Reiseland Tschechien Durch den Schlüsselgang zum Tresor: das unterirdische Pilsen
Besucher der westböhmischen Stadt Plzeň / Pilsen, die sich die Bartholomäus-Kathedrale auf dem Marktplatz oder das gegenüberliegende historische Rathaus anschauen, ahnen meist nicht, dass auch der Untergrund dort Sehenswertes bietet. Denn unter dem historischen Stadtkern von Pilsen befindet sich ein verwinkeltes und kompliziertes Netz von Gängen, das die einstigen Keller der ältesten Pilsner Häuser miteinander verbindet. In den Untergrund von Pilsen kann man auch herabsteigen, allerdings nur mit einem erfahrenen Begleiter.
Foto: Martina Schneibergová
Der Eingang in die unterirdischen Räumlichkeiten von Pilsen befindet sich
im Gebäude des Brauereimuseums in der Straße Veleslavínova Nr. 6, unweit
des Marktplatzes. Die Führung durch das Labyrinth beginnt in einem Raum,
wo einst Eis gelagert wurde, das in der Brauerei sowie den umliegenden
Gasthäusern gebraucht wurde. Die Gänge unter der westböhmischen
Metropole sind insgesamt 19 Kilometer lang. Besichtigen kann man jedoch nur
einen Abschnitt der Gänge, der etwa 800 Meter lang ist. Die Besucher
befinden sich während der Führung etwa 9 bis 12 Meter tief unter der
Erde. Die Stadt Pilsen wurde 1295 gegründet und mit den ersten Häusern
sind auch die ersten Keller, unterirdischen Gänge und Brunnen entstanden.
Šárka Zemanová kennt sich in dem unterirdischen Labyrinth gut aus. Die
Philologiestudentin macht in ihrer Freizeit Führungen durch die Gänge,
die sich unter dem Pilsner Stadtkern verbergen:
Foto: Martina Schneibergová
„In jedem mittelalterlichen Haus gab es einen Keller. Unter diesem
Keller hatten die Bewohner oft noch eine weitere unterirdische Etage
errichtet. Am Anfang handelte es sich nur um tiefere Gruben oder Löcher.
Sie dienten zur Aufbewahrung von Lebensmitteln. Mit der Zeit wurden diese
Gruben erweitert und miteinander durch Gänge verbunden. Es dauerte einige
Jahrhunderte lang, bis die Räumlichkeiten in die heutige Form ausgebaut
wurden.“
Foto: Martina Schneibergová
Die Temperatur war unter der Erde während des ganzen Jahres gleich. Die
Räumlichkeiten waren darum ein idealer Ort für die Lagerung verschiedener
Vorräte von Nahrungsmitteln. Während der Führung kann man unter der Erde
auch eine Reihe von Brunnen sehen. Aus diesen Brunnen haben die Pilsner
Jahrhunderte lang das Trinkwasser geschöpft, weil das Wasser aus den
Flüssen nicht besonders rein war. In den unterirdischen Gängen wurden
früher auch Bierfässer gelagert. Dazu diente immer eine Bierfassbank, die
in den Felsen gemeißelt wurde. Bis heute ist eine solche Bank in einem der
Gänge erhalten geblieben.
Foto: Martina Schneibergová
In einem der Räume kann sich der Besucher die Vorstellung darüber
machen, wie die unterirdischen Gänge und Schächte im Mittelalter erbaut
wurden. Auf einem der Gemälde ist ein Bergmann in der typischen
Arbeitskleidung abgebildet: Er hatte eine Kapuze und hielt eine Fackel in
der Hand, mit der er den Weg beleuchtete.
„Die Bergarbeiter zogen eine Art kleinen Trog hinter sich her, auf dem sie das abgebaute Material transportierten. Um das Material einfacher nach oben zu bekommen, wurden an mehreren Orten Schächte errichtet, durch die ein anderer Arbeiter den Trog hinaufzog.“
Foto: Martina Schneibergová
Ende des 20. Jahrhunderts haben die Archäologen die unterirdischen Gänge
in Pilsen erforscht. Viele der Funde sind heutzutage in den Gängen
ausgestellt. Die Mehrheit der Ausgrabungen stammt aus den Abfallgruben und
den zahlreichen Brunnen, die sich bis heute unter der Erde befinden.
