Tagesecho Weltklasse-Turnerin und Frau des Jahres 1968 Věra Čáslavská wurde 70
Die ehemalige Tschechoslowakei hat viele großartige Sportler hervorgebracht. Neben Langstreckenläufer Emil Zátopek und Skispringer Jiří Raška, die leider schon verstorben sind, gibt es noch eine große Athletin, deren weltweite Popularität bis heute ungebrochen ist: die ehemalige Turnerin Věra Čáslavská. Die siebenfache Olympiasiegerin und vierfache Weltmeisterin feiert am 3. Mai ihren 70. Geburtstag. Und nicht nur wegen dieses Anlasses kann die ehemalige Beraterin von Ex-Präsident Václav Havel auf ein sehr bewegtes Leben mit extremen Höhen und Tiefen zurückblicken.
Věra Čáslavská (Foto: ČTK)
Die Menschen lagen ihr einst zu Füßen. Ganz besonders im Jahr 1968, als
sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere war und bei den Olympischen Spielen
in Mexiko gleich viermal Gold gewann. Nach Jacqueline Kennedy galt sie als
die zweitpopulärste Frau der Welt, und ganz speziell die Gastgeber der
Spiele, die Mexikaner, hatten sie ins Herz geschlossen:
„Nach meinen Olympiasiegen wurde mir in Mexiko ein großartiger Empfang bereitet. Ich wurde in einem Konvoi, begleitet von einer festlich uniformierten Motorradstandarte, ins Hotel gebracht. Als ich dort ankam, wartete bereits das gesamte Hotelpersonal – angefangen vom Direktor bis zu den Zimmermädchen – auf mich, um mir Spalier zu stehen“, schildert die 70-jährige Čáslavská auch heute noch bewegt ihre Eindrücke von den wohl schönsten Momenten ihres Sportlerlebens.
Dazu gehört auch die Hochzeit mit dem damaligen Leichtathleten Josef Odložil, die das Sportlerpaar ebenso in Mexiko feierte – vor über 100.000 Menschen! Das wiederum sei ein einziger Wirrwarr gewesen, der ihr trautes Glück etwas getrübt habe, so Čáslavská.
Weitaus mehr betrübt gemacht aber hatten sie die Ereignisse, die sich in jenem Jahr in ihrer Heimat abspielten, allen voran die Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Sowjetarmee.
„Am 21. August begann die Okkupation. Zuvor hatte ich das Manifest der 2000 Worte unterzeichnet und mich auch nicht umstimmen lassen, es zu widerrufen. Im Rundfunk wurde jedoch verkündet, dass sich die Signatare der 2000 Worte am besten verstecken sollten, da ihnen Gefahr drohe. Ich war damals gerade mit der gesamten Mannschaft im Trainingscamp in Šumperk.“
Věra Čáslavská (Foto: Ron Kroon / Anefo, Creative Commons 3.0)
Leute von der Bergwacht halfen Věra Čáslavská damals, sich in einem
Waldstück zu verstecken. Nahezu unbeobachtet von der Außenwelt bereitete
sie sich trotzdem akribisch auf die Spiele in Mexiko vor: der moosbedeckte
Waldboden diente ihr als Bodenmatte, starke Äste ersetzten die Holme eines
Stufenbarrens und gefällte Baumstämme wurden zum provisorischen
Schwebebