Reiseland Tschechien Beskidengipfel Radhošť empfängt Gäste mit Radegast, Aposteln und Krautsuppe
Die Stadt Frenštát pod Radhoštěm / Frankstadt war seit dem 19. Jahrhundert ein beliebter Ausgangspunkt für Wanderungen in die Beskiden, vor allem auf das nicht weit entfernte Bergmassiv Radhošť. Dorthin, genau zur Ansiedlung Pustevny haben wir Sie in der vergangenen Ausgabe von „Reiseland Tschechien“ eingeladen und dabei haben versprochen, die Wanderung auf dem Berg Radhošť fortzusetzen.
Pustevny (Foto: Martina Schneibergová)
Als die Berghütten von Pustevny vor rund 100 Jahren erbaut wurden, gab es
dort noch nicht den Sessellift. Dieser wurde 1940 errichtet und wird auch
noch heute von den Touristen im Sommer und von den Skifahrern im Winter
viel genutzt. Er führt von der Gemeinde Trojanovice, die etwa drei
Kilometer von Frenštát entfernt liegt, bis nach Pustevny. Věra Vlková
leitet das Touristen- und Informationszentrum in Frenštát pod
Radhoštěm. Mit dem Sessellift sei sie in ihrer Jugend vor allem im Winter
nach Pustevny gefahren, erzählt sie.
„Als ich als Mädchen nach Pustevny zum Skifahren wollte, gab mir meine Mutter damals zehn Kronen: zwei für den Bus nach Trojanovice, zwei für den Lift, zwei für die Krautsuppe, die wir dort oben gekauft haben. Runter sind wir auf Skiern gefahren, dort haben wir das Schmalzbrot von zu Hause gegessen und für zwei Kronen sind wir wieder nach Hause gefahren. Ich habe sehr schöne Erinnerungen an diese Touren.“
Krautsuppe (Foto: Lenka Žižková)
Auch wenn zehn Kronen heutzutage nicht mehr reichen, um einen solchen
Ausflug zu unternehmen, eines hat sich nicht geändert: Dort oben in den
Restaurants von Pustevny bekommt man auch heute noch „zelňačka“ –
also die Krautsuppe. Dies sei eine Spezialität in den Beskiden, sagt Věra
Vlková, die aus Frenštát stammt:
„Das Kraut kocht man zusammen mit Wurst oder mit geräuchertem Fleisch. Dann kommt Sahne rein und eventuell auch Gemüse oder Pilze. Das ist ein für die Beskiden typisches Essen. Eine weitere Spezialität, die hier serviert wird, sind die so genannten ´lopaťáky´ - also Kuchen, die eher unter dem Namen ´frgály´ bekannt sind. Mit dem Wort ´frgál´ haben die Frauen ursprünglich Kuchen bezeichnet, die ihnen nicht gerade gut gelungen sind. Während der Zeit ist jedoch ´frgál´ zur Bezeichnung für den spezifischen runden Kuchen aus unserer Region geworden. Am bekanntesten ist ein Birnen-frgál. Belegt ist er mit einer Mischung aus getrockneten Birnen, die gekocht und gemahlen werden, in diesen Brei kommen noch ein paar Tropfen Rum, Sternanis und Vanillezucker, eventuell noch Marmelade. Diese Mischung wird auf den Kuchenteig aufgestrichen und mit Streusel bestreut.“
Čertův mlýn / Teufelsmühle (Foto: Martina Schneibergová)
„Zelňačka“, „frgály“ und einige weitere Delikatessen aus den
Beskiden kann man oben in Pustevny kosten. Nach einem kräftigen Imbiss im
malerischen Libušín oder in einem anderen Restaurant von Pustevny kann
man unter einigen Wanderungen auswählen. Entweder Richtung Berggipfel
Tanečnica / Tänzerin und Čertův mlýn / Teufelsmühle, wo sich ein
Naturreservat erstreckt, oder aber man entscheidet sich für eine weniger
anspruchsvolle Wanderung zur Statue des heidnischen Gottes Radegast. Auf
dem Weg kommt man am historischen Aussichtsturm Cyrilka vorbei, unter dem
sich einige Höhlen verbergen. Und schon sieht man die mächtige Statue.
