Als die Fotografie noch jung war: Museum für Fotografie (II)

Italien, 1898 (Foto: F.Kratky, sechtl-vosecek.ucw.cz)

Familie Sechtl befasst fast 150 Jahre lang mit der Fotografie. Ignac Schächtl gehörte zu Vorkämpfern der Fotografie in den böhmischen Ländern. Im südböhmischen Tabor gründeten seine Nachkommen ein einzigartiges Museum für Fotografie, in dem sie Ausstellungen aus ihrem großen historischen Fotoarchiv organisieren. In der letzten Ausgabe der Sendereihe "Reiseland Tschechien" stellten wir Ihnen Frau Marie Sechtlova vor, die die Entstehung des Museums initiierte.

"Lichtbilder Italien 1897" heißt die Ausstellung, die in diesen Tagen im Haus "Zur Linde" zu sehen ist. In den Räumlichkeiten des "Sechtl und Votoceks Museums für Fotografie" kann man eine Auswahl von Fotos von Frantisek Kratky (1851-1924) besichtigen. Kratky gehörte zu den bedeutendsten Fotografen und Herausgebern von Stereofotografien in den böhmischen Ländern. Mit der Fotografie befasste er sich professionell seit 1880. Im Jahre 1900 errichtete er am Stadtrand von Kolin (Mittelböhmen) einen sehr erfolgreichen Fotochemigrafiebetrieb. Die ausgestellten Fotos stammen von Kratkys Italien-Reise, die er 1897 unternahm.

Es handelt sich um 60 vergrößerte kolorierte Diapositive, die besonders wertvoll sind, weil sie aus der Zeit vor der Verbreitung des Farbfotos stammen. Die Grundlage für die mit Hand durchgeführte Kolorierung stellten Schwarz-Weiß-Diapositive dar. Der Querschnitt aus dem Schaffen von Frantisek Kratky wird im Museum für Fotografie bis Ende Mai zu sehen sein. Denn wie die Museumsbegründerin Marie Sechtlova erzählte, will sie die Bürger und Besucher von Tabor nicht mit denselben Fotos langweilen, und so wird alle drei bis vier Monate eine neue Ausstellung vorbereitet.

Eine einzigartige Ausstellung ist voriges Jahr dank Jan Hubicka, dem Enkelsohn von Frau Sechtlova, entstanden. Im Internet stieß er zufälligerweise auf Farbfotos des russischen Fotografen Sergej Prokudin-Gorskij (1963-1944), die aus den Jahren 1905-1915 stammten. Er war von diesen Bildern tief beeindruckt, sagt Marie Sechtlova.

"Die Fotografie befand sich damals erst in der Entstehungsphase. Jeder Fotograf versuchte, irgendwie eine farbige Fotografie herzustellen. Auch Ignac Schächtl hatte schon ein paar Farbfotos gemacht, aber es handelte sich nur um einzelne Versuche. Sergej Prokudin-Gorskij hatte jedoch seine spezielle Technik entwickelt. Er kannte den Chemiker Dimitri Mendelejew und konnte mit den verschiedenen chemischen Verfahren umgehen. So lichtete er Schwarz-Weiß-Fotografien über drei farbige Filter ab - einen roten, einen grünen und einen blauen. Über dieselben Filter projizierte er die Bilder auf eine Wand, und so wurden aus den Schwarz-Weiß-Fotos dann präzise Farbbilder."

Als Prokudin-Gorskij dem russischen Zar Nikolai II. seine Fotos vorführte, war der Zar so begeistert, dass er dem Fotografen gleich einen Schienenkraftwagen und ein Schiff zur Verfügung stellte. Er sollte ganz Russland fotografieren.

"Dadurch sind außerordentlich schöne Fotos entstanden, nicht nur von verschiedenen Kirchen, der Landschaft und Natur, sondern auch von berühmten Menschen sowie von Häftlingen oder von Menschen, die auf dem Feld arbeiteten. Es war wirklich ein wahrheitsgetreues Bild von Russland aus der Zarenepoche. Als der Zar hingerichtet wurde, hatte der Fotograf auch Angst um sein Leben und emigrierte nach Paris. Es gelang ihm, einen Teil seiner Negative dorthin zu transportieren."

Der Fotograf starb jedoch in Vergessenheit. Seine Sammlung der Glasnegative wurde 1948 von der US-amerikanischen Kongressbibliothek gekauft. Seitdem werden diese 1902 Glasnegative unter angemessenen Bedingungen aufbewahrt. Durch die moderne Digitaltechnik wurde es wesentlich einfacher, die Negative zu bearbeiten. Als Jan Hubicka von der Existenz dieser Bilder erfuhr, bat er die Kongressbibliothek um die Erlaubnis, eine Fotoausstellung in Tabor vorzubereiten. Zur Ausstellung, die auf großes Interesse stieß, kam auch Lynn Brooks von der Kongressbibliothek.

