelte Konopiště im 18. Jahrhundert in eine Barockresidenz. Dann sei die Familie Lobkowicz gekommen und habe sich mehr auf ihre Bewirtschaftung der Ländereien als auf das Schloss selbst konzentriert, sagt Nohejlová.

„Sie hatte ein Herrschaftsgut hier und betrieb zudem eine Brauerei und eine Schnapsbrennerei. Die Lobkowicz´ liebten zudem Pferde. So wird erzählt, dass sie viel Geld bei Pferderennen verwettet haben. 1873 begann eine Wirtschaftskrise. Bald danach kam es hier zu einem verheerenden Brand. In der Folge war das Herrschaftsgut der Lobkowicz´ verschuldet. Deswegen verkaufte die Familie die gesamte Besitzung an Erzherzog Franz Ferdinand. Das war am 1. März 1887. Das Schloss kostete damals 2,5 Millionen Gulden.“

Zwölf Badezimmer und der Rosengarten

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová Franz Ferdinand gefiel die ganze Gegend, insbesondere aber die Wälder, die reich an Wild waren. Denn er war ein passionierter Jäger. Das Schloss ließ er im historisierenden Stil umgestalten. Mit dem Umbau wurde Architekt Josef Mocker beauftragt. Vor allem aber wurde die ganze Residenz modernisiert. Helena Nohejlová macht auf der Schlossterrasse auf eine Markise aufmerksam.

„Sie stammt noch aus Franz Ferdinands Zeiten. Die gesamte technische Ausstattung des Schlosses aus den Zeiten des Erzherzogs funktioniert immer noch. Die Residenz wurde damals elektrifiziert. Um das Jahr 1900 herum gab es hier zwölf Badezimmer mit Warmwasser, Duschen sowie Wassertoiletten. Auch ein Fahrstuhl wurde eingebaut. Es war wirklich ein modernes Schloss.“

Südöstlich von der Residenz wurde ein Rosengarten angelegt, der mittlerweile Bestandteil des Schlossparks ist. Allerdings ist der Garten heute hinter hohen Bäumen versteckt.

„Zu Franz Ferdinands Zeiten war der Rosengarten vom Balkon aus gut zu sehen. Rund 8000 Rosen blühten dort, heute sind es nur noch etwa 4000. Als der Erzherzog die Herrschaft kaufte. standen hier noch viele Wirtschaftsgebäude. Diese ließ er abreißen. Der Wirtschaftsbetrieb wurde nach Benešov verlegt. Franz Ferdinand wollte hier ausschließlich ein schönes Schloss mit einem englischen Park und einem Rosengarten haben.“

Auf Sophies Spuren

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová Konopiště war Franz Ferdinands Hauptresidenz, obwohl er viel auf Reisen war. Nach der Hochzeit mit Gräfin Sophie Chotek wurde das Schloss zu ihrem Familiensitz. Sophie ist übrigens vor genau 150 Jahren zur Welt gekommen: am 1. März 1868. Aus diesem Anlass gebe es in diesem Jahr in Konopiště Sonderführungen auf Sophies Spuren, sagt Helena Nohejlová:

„Die schöne Sophie Chotek war für Franz Ferdinand die Liebe seines Lebens. Sie haben diese nur 14 Jahre gemeinsam verleben können. Das Thronfolgerpaar wurde 1914 beim Attentat in Sarajewo erschossen. Geheiratet haben sie am 1. Juli 1900 im Schloss Zákupy in Nordböhmen. Aber schon einige Jahre zuvor standen sie miteinander in Kontakt und zwar im Geheimen. Gräfin Sophie stammte aus dem alten, aber niedrigeren böhmischen Adelsgeschlecht Chotek von Chotkow und Wognin. Eine Ehe mit einem Mitglied der kaiserlichen Familie kam eigentlich nicht in Frage. Wann genau sie sich kennenlernten, ist nicht bekannt. In jedem Fall haben sie 1894 in Prag zusammen getanzt und später nochmals auf einem Ball in Wien. Damals war angeblich zu erkennen, dass sich beide schon gut kannten. Deswegen glaube ich, dass s noch früher zur ersten Begegnung gekommen sein muss. So schrieb der Erzherzog nach der Rückkehr von einer Weltreise, die er in den Jahren 1892 bis 1893 unternommen hatte, einen Brief an Sophie. Darin merkt er an, er habe vergessen, ihr die Geschenke zu überreichen, die er mitgebracht habe. Von dem Inhalt des Briefes haben wir erst vor etwa zwei Jahren erfahren. Ich finde ihn sehr interessant.“

Gräfin Sophie Chotek (Foto: Martina Schneibergová)Gräfin Sophie Chotek (Foto: Martina Schneibergová) Gräfin Chotek besuchte noch vor der Hochzeit mehrmals Konopiště. Immer reiste sie mit der Bahn nach Bystřice bei Benešov. Dort sei die Gräfin von Franz Ferdinand mit der Kutsche abgeholt worden, erzählt die Expertin in einem der Schlosszimmer, in dem auch Fotos von Sophie zu sehen sind.

„Im Schloss bewohnte sie mehrere Zimmer, die bis heute ,U hraběnky‘ (Zur Gräfin, Anm. d. R.) genannt werden. Dieser Raum hier war ihr Arbeitszimmer. Hier empfing sie ihre Gäste. Sie hatte aber auch ein Schlaf- und ein Wohnzimmer auf dem Schloss.“

Erst nach einigen Jahren erlaubte Kaiser Franz Josef seinem Neffen Franz Ferdinand, Sophie zu heiraten. Da die Ehe nicht standesgemäß war, hatten die Kinder des Paars, die den Familiennamen von Hohenberg trugen, keinen Anspruch auf den Thron.

Kaiser Wilhelm zu Besuch

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová Franz Ferdinand bewohnte mit seiner Familie die Zimmer in der dritten Etage der Residenz. Die Räume wurden in den 1990er Jahren wieder so gestaltet, wie sie zu Lebzeiten des Erzherzogs aussahen. Bei der Besichtigung des Schlosses gibt es die Möglichkeit, sich zudem die Salons im südlichen und im nördlichen Flügel anzuschauen. Die ältesten Räume befinden sich im nördlichen Flügel. Der südliche Flügel beherbergt frühere Repräsentationsräume und Gästeappartements, die mit historischen Möbeln ausgestattet sind. Dazu gehört auch ein großer Speisesaal. Auf dem gedeckten Tisch befindet sich ein wertvolles Meißner Porzellanservice aus dem 18. Jahrhundert. Das Service bestehe aus genau 365 Stück, sagt Nohejlova:

„Bei Festessen saßen hier 24 Menschen. Als der deutsche Kaiser Wilhelm II. zu Besuch kam, trafen hier sogar 26 Personen zusammen. Wilhelm war zweimal hier. Zum ersten Mal kam er 1913 und nahm an einer Jagd teil. Zum zweiten Mal besuchte er Konopiště im Juni 1914 – kurz vor Franz Ferdinands Reise nach Sarajewo. Laut den Berichten wollte der Kaiser den blühenden Rosengarten sehen. Damals bestand dieser aus rund 200 Rosensorten. Nach der Abreise des Kaisers öffnete Franz Ferdinand den Schlosspark zum ersten und letzten Mal für die Öffentlichkeit.“

 

Schloss Konopiště ist von April bis November täglich außer montags geöffnet. Den Rosengarten kann man sich von Mai bis September täglich außer montags anschauen. Im April und Oktober ist er nur an Wochenenden zugänglich.