Tagesecho Wissenschaftler in Nové Hrady Pioniere im Kampf gegen Antibiotika-Resistenz

13-08-2008 16:14 | Patrick Gschwend

In der tschechischen Presse wurde die Entdeckung als Durchbruch in der Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen gefeiert: Ein Forschungsteam hat im südböhmischen Nové Hrady weltweit erstmals die Mechanismen entschlüsselt, mit denen sich Bakterien an ihre Umgebung anpassen. Patrick Gschwend hat mit dem Leiter des Wissenschaftlerteams, Rüdiger Ettrich, über die Entdeckung gesprochen.

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Rüdiger EttrichRüdiger Ettrich Herr Ettrich, Sie und Ihr Team arbeiten in der Tschechischen Akademie der Wissenschaften und am Institut für physikalische Biologie in Nové Hrady und forschen dort zur Struktur und dem Verhalten von Proteinen. Können sie zunächst erklären, was genau Sie und Ihr Team erforscht und entdeckt haben?

„Es handelt sich um die so genannten Restriktions-Modifikations-Enzyme, die in Bakterien in der Lage sind, genetische Informationen – das heißt die DNA – zu manipulieren, zu modifizieren oder auch zu zerstören. Eine der Folgen davon, dass sich die genetische Information auf diese Weise schnell verändert, ist, dass Bakterien relativ schnell resistent gegen Arzneimittel werden, zum Beispiel gegen Antibiotika.“

Das bedeutet also, dass die praktischen Anwendungsmöglichkeiten in der Medizin darin liegen, dass in Zukunft gegen Antibiotika- und andere Arzneimittelresistenzen vorgegangen werden kann?

Foto: ČTKFoto: ČTK „Zum Beispiel. Wobei man aber nicht vergessen darf, dass wir uns jetzt noch auf der Stufe der Grundlagenforschung befinden. Ganz am Ende steht natürlich immer die Medizin. Bakterien können sich sehr schnell ihrem Umfeld anpassen, und damit wird jede Medizin sehr schnell wirkungslos. Es ist praktisch immer der Kampf der Medizin mit den Bakterien. Man muss immer schneller und immer mehr verschiedene Wirkstoffe erzeugen, da es die Bakterien schon mit den meisten aufnehmen können.“

Ist denn abzusehen, wann das auch für den normalen Patienten positive Auswirkungen haben kann?

„Selbst wenn man schon Wirkstoffe in der Hand hat, dauert es sechs bis zehn Jahre. Wenn man nun bedenkt, dass wir hier ja erst am Beginn der Grundlagenforschung stehen, würde ich davon ausgehen, dass es sich da um 20 bis 30 Jahre insgesamt handelt.“

Welche Reaktionen haben Sie denn auf Ihre Entdeckung von Ihren Kollegen weltweit bisher erhalten?

Foto: ČTKFoto: ČTK „Sehr gute. Die Ergebnisse unserer Arbeit sind gerade in der Publikationsphase, und wir wissen, dass sehr viele Wissenschaftler weltweit darauf warten.“

Was bedeutet denn Ihr Erfolg für den Forschungsstandort Tschechien? Erwarten Sie sich hiervon positive Auswirkungen?

Ich denke für den tschechischen Wissenschaftsstandort sind Erfolge, die etwas herausstehen, enorm wichtig, weil die tschechische Wissenschaft zu einem großen Teil eher in der Durchschnittlichkeit dümpelt. Und solche Impulse sind dann natürlich extrem wichtig für die weitere Entwicklung der Wissenschaft hier.“

Sie kommen ja aus Deutschland. Wie und wann kam es dazu, dass Sie in Tschechien leben und arbeiten?

„Ich bin jetzt seit dreizehn Jahren in Tschechien. Ich habe damals studiert an der Universität in Tübingen und wollte danach für ein Jahr nach Tschechien gehen, um das Land meiner Vorfahren kennen zu lernen, da meine Eltern aus Tschechien kommen. Durch den einen oder anderen Zufall bin ich bis heute hier geblieben.“

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