Tagesecho Zerstörte Kirchen Nordböhmens - Ausstellung im Prager Klementinum
Schwarz-Weiß-Fotos von Kirchenruinen, Archivdokumente sowie Modelle von nicht mehr existierenden Sakralbauten – das alles ist in einer Ausstellung im Prager Klementinum zu sehen. Dokumentiert ist hier die die Geschichte von 80 Kirchen, Kapellen und Synagogen in Nordböhmen, die während des Kommunismus abgerissen wurden.
Ausstellung „Zerstörte Kirchen Nordböhmens“ (Foto: Martina Schneibergová)
Noch in den 1920er Jahren strömten Zehntausende Pilger in die
Wallfahrtskirche von Verneřice / Wernstadt. Heutzutage gibt es die Kirche
nicht mehr. Sie wurde genauso wie viele andere Kirchen der Region in den
1970er Jahren abgerissen. Von allen Sakraldenkmälern, die in den Jahren
1948 bis 1989 in der kommunistischen Tschechoslowakei verschwanden, befand
sich die Hälfte eben in Nordböhmen. Insgesamt handelt es sich um 575
Sakralbauten, die liquidiert wurden. Dabei hätten mehrere Faktoren eine
Rolle gespielt, erzählt Michal Stehlík, Dekan der philosophischen
Fakultät der Prager Karlsuniversität und Kurator der Ausstellung:
„Einer der Faktoren ist die Tatsache, dass es in Nordböhmen vor 1945 ein sehr dichtes Netz an Sakraldenkmälern gab. Denn die ursprüngliche deutsche Bevölkerung war religiös veranlagt. Nach dem Krieg blieben zwar die Kirchen bestehen, aber die Menschen waren nicht mehr da. Hinzu kam die Intensivierung der Braunkohleförderung. Durch die Kombination dieser Faktoren wurde Nordböhmen, was die Beseitigung von Kirchen anbelangt, in der ganzen Tschechoslowakei zu einem Sonderfall.“
Wallfahrtskirche von Verneřice (Foto: Vernichtete Kirchen Nordböhmens 1945-1989)
Der Initiator der Ausstellung ist Tomáš Hlaváček. Er leitet eine
Bürgerinitiative, die sich seit Jahren um die Instandsetzung von
historischen Baudenkmälern in der Region Úštěk / Auschau bemüht.
„Auf die Idee, das Schicksal der verschwundenen Sakralbauten zu dokumentieren, sind wir gekommen, weil wir in einer Region leben, wo es zu einer systematischen Liquidierung von Kirchen kam. Die kommunistische Partei beschloss, den Bezirk von sämtlichen Sakralbauten zu säubern. Wir haben festgestellt, dass viele der Kirchen in den Jahren 1972 bis 1982 abgerissen wurden und es sich also nicht um weit zurückliegende Ereignisse handelt. Aber man hat sie vergessen und man spricht nicht mehr von ihnen. Wir haben uns entschieden, eine Ausstellung vorzubereiten, um vor allem jungen Menschen zu zeigen, wie der Kommunismus war, was sich damals abgespielt hat. Es reichte die Entscheidung eines Menschen, und Kirchen, die hier 400,500 oder 600 Jahre lang gestanden hatten, durften einfach gesprengt werden.“
Kirche von Přísečnice (Foto: Vernichtete Kirchen Nordböhmens 1945-1989)
Die Kirchen wurden aus den verschiedensten Gründen abgerissen: Einige
mussten dem Militärsperrgebiet Ralsko weichen, andere sind in den Stauseen
Nechranice / Negranitz und Přísečnice / Pressnitz versunken, viele aber
wurden für den Kohletagebau geopfert. Im Allgemeinen herrscht die
Vorstellung, dass die meisten Kirchen schon in den 1950er Jahren abgerissen
wurden. Viele der historischen Sakraldenkmäler wurden jedoch erst einige
Jahre vor der Samtenen Revolution dem Boden gleichgemacht, erzählt Kurator
Michal Stehlík:
"Es handelte sich um eine systematische Beseitigung von Sakraldenkmälern. Die damaligen so genannten ´Kirchensekretäre´ - also Beamten, die für Angelegenheiten der Kirchen in den einzelnen Bezirken zuständig waren - gingen in erster Linie davon aus, dass Kirchen nutzlos seien. Zudem waren viele der Kirchen nach 30 bis 40 Jahren kommunistischer Verwaltung in einem desolaten Zustand. Man ließ sie absichtlich verfallen, und dann wurden sie in den 1980er Jahren abgerissen, weil man nichts mehr mit ihnen machen konnte und wollte. Das war die Vorgehensweise der Kirchensekretäre.“
Kirche von Svébořice (Ralsko). Foto: Vernichtete Kirchen Nordböhmens 1945-1989
Die Ausstellung „Zerstörte Kirchen Nordböhmens“ ist noch bis zum 21.
Januar im Prager Klementinum zu sehen. Interesse an der Wanderausstellung
haben bereits weitere Institutionen geäußert, darunter der Freundeskreis
Fulda-Leitmeritz. Er will die Ausstellung ab 26. April im Bonifatiushaus in
Fulda zeigen.








