Reiseland Tschechien Bustehrad in autobiographischen Erzählungen von Ota Pavel

12-04-2003 | Marketa Maurova

Ein neues Signal leitet gleich unsere touristische Sendung ein, die mit der Sommerzeit den neuen Namen "Reiseland Tschechien" bekommen hat. Eine weitere literarische Reise führt uns heute nach Bustehrad, ein kleines Städtchen in der mittelböhmische Kohleregion um Kladno. Markéta Maurová hat für Sie das dortige Ota-Pavel-Museum besucht und sich mit seiner Initiatorin Ivona Kasalicka unterhalten. Gerade der tschechische Schriftsteller Ota Pavel machte nämlich diesen Ort in seinen autobiographischen Erzählungen bekannt.

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Museum in BustehradMuseum in Bustehrad Der lustige Vater Leo, der als reisender Kaufmann Staubsauger verkauft. Spiele mit den Brüdern Jiri und Hugo. Ausflüge zum Berounka-Fluss. Aber vor allem Fische und das Angeln. Diese Assoziationen kommen einem, wenn man den Namen des Schriftstellers und Journalisten Ota Pavel hört. Er wurde auch durch seine Sportreportagen und Erzählungen aus dem Sportmilieu bekannt und beliebt. In der heutigen Sendung wird uns jedoch vor allem die Welt seiner Kindheit interessieren, die er in seinen autobiographischen Erzählungen darstellte. Diese Welt hatte zwei Säulen: den Berounka-Fluss und das Städtchen Bustehrad, in dem der kleine Ota Popper (so hieß der jüdische Knabe nämlich ursprünglich) seine Kindheitsjahre verbrachte.

"Unter dem Schloss, am Teich, stand der Bauernhof meines Großvaters Ferdinand und wir sind bei ihm eingezogen. Ferner stand hier eine 400 Jahre alte Brauerei, die Schule, die Turnhalle, einige Gasthöfe und Tanzsäle, das Hotel zur Sonne, über das gemunkelt wurde, dass es ein Bordell sei, eine Mariensäule, die den Brauereiochsen beim Ziehen der Bierfässer im Wege stand, vor allem aber lagen hier zwei wunderschöne Karpfenteiche, die unser Vater vor dem Krieg gemietet hat."

Soweit die Worte des Schriftstellers in seiner Erzählung "Das große weiße Schiff". In Bustehrad entstand vor einem Jahr, im März 2002 anlässlich des 29. Todestags des Schriftstellers ein Ota-Pavel-Museum. Die Gründungsidee ist jedoch älter.

"Die Idee entstand bei der Bürgervereinigung "Bustehrad sobe" ("Bustehrad sich selbst"), die im Jahre 2000 von einigen Bürgern aus Bustehrad gegründet wurde. Wir beteiligten uns im Jahre 2000 an den Feierlichkeiten anlässlich des 70. Geburtstags von Ota Pavel, den er jedoch selber nicht mehr erlebte. In der hiesigen Grundschule trafen sich damals mehr als 300 Gäste und die ganze Familie von Ota Pavel, seine Söhne, Brüder und Verwandten. Nach dieser Veranstaltung haben uns Ota Pavels Sohn Petr und seine Brüder Jiri und Hugo den Nachlass des Schriftstellers angeboten. Wir haben das natürlich begrüßt, weil ein Museum in Bustehrad bis dahin fehlte. Wir haben dann begonnen, Räumlichkeiten zu suchen. Und natürlich auch weitere Materialien, denn der Nachlass war natürlich wertvoll, reichte jedoch nicht für das ganze Museum. Fast anderthalb Jahre haben wir uns bemüht, Materialien zusammen zu bringen."

Und so kam eine Ausstellung zustande, die über 600 Photos, Dokumente und persönliche Gegenstände Ota Pavels zeigt:

"Wir haben eine große Menge Dokumente, Briefe und Photographien zusammengebracht. Das Ergebnis ist komplex und spezifisch, denn es handelt sich um Sachen, die noch nie das Licht der Welt erblickten." Ota Popper, der später den Namen Ota Pavel annahm, wurde 1930 in Prag geboren. Er und seine Brüder pflegten oft nach Bustehrad zu kommen. Dort wurden nämlich ihr Vater Leo und ihre Großeltern, die Großmutter Malvina und der Großvater Ferdinand geboren, die ein Häuschen Nummer 54 am Teich besaßen. Von diesem Haus hat Ota Pavel in seinen Erzählungen sehr schön geschrieben. Er besuchte die Großeltern in jeder freien Stunde, in jeden Ferien und an allen Festtagen. Und als der Krieg kam, entschloss sein Vater, die Familie zu retten und nach Bustehrad umzuziehen."

Ota PavelOta Pavel "Ota verlebte hier den ganzen Krieg, er ging hier zur Schule. Inzwischen wurde ein Teil der Familie in verschiedene KZs transportiert, aus denen sie alle - bis auf die Großeltern - nach dem Krieg glücklich zurückkehrten. Das Häuschen steht hier etwa 50 Meter vom Museum und ist mit einer Tafel gekennzeichnet."

Das Museum befindet sich also nicht in dem ursprünglichen Haus der Familie Popper, sondern in einem ehemaligen Laden im Zentrum des Städtchens.

"Dieser Raum war mit Ota Pavel überraschenderweise eng verbunden. In diesem Haus wohnte Herr Frantisek Rott, der hier einen Laden mit Papier- und Eisenwaren hatte. Wenn Leo Popper seine Staubsauger der Marke Lux vorgeführt hat, ermöglichte Rott ihm, eben in seinem Laden das Gerät zu zeigen. Rott kaufte damals einen Staubsauger und seine Nachfahren hatten ihn bis zur Öffnung des Museums auf dem Dachboden aufbewahrt. Als wir das Museum eröffneten, haben wir ihn getestet und festgestellt, dass er immer noch funktionsfähig ist. Heute ist er im Schaufenster des Museums ausgestellt."