Familie Sechtl befasst sich seit 140 Jahren in Tabor mit der Fotografie. Das Interesse für die Fotografie wird in der Familie weitervererbt. Josef Sechtl, der verstorbene Ehemann von Marie Sechtlova, war Enkelsohn von Ignaz Schächtl, dem Vorkämpfer der Fotografie in Böhmen. Auch Josef Sechtl befasste sich von Kind auf mit der Fotografie. Seine spätere Frau Marie lernte er schon auf dem Gymnasium kennen. Auch sie wurde mit der Zeit Fotografin, erzählt sie.

"Er hat mich an die Fotografie herangeführt. Sonntags gingen wir spazieren, und er brachte schon am Montag die fertigen Fotos mit in die Schule, und später klebte er sie in ein Album. Im Herbst schnitt er aus den Fotos Blätter aus; im Frühling stellte er eine Frühlingskomposition aus den Bildern zusammen. Er hat immer etwas interessantes aus den Fotos gemacht, und da begann ich mich auch mit der Fotografie zu beschäftigen. Mein Mann machte Schwarz-Weiß-Fotos auf einem wirklich hohen Niveau und als die Farbfotografie aktuell wurde, fing er an, Farbfotos zu machen. Er war einer der ersten Fotografen in der Tschechoslowakei, die sich damit befassten und probierte verschiedene Farbtechniken aus."

Die fotografischen Techniken von Josef Sechtl waren auch das Thema einer Ausstellung, die seine Frau vor zwei Jahren anlässlich des 80. Geburtstags des Fotografen vorbereitete. Sechtl starb bereits 1992 im Alter von 67 Jahren. Eine Auswahl ihrer eigenen Fotografien stellte Marie Sechtlova vor kurzem aus. Die Bilder transportierten die Atmosphäre in der Tschechoslowakei der 1960er Jahre und brachten dem Besucher auch Paris, die USA oder Russland näher. Marie Sechtlova begann 1950 im Fotoatelier Sechtl-Vosecek zu arbeiten. Das Atelier wurde aber schon 1953 vom kommunistischen Staat verstaatlicht.

"Die fünfziger Jahre waren die Zeit der Hinrichtungen. In Ungarn wurde der Aufstand gegen die Kommunisten blutig unterdrückt. Alle waren so niedergeschlagen, deprimiert. Mit der Zeit entstanden mehrere Fotozirkel, denn viele Menschen fingen an, sich fürs Fotografieren zu interessieren. Es schien so, als wollten wir Fotografen zeigen, wie schade es ist, dass das Leben so traurig ist, und dass es eigentlich besser sein könnte. Das, was wir fotografierten, begann man Alltagspoesie zu nennen. Wir suchten nach schönen Sachen. Wenn wir irgendwo unterwegs waren, fotografierten wir Menschengesichter. Ich verband die Fotos dann mit Gedichten von Jan Noha, Frana Sramek, Jaroslav Seifert, Vitezslav Nezval und anderen Dichtern."

Die enge Beziehung zur Literatur hat bei den Sechtls ihre Wurzeln möglicherweise in der Vergangenheit Wurzel. De Tochter von Marie Sechtlova, Marie Michaela erklärt:

"Der Mann der Schriftstellerin Bozena Nemcova lebte in Tabor und sein Sohn kümmerte sich um den hiesigen botanischen Garten. Später leitete er das Institut für Obstbaukunde in Prag. Die Sechtls haben alle diese Leute fotografiert. Nemcovas Sohn Karel Nemec heiratete die Schwester meiner Urgroßmutter und hatte außerdem ein Kind mit meiner Urgroßmutter, so dass wir wirklich mit der Schriftstellerin verwandt sind. Wir haben Fotos von all diesen Vorfahren. Man muss die Bilder nur noch sortieren und richtig bezeichnen. Denn alle diese Männer Namens Karel Nemec sahen sehr ähnlich aus, aber manchmal ist es auf den Fotos eben der Sohn und manchmal der Enkelsohn der Schriftstellerin. Ich hoffe, dass wir in knapp zwei Jahren eine Ausstellung zu diesem Thema vorbereiten können."

Soweit Marie Michaela Sechtlova über die Ausstellungspläne. Familie Sechtl bewahrt an die 13.000 Negative aus den Jahren 1864 bis 1940 auf, auf denen nicht nur die Veränderungen in der Stadt Tabor, sondern auch verschiedene historische Ereignisse und namhafte Persönlichkeiten zu sehen sind. Das Fotoarchiv wird digitalisiert. Mehr über das Archiv sowie das Museum der Familie Sechtl erfahren Sie auf der Webseite http://sechtl-vosecek.ucw.cz

Das Museum ist täglich von Montag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei. Eine Führung durch das Museum kann man auch im Voraus vereinbaren (unter den Nummern 00420 776303193 bzw. 00420 381232213).

Fotos: http://sechtl-vosecek.ucw.cz

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