Die Stadt Pilsen wurde fast nie erobert. Die Lage der Stadt am Zusammenfluss von vier Flüssen sowie eine mächtige Stadtbefestigung trugen dazu bei, dass die Mehrheit der Angreifer nach einer Zeit erfolglos abziehen musste. Während der hussitischen Kriege gab es insgesamt vier Versuche um die Eroberung von Pilsen, die alle scheiterten. Erst während des dreißigjährigen Kriegs gelang es dem Heerführer Mansfeld, in die Stadt einzudringen und sie unter Kontrolle zu bekommen. In den unterirdischen Räumlichkeiten hatten sich die Bewohner von Pilsen damals sowie während anderer Kriege versteckt. Das System der Gänge hatten zudem geheime Boten während der Belagerung der Stadt genutzt. An die Versuche um die Eroberung der Stadt erinnern in den Kellerräumen ausgestellte historische Waffen. In den Wänden einiger der kleineren Räumlichkeiten sind immer noch kleine Löcher zu sehen. Das seien jedoch keine Spuren von Kugeln, erzählt Šárka Zemanová:
Foto: Martina Schneibergová
„Die Löcher zeugen davon, dass an der Stelle einst eine große schwere
Eichentür hing und der Raum höchstwahrscheinlich als Tresor genutzt
wurde. In gefährlichen Zeiten versteckte der Besitzer hier wertvolle
Sachen, Dokumente sowie Schmuck. Es wurden hier einige solche Tresorräume
gefunden. Es kann sein, dass einst die Gänge nicht alle miteinander
verbunden waren, wie es heute der Fall ist. Die Experten sind der Meinung,
dass die Gänge einst durch Gitter voneinander getrennt waren. Denn fremde
Leute sollten keinen Zugang zu den Vorräten oder wertvollen Sachen
haben.“
Trojanische Chronik
In einem der größeren Kellerräume ist eine Druckpresse installiert. Sie
habe hier, so Šárka Zemanová, natürlich nie gestanden. Sie solle aber
daran erinnern, dass in Pilsen das erste tschechisch geschriebene Buch
gedruckt wurde. 1468 erschien nämlich in Pilsen die Trojanische Chronik.
Unweit der Druckmaschine macht Šárka Zemanová auf eine Rarität
aufmerksam: Tief in die Dunkelheit führt ein Gang, den man nicht betreten
kann, der aber einen besonderen Querschnitt hat.
„Wenn man in den Gang hineinschaut, sieht man, dass er einen Querschnitt wie ein Schlüsselloch hat. Darum wird er auch ´Schlüsselgang´ genannt. Es soll hier noch mehrere ähnliche Gänge geben. Sie wurden als eine Art Wasserkanäle erbaut, die das überflüssige Wasser aus den Kellern ableiten sollten. Der besondere Querschnitt des Gangs entstand dadurch, dass der Bergarbeiter, der ihn ausgegraben hatte, bei der Arbeit aufrecht stand und sich mit einer Holzvorrichtung auf den Schultern an den Wänden abstützte. Sein Körper mit der Holzvorrichtung hinterließ dann beim Graben diese ungewöhnliche Form des Ganges. Sie erinnert an ein Schlüsselloch.“
Die Führung durch die unterirdischen Gänge und Kelleranlagen von Pilsen
endet im Wasserturm, den die Pilsner im 16. Jahrhundert erbauten. Vom
Wasserturm geht es wieder zurück bis in die einstige Eisgrube, in der der
Spaziergang begonnen hat. Die historischen unterirdischen Räumlichkeiten
von Pilsen sind außer Januar das ganze Jahr hindurch zugänglich. Es
empfiehlt sich, den gewünschten Besichtigungstermin reservieren zu lassen.
Nach vorheriger Absprache sind auch Besichtigungen außerhalb der
Öffnungszeiten möglich.
Dieser Beitrag wurde am 13. November 2010 gesendet. Heute konnten Sie seine Wiederholung hören.





