Reiseland Tschechien Auf den Spuren der Johanniter und der Dudelsackpfeifer: Die Burg von Strakonice (II)
Die Burg ist eine Dominante der Stadt. Dennoch überrascht einen die Größe des mittelalterlichen Bauwerks, wenn man dann vor Ort ist. Die Rede ist von der Burg in der südböhmischen Stadt Strakonice. In einer der vergangenen Ausgaben der Sendereihe „Reiseland Tschechien“ haben wir Sie in das Museum des mittleren Otavagebiets eingeladen, das auf der Burg seinen Sitz hat. Die Führung durch die Burg von Strakonice werden wir nun in der folgenden Ausgabe von „Reiseland Tschechien“ fortsetzen.
Burg von Strakonice
Die Burg von Strakonice, die sich am Zusammenfluss von Otava und Volyňka
erhebt, wurde im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts gegründet. Die
Gründer kamen aus dem Adelsgeschlecht der Bavor von Strakonice. Bavor I.
holte damals auf Wunsch seiner Frau den Spitalorden der Johanniter auf die
Burg. Um das Jahr 1400 verließ die Familie Bavor die Burg, und das ganze
Burgareal gehörte danach 700 Jahre lang dem Ritterorden der Johanniter.
In einem Teil des Burgareals ist heutzutage das Museum des mittleren
Otavagebietes untergebracht. Petra Brůžková studiert Kunstgeschichte und
kennt in der Burg jede Ecke. Die Führung durch die mittelalterlichen
Räumlichkeiten fängt im Turm Namens „Jelenka“ an. An den Wänden des
Turms seien Wappen verschiedener Adelsgeschlechter zu sehen, erzählt
Brůžková. Es handelt sich um die Wappen der Johanniter- oder
Malteserritter, die aus dem ursprünglichen Johanniterorden hervorgegangen
sind und die auf der Burg lebten. Im 15. Jahrhundert wurde das Großpriorat
aus Prag nach Strakonice übertragen, das heißt also die Ordensleitung.
Petra Brůžková:
„Großprior Johann von Rosenberg ließ diesen Turm erbauen. Im Turm war
damals ein Festsaal eingerichtet. Jelenka hieß der Turm angeblich aus dem
Grund, dass hier Hirsche – tschechische ´jeleni´ - serviert wurden.
Jemand sagt aber, dass der Architekt Hirsch, also tschechisch ´Jelen´
hieß. Jedenfalls ist über dem Eingang in den Saal ein Hirsch abgebildet.
Auf der Wand ist noch ein Stück des Wappens der Familie Rosenberg zu
sehen. Die Stadt hat im Wappen das Malteserkreuz und die Rose, und dies
dank Johann von Rosenberg.“
Durch das ehemalige Maßhaus kommt man zur kleinen Schwarzen Küche, in der nur die Gerichte für den Festsaal im Turm Jelenka zubereitet wurden. Heutzutage dienen sowohl der Jelenka-Turm, als auch das Maßhaus als Ausstellungssäle.
Im Jahre 1424 versuchten die Hussiten erfolglos die Burg von Strakonice zu
erobern. Dann entschieden sie sich, weiter nach Klatovy / Klattau und nach
Pilsen zu ziehen. Einige Gegenstände aus dieser Zeit sind in der Burg
ausgestellt. Der so genannte „kleine Rittersaal“ bietet eine weitere
Sehenswürdigkeit: die Original-Decke mit Renaissancemalereien aus dem 16.
Jahrhundert. Petra Brůžková:
„Der Saal diente einst als Schlafzimmer. Es ist übrigens der einzige Raum auf der Burg, in dem ein Ofen steht. Es wird erzählt, dass an diesem Ofen der Großprior starb, der nach der Schlacht bei Sudoměř hierher flüchtete. Bei Sudoměř besiegten die Hussiten die hiesigen Ritter. Die meisten Exponate dokumentieren das Leben in Strakonice vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Neben Alltagsgegenständen und Kleidungsstücken ist hier auch ein Löffel ausgestellt, mit dem man Perlen aus den Perlenmuscheln herausnahm.“
Der Löffel kam nicht zufällig auf die Burg: Im Fluss Otava wurde einst
nicht nur Gold gewaschen, sondern man suchte dort auch nach Perlen.
Ein wertvolles Exponat mit bewegter Geschichte ist eine Schiffkanone von der Flotte des Malteser Ordens. Bei der Belagerung der Insel Rhodos durch die Türken im Jahre 1522 landete die Kanone auf dem Meeresgrund. Die verzierte Kanone wurde aber gerettet, nach Böhmen gebracht und nach der Instandsetzung an einem der Burgfenster platziert.
Puppentheater
An namhafte Persönlichkeiten, die aus der Region von Strakonice stammten,
erinnert das Museum im großen Rittersaal. Der Dichter und Übersetzer
František Ladislav Čelakovský aus der Zeit der so genannten
„nationalen Wiedergeburt“ stammte direkt aus Strakonice. Der Begründer
des Puppentheaters in Böhmen, Matěj Kopecký, kam aus der Region.
Unzählige Marionetten und ein Original-Puppentheater hat das Museum in
seinen Sammlungen. Petra Brůžková:
Aus dem Theaterstück „Der Dudelsackpfeifer von Strakonice“ von Josef Kajetán Tyl
„Die Theatergesellschaft von Kopecký hatte nicht nur die Aufgabe, die
Leute zu unterhalten, sondern sie verteilte zudem Zeitungen unter den
Bewohnern auf dem Lande. Dank Kopecký und seinen Puppenvorstellungen hat
sich die tschechische Sprache in der Region verbreitet. Der Dichter
Čelakovský hat wiederum tschechische Bücher in seiner Geburtstadt
verteilt. Er knüpfte an die Tätigkeit von Kopecký an.“
Jeder Tscheche verbindet die Stadt Strakonice mit dem Dudelsack. Das Märchenstück „Der Dudelsackpfeifer von Strakonice“ aus der Feder von Josef Kajetán Tyl steht auf dem Repertoire der tschechischen Theater seit seiner Entstehung Mitte des 19. Jahrhunderts. Mit der Tradition des Dudelsackspiels in Böhmen befasst sich eine selbständige Ausstellung auf der Burg. Neben historischen Musikinstrumenten kann man sich hier auch Aufnahmen von Dudelsackkompositionen aus der ganzen Welt anhören.
Neben der Dudelsacktradition wurde die Stadt Strakonice auch wegen der
Produktion der orientalischen Kopfbedeckung Fes bekannt und wegen der
Herstellung von Motorrädern der Marke ČZ. Auch darüber kann man in zwei
Ausstellungen auf der Burg von Strakonice mehr erfahren. Die
Textilproduktion sei der älteste Industriezweig, der sich in der Region zu
entwickeln begann, sagt Museumsleiter Miroslav Špecián:
„Anfang des 19. Jahrhunderts erhielt Familie Fürth die Erlaubnis,
Stoffe zu verkaufen. Sie nutzte die Tatsache, dass viele Frauen hier
Strümpfe und andere Kleidungsstücke strickten. Viele Frauen woben hier in
der Gegend auch Stoffe. Die Familie Fürth fing nun an, Stoffe vor allem
aus der Wolle aus dem Böhmerwald herzustellen. In den 1830er Jahren
herrschte in der Türkei und einigen anderen Ländern Asiens eine große
Nachfrage nach der Kopfbedeckung Fes. In Strakonice spezielaisierte man
sich dann auf die Produktion des Fes für moslemische Länder. In den
1920er wurde das Tragen des Fes in der Türkei jedoch verboten, und damit
verloren die Hersteller aus Strakonice einen ihrer Absatzmärkte. In der
Fabrik, die später „Fezko“ benannt wurde, wurden jedoch auch
Wintermützen aus Wolle hergestellt, die in Tschechien unter dem Namen
„hadovka“ bekannt sind. Diese Mützen wurden mit Erfolg nach Afrika
exportiert.“
Motorräder aus der Produktion der Fabrik ČZ
Wie der Museumsleiter hinzufügt, ließ sich einst sogar ein afrikanisches
Staatsoberhaupt in einer „hadovka“ aus Strakonice auf einer Banknote
abbilden.
Zudem kommen Motorsportfans und Bewunderer historischer Motorräder bei der Führung durch das Burgareal auf ihre Kosten. In einer Ausstellung wird dort die Produktion der Fabrik ČZ gezeigt. In den 1970er Jahren wurden die Maschinen, die vor allem für den Motocross geeignet waren, aus Strakonice in die ganze Welt exportiert.
Die Burg in Strakonice ist von Ende April bis Ende November geöffnet. Die Besucher können entweder an einer Führung durch das ganze Areal teilnehmen oder sich nur den ältesten Teil der Burg, den Kapitelsaal mit dem Kreuzgang anschauen.
Fotos: Autorin





