Reiseland Tschechien Es spukt unter den Marionetten: Märchenhaus in Krumau
Die südböhmische Perle an der Moldauschleife, wie Český Krumlov / Krumau genannt wird, gehört zu Städten, wo es zu jeder Jahreszeit von Touristen wimmelt. Die meisten besichtigen das Burg- und Schlossareal, das Egon Schiele-Zentrum oder bummeln durch die malerischen Gässchen im Stadtzentrum. In einer dieser schmalen Gassen verbirgt sich ein Museum, das Kinder jedes Alters interessieren kann. 200 historische Marionetten, aber beispielsweise auch ein altes mechanisches Puppentheater kann man in diesem historischen Gebäude besichtigen.
Vom Krumauer Marktplatz ist es zur Moldau nur einige Minuten zu Fuß. Eine
der Straßen, die bergab bis zum Fluss führen, heißt Radniční. Und
praktisch an der Ecke mit der Dlouhá steht das Märchenhaus. Wie alt das
Gebäude ist, weiß man nicht genau. Die erste Erwähnung des Hauses stammt
aus dem Jahr 1532. Die Notiz betraf die Erteilung des Bierbrauerprivilegs.
Das Gebäude stand dort bestimmt schon vorher.
Český Krumlov (Foto: Autorin)
Denn die Fresken im
Erdgeschoss stammen aus den Jahren 1350 – 1370. Auf den erhalten
gebliebenen gotischen Kellerräumen standen ursprünglich zwei Häuser, die
durch eine schmale Gasse voneinander getrennt waren. In der ersten Etage
kann man Spuren der einzelnen Bauepochen finden. Ein gotisches Steinportal
mit geschmiedeter Originaltür findet man gleich neben einem
Barockgewölbe. Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Gebäude im
klassizistischen Stil umgebaut. Bemerkenswert sind die Pawlatschen sowie
die Räumlichkeiten unter dem Treppenhaus, wo früher Haustiere gezüchtet
wurden.
Český Krumlov (Foto: Autorin)
Das Haus gehört dem von der Stadt eingerichteten Krumauer
Entwicklungsfonds. In den Jahren 2000 und 2001 wurde das Gebäude
gründlich renoviert. Und es wird erzählt, dass die Arbeiter, die das
künftige Märchenhaus umbauten, auf dem Dachboden ein seltsames Gefühl
hatten. Einige behaupteten sogar, dass sie eine weiße Gestalt gesehen
hätten, die hinter dem Kamin verschwunden sein soll. Die Kenner der
Krumauer Geschichte meinen, dass es sich bestimmt um den Geist der
unglücklichen Wilhelmine handelte, die hier im 18. Jahrhundert lebte und
der schwarzen Magie verfiel. Die unglückliche Frau wurde angeblich vom
Teufel geholt. Jedenfalls kann man bis heute ein Pfeifen und Sausen auf dem
Dachboden hören. Die Geschichte über Wilhelmine hat übrigens die
Krumauer Schriftstellerin Helena Braunová zu einem Buch inspiriert.
Jan Vondrouš (Foto: Autorin)
Schon beim Betreten des Hauses kommt man an zahlreichen Marionetten
vorbei. Diese sind jedoch keine Exponate, sondern werden im kleinen Laden
im Erdgeschoss verkauft. Der Herr des Märchenhauses ist niemand anderer
als
der Krumauer Ex-Bürgermeister Jan Vondrouš. Das Museum ist hier seinen
Worten zufolge durch Zufall entstanden:
„Ich hatte einen Freund, der als Kurator der Sammlungen im Prager
Nationalmuseum arbeitete. Während seines Besuchs in Krumau überlegten
wir, was wir in Zusammenarbeit mit dem Museum veranstalten könnten. Die
Stadt bot damals ein schönes Haus im Zentrum zur Vermietung an. Ich habe
gesagt, es müsse doch nicht in jedem Schaufenster nur Kristallglas
angeboten werden. So kamen wir zwei auf die Idee, etwas aus den Sammlungen
des Nationalmuseums zu zeigen, wofür das Museum selbst keine
Ausstellungsräume hat. Dies war die Anregung.“
Vom Bürgermeister verwandelte sich Jan Vondrouš also mit der Zeit in einen Märchenonkel. Im Märchenhaus gibt es eine ständige Ausstellung von Marionetten, erzählt er:
„Es ist aber notwendig, die Ausstellung zu teilen. Es gibt hier Marionetten, die vom Nationalmuseum ausgeliehen wurden. Diese sind hinter Glas ausgestellt und man darf sie natürlich nicht berühren. In der zweiten Etage kann man Marionetten bewundern, die uns gehören und es sind moderne Marionetten, die von zeitgenössischen Künstlern geschnitzt wurden. Zudem stellen wir Puppen und Marionetten aus, die uns verschiedene kleine Theater geliehen haben, wie z. B. das populäre Puppentheater ´Drak´ aus Hradec Králové oder das Naive Theater aus Liberec.“
Ritter, Prinzessinnen und Prinzen, Könige und Königinnen, Räuber sowie
die verschiedensten Drachen und andere lebensgefährliche Kreaturen in
verschiedenen Größen kann man im Märchenhaus bewundern. Marionetten, die
dem Krumauer Museum gehören, können die Kinder beim Besuch des Museums
ausleihen, und gleich an der Stelle im dortigen kleinen Puppentheater
ausprobieren, sagt Jan Vondrouš. Für kleine Besucher organisiert er zudem
regelmäßig Wettbewerbe im Malen und Zeichnen. Auf ein Exponat in der
Ausstellung ist er besonders stolz: auf das historische, mechanische
Theater mit verschiebbaren Kulissen:
„Dieses Theaer ist ein beachtenswertes historisches Monument. Graf
Chotek brachte es im Jahre 1811 aus Deutschland nach Prag mit. Es ist das
so genannte ´Teatrum mundi´ und kein Theater, in dem Puppen oder
Marionetten gespielt hätten. Die wichtigste Rolle spielten in diesem
Theater die Kulissen, die sich - durch ein spezielles System getrieben -
verschiedenartig bewegten und verschoben. Dieses Teatrum Mundi ist mit der
Rokokozeit verbunden und es knüpft glänzend an das einzigartige
Barocktheater an, das sich im Krumauer Schloss befindet.“
Das mechanische Theater (Foto: Autorin)
Das mechanische Theater, das sich in einem selbständigen Raum befindet,
stammt aus den Sammlungen des Prager Nationalmuseums. Jan Vondrouš zufolge
ist es eigentlich ein Vorgänger des Fernseh- und Videogerätes.
„Denn heute setzt man sich vor den Bildschirm und man wird mit lebenden Bildern unterhalten. Bewegliche Bilder, die eine Information bringen, sind auch der Sinn dieses Theaters. Wenn es zu einem wichtigen Ereignis kam, ließ es der Graf malen, und damit entstand eine Kulisse, die dann auf der Bühne genutzt wurde. Die Leute saßen vor der Bühne und schauten sich das Geschehen an, das auf dem Bild dargestellt wurde. Die Kulisse wurde dann wiederum durch eine andere Darstellung ausgetauscht. Das Theater würde aber eine Renovierung brauchen.“
Das Märchenhaus in Krumau ist das ganze Jahr hindurch geöffnet, in der Sommersaison von 10 bis 20 Uhr.