Die eigentliche Ausstellung besteht aus 18 Foto- und Texttafeln, die nach einzelnen Perioden im Leben Ota Pavels thematisch gegliedert sind. "Die Wurzeln in Bustehrad", "Die Eltern", "Leo im Dienst von Elektrolux", "Sporterzählungen", "Die Krankheit und die letzten Tage", "Epilog - Bustehrad erinnert sich" so die Aufschriften darüber. Auf den Tafeln findet man einzelne Dokumente und deren Beschreibungen, immer verbunden mit einem Zitat aus einer konkreten Erzählung aus dem Werk von Ota Pavel.

"Im Museum, in der Mitte des Raumes sind auch zwei große Vitrinen mit dreidimensionalen Gegenständen. Am interessantesten davon ist wohl ein Ball, der mit den Unterschriften der Fußballer von Dukla Praha ausgestattet ist. Er sieht nach 40 Jahren immer noch aus wie ein Ball, die Unterschriften der einzelnen Spieler kann man jedoch kaum lesen. Sie hatten auf dem Ball nach ihrem berühmten Sieg im Jahr 1962 in New York für Ota unterzeichnet. Ota begleitete sie dorthin, um später sein berühmtes Buch "Dukla unter den Wolkenkratzern" zu schreiben. Es gibt hier einen Pokal des Fahrradrennens Prag - Karlovy Vary - Prag, den uns der heute leider schon verstorbene Radfahrer Jan Vesely schenkte. Ota Pavel hat eine schöne Erzählung mit dem Titel "Irrtum" über ihn geschrieben."

Ota Pavel und sein Bruder HugoOta Pavel und sein Bruder Hugo "Dann gibt es hier die Angelruten Ota Pavels, die er in seinen Erzählungen beschreibt, weiter eine fast vollständige Sammlung seiner Bücher."

Rekonstruiert wurde im Museum auch die originale Arbeitsecke Ota Pavels, so wie sie sich in seiner Prager Wohnung befand - mit dem ursprünglichen Schreibtisch, der Schreibmaschine sowie einer Tafel aus dem Atlas der Südwasserfische, die einst über dem Tisch hing.

Wie bereits angedeutet, verdankt das Museum seine Existenz der Bürgervereinigung "Bustehrad sobe" ("Bustehrad sich selbt"). Ivona Kasalicka:

"Die Bürgervereinigung "Bustehrad sobe" existiert bereits drei Jahre, seit dem Jahr 2000. Sie vereinigt etwa 20 Leute, die sich entschieden haben, gesellschaftliche und kulturelle Aktivitäten in Bustehrad zu unterstützen. U.a. handelt es sich um die Web-Seiten www.bustehrad.cz. Und natürlich machen wir verschiedene Veranstaltungen für Kinder und Erwachsene. Unsere Hauptaktivität ist jedoch die Errichtung und der Betrieb des Ota-Pavel-Museums inklusive aller Begleit-Veranstaltungen."

" Im vergangenen Jahr haben wir auch einen Pfad eröffnet, der die Geschichte von Bustehrad zeigt. Es ist eine sehr alte Stadt, und es tat uns ein bisschen leid, dass die hiesigen Leute und Besucher durch den historischen Kern gehen, ohne zu bemerken, dass dort immer noch bestimmte architektonische Elemente der alten Burg geblieben sind. In Zusammenarbeit mit Kindern aus der Kunst-Grundschule haben wir keramische Tafeln gestaltet, in Zusammenarbeit mit einer Archäologin Texte über einzelne Stationen verfasst und mit der finanziellen Hilfe der Stiftung Open Society Found diesen Pfad im Juni letzten Jahres feierlich eröffnet."

In der Stadt findet man genau 25 Tafeln, für deren Lektüre man einen etwa halbstündigen Spaziergang einplanen sollte. Eine der Stationen ist das Museum, und zwar Nummer 20. Der Großteil befindet sich im oberen Teil der Stadt, auf dem Gebiet, das man "Alte Burg" nennt. Weitere Tafeln erinnern an das Schloss, das sich leider in katastrophalem Zustand befindet, an die renovierte Kirche und weitere, kleinere Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Soweit, liebe Hörerinnen und Hörer, unsere Wanderung durch Bustehrad. Bevor wir uns verabschieden, möchten wir Ihnen eine Quiz-Frage stellen. Ein Hörer bzw. eine Hörerin, der oder die sie richtig beantwortet, bekommt von uns das Buch "Traumcafe einer Pragerin" von Lenka Reinerova. Also die Frage lautet:

Ota Pavel hat im Jahre 1964 als Sportreporter des Tschechoslowakischen Rundfunks von einer bedeutenden Sportveranstaltung in Tirol berichtet. Worum handelte es sich dabei?

Schreiben Sie uns an die Adresse: Radio Prag, Vinohradska 12, 120 99, Prag zwei. Oder per e-mail an die Adresse: deutsch@radio.cz.

Im März, während unseres Besuchs in Capeks Haus "An der Schlucht", haben wir Sie gefragt, welches Wort, das von Karel Capek erfunden wurde, auch in anderen Sprachen genutzt wird. Die Antwortet lautet ROBOT - ROBOTER. Glück bei der Beantwortung und Verlosung hatte diesmal

Werner Singer aus Uhwiesen.

Herzlichen Glückwunsch und auf ein Widerhören auf den Wellen von Radio Prag. Aus dem Studio verabschieden sich von Ihnen Jitka Mladkova und Markéta Maurová.

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