Reiseland Tschechien Die Wiege des tschechischen Fußballs stand im Schloss Loučeň
Etwa 60 Kilometer von Prag entfernt, unweit des Städtchens Nymburk liegt Loučeň. Die sonst unauffällige Gemeinde, die Anfang des 20. Jahrhunderts zum Marktflecken erhoben wurde, ist durch ihr Barockschloss bekannt geworden. Den größten Aufschwung erlebte der Adeligensitz unter den Thurn-Taxis, die dort bis zum Zweiten Weltkrieg residierten. Loučeň haben damals mehrere bekannte Persönlichkeiten besucht – darunter der Komponist Bedřich Smetana, der Schriftsteller Mark Twain oder der Dichter Rainer Maria Rilke.
Wenn man mit dem Bus aus Nymburk nach Loučeň fährt, kann man den großen Schlosspark auf linker Seite der Straße am Rande der Gemeinde nicht übersehen. Das Schlossgebäude ist hinter den Bäumen ein wenig versteckt. Vom Eingangstor in den Park kommt man an einer Fontane vorbei direkt ins Schloss. Jiří Senohrábek arbeitet als Manager des Schlosses und kennt sich nicht nur in der Geschichte des Schlosses und seiner früheren Besitzer, sondern auch in allen Ecken des historischen Gebäudes aus. Mit Jiří Senohrábek traf ich im ersten Stock in einem prunkvollen Salon zusammen. Es sah dort so aus, als ob gerade Gäste zum Festessen erwartet werden. Jiří Senohrábek:
Jiří Senohrábek
„Jetzt sind wir im Hauptsaal des Schlosses – im Speisesaal. Die
Familie Thurn und Taxis waren wahrscheinlich Gourmets, weil den wichtigsten
Raum im Schloss als Speisesaal eingerichtet hatten.“
Sind die Räumlichkeiten heutzutage noch so eingerichtet, wie es unter den Thurn und Taxis aussah?
Schloss Loučeň
„Dort, wo sich heute beispielsweise der Musiksalon befindet, gab es
einen Musiksalon schon unter Thurn und Taxis. Alle Räume haben den
ursprünglichen Zweck beibehalten. Etwa die Hälfte der Möbel sind
Originalmöbel. Der Rest sind Kopien, die nach den Schwarz-Weiß-Fotos, die
erhalten geblieben sind, entstanden.“
Wann sind die Thurn und Taxis nach Loučeň gekommen?
„Sie sind 1809 hierher gekommen und lebten hier bis zum Zweiten Weltkrieg.“
Wem gehörte das Schloss vor dieser Adeligenfamilie?
Schloss Loučeň
„Schloss Loučeň hat den Adeligen wahrscheinlich immer gefallen, weil
es niemals verkauft wurde. Immer, wenn der Adeligenbesitzer gewechselt
wurde, kam es dazu nur deswegen, weil die Familie nur Töchter hatte, und
wenn diese geheiratet haben, änderte sich auch der Familienname der
Besitzer. Die erste Adeligenfamilie, der das Schloss gehörte, waren die
Waldsteins oder Wallensteins. Dann besaßen die Fürstenbergs das Schloss.
Die Familie ist in den deutschsprachigen Ländern bekannter als
hierzulande, weil es in Tschechien nicht viele Herrschaften gibt, die ihnen
einst gehörten. Und 1809 kamen die Thurn und Taxis nach Loučeň. “
Den Namen der Thurn und Taxis kennen die meisten Tschechen dank den berühmten Pferderennen in Pardubice / Pardubitz.
Schloss Loučeň
„Das stimmt. In Pardubice werden seit 1874 die bekanntesten Pferderennen
in Böhmen veranstaltet. Das schwierigste Hindernis bei der ´Velká
Pardubická Steeple-Chase´ ist der berüchtigte Taxis-Graben. Benannt
wurde er eben nach dem Grafen Egon Thurn-Taxis. Eine sprachliche
Besonderheit, die mit dem Namen der Familie Thurn-Taxis verbunden ist, ist
die Bezeichnung für die Taxis. Die Thurn und Taxis sind einst mit der Post
durch ganz Europa gefahren. Diese Postdienstleistungen umfassten früher
nicht nur die Zustellung von Briefen, sondern auch die Beförderung von
Menschen. Wenn eine gelbe Kutsche vorbeifuhr, haben die Leute gesagt:
´Guck mal, da fährt der Taxis!´ Die Bezeichnung ´Taxi´ hat sich
inzwischen überall verbreitet.“
Schlosspark Loučeň
Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Postwesen und dem hiesigen
Schloss?
„Es war natürlich im Interesse des Fürsten, in Loučeň ein Postamt zu errichten. Die Familie lebte aber in Böhmen sonst von einem ganz anderen wirtschaftlichen Zweig – von der Zuckerproduktion. Die Thurn und Taxis haben vor allem in den 1830er Jahren einige Zuckerfabriken in Böhmen gegründet. Eine davon ist immer noch im Betrieb. Sie befindet sich im nahe gelegenen Dobrovice. An den Zuckerverpackungen findet man bis heute die drei großen Buchstaben ´TTD´. Diese stehen für ´Thurn-Taxis Dobrovice´.“
Die Adeligenfamilie Thurn und Taxis hat nicht Verdienste nicht nur um die Zuckerproduktion in Tschechien, sondern auch um den tschechischen Fußball. Können Sie es erläutern?
Schloss Loučeň
„Ja, das stimmt. Auch wenn viele meinen, dass der Fußball zum ersten
Mal in Böhmen in Prag gespielt wurde, ist diese Vermutung falsch. Die
berühmten Fußballklubs Slavia oder Sparta Prag sind etwas jünger als der
Fußballverein Loučeň. Er ist der älteste Fußballklub in Tschechien
überhaupt. Gegründet wurde er 1893. Warum gerade hier auf dem Lande? Die
Antwort ist einfach: Der Sohn von Thurn-Taxis studierte eine Zeit lang in
England, das als die Wiege des Fußballs gilt. Er beschloss, das Spiel, das
er in den Pausen mit seinen Freunden spielte, auch in Böhmen vorzustellen.
1889 sind elf englische Studenten mit ihm nach Loučeň gekommen. Mit dem
aus den Studenten zusammengestellten Team spielte eine Mannschaft, die aus
Fußballlaien aus Loučeň bestand. Im Team von Loučeň waren neben den
Verwandten des Fürsten beispielsweise auch der Schlossgärtner und der
Schlosskoch.“
Historische Fußballmannschaft in Loučeň
Wird hier im Ort an dieses Ereignis in irgendeiner Weise erinnert und
weiß man davon überhaupt?
„Ähnlich wie in anderen Ländern Mitteleuropas besteht die Hauptkultur
auf dem Lande aus dem Fußball und der Feuerwehr. Fußballmannschaften gibt
es hier bis heute, gespielt wird vor allem im Sommer. Wichtig war das
Jubiläum im Jahre 1993. Damals wurden 100 Jahre des Fußballs in Loučeň
groß gefeiert.“
Über die ehemaligen Besitzer von Loučeň, die Familie Thurn-Taxis sprach
ich mit Jiří Senohrábek. Die Führung durch das Barockschloss werden wir
in der nächsten Ausgabe des Reiselands fortsetzen.
Fotos: Autorin