Der 3,20 Meter hohe Radegast ist wahrscheinlich das bekannteste Werk des
Bildhauers Albín Polášek, der aus Frenštát stammte. Polášek wanderte
mit 22 Jahren im Jahre 1901 in die USA aus, wo damals schon seine Brüder
lebten. Er studierte Bildhauerei und ist im Laufe der Zeit zu einem
anerkannten Künstler geworden, der viele Denkmäler in den ganzen USA
schuf. Seine Heimatstadt habe er nie vergessen, erzählt Věra Vlková:
Radegast (Foto: Martina Schneibergová)
„Albín Polášek war ein begeisterter Wanderer. Dem Verein ´Pohorská
jednota Radhošť´ schenkte er zwei Skulpturen, die dann auf dem
Bergmassiv von Radhošť installiert wurden. Die erste davon ist Radegast.
Das war der slawische Gott der Sonne, der Fülle und der Ernte. Die Statue
hat menschliche Füße, ein Löwengesicht, auf dem Kopf einen Helm mit
Hörnern, in einer Hand hält Radegast das Füllhorn und in der anderen
eine mährisch-walachische Axt – die so genannte ´valaška´. Wenn man
sich Radegast von der Seite von Pustevny aus nähert, muss man ihn umgehen,
um ihn von vorne zu sehen. Eine weitere Skulptur, die Polášek dem
Bergverein schenkte, stellt die beiden Heiligen Kyrill und Method dar, die
den christlichen Glauben in Mähren verbreitet haben. Mit Spenden wurde
Ende des 19. Jahrhunderts eine Kapelle erbaut, die den beiden
Slawenaposteln geweiht wurde.“
Statue von Kyrill und Method (Foto: Martina Schneibergová)
Ein großes Verdienst um die Kapelle habe, so Věra Vlková,
Fabrikbesitzer Emil Kostelník gehabt. Auf der Slawischen Ausstellung in
Prag kaufte er das Bild der walachischen Madonna von Adolf Liebscher. Mit
diesem Gemälde reiste der Mann durch ganz Mähren und bemühte sich, die
Bewohner zu Spenden für den Bau einer Kapelle auf dem Radhošť anzuregen.
Diese wurde schließlich 1898 geweiht. In den 1920er Jahren musste der
ursprüngliche Steinbau mit Schindeln verkleidet werden, um den harten
Witterungsbedingungen standzuhalten, erzählt Vlková.
„Im Jahre 2000 wurden der Glockenturm in Stand gesetzt und die Kuppel vergoldet. Für die Instandhaltung sorgt die Radhošť-Gesellschaft. Ich mache die Wanderer immer darauf aufmerksam, dass im Unterschied zu Radegast, von dem sie zuerst den Rücken sehen, die Statuen von Kyrill und Method die sich nähernden Pilger sozusagen willkommen heißen. Hier oben werden den ganzen Sommer lang Gottesdienste zelebriert. Es finden da auch Hochzeiten statt. Tausende von Pilgern strömen hierher am 5. Juli, am Tag der beiden Slawenapostel, um zu beten.“
Büste von Albín Polášek (Foto: Martina Schneibergová)
Übrigens nennt man die beiden Heiligen hier nicht Cyril und Metodej –
wie anderswo in Tschechien – sondern in Mundart familiär „Cyrilek“
und „Metud“, wie Věra Vlková verrät. Auf dem Bergmassiv steht
heutzutage nicht mehr die Originalstatue von Radegast, sondern nur eine
Kopie. Die Originalplastik ist im Vestibül des Rathauses in Frenštát pod
Radhoštěm zu sehen. Věra Vlková macht noch auf ein weiteres Werk von
Polášek aufmerksam, das im Rathausturm ausgestellt ist.
Beskiden (Foto: Martina Schneibergová)
„Mich fasziniert die Plastik mit dem Titel ´Schöpfer seines
Schicksals´. Es ist die Statue eines Mannes, der sich mit einer Keule und
einem Meißel von einem Felsen lösen will. Der Bildhauer schuf das Werk
1907 während seines Studiums an der Akademie der bildenden Künste in
Philadelphia. Er hatte damals gerade einen Streit in der Schule und
flüchtete in die Wälder, wo er nach Inspiration suchte. Er kehrte dann
mit dem fertigen Werk in die Akademie wieder zurück. Kopien dieser Statue
schmücken viele Schulen in den USA.“
Věra Vlková und die Gedenktafel von Jiří Raška (Foto: Martina Schneibergová)
Einige von Polášeks Werken sind im Rathaus von Frenštát pod
Radhoštěm zu sehen. Einer anderen Persönlichkeit aus Frenštát widmeten
die Stadtväter eine Gedenktafel auf dem Rathausgebäude: dem Skispringer
Jiří Raška, Olympiasieger von Grenoble im Jahre 1968.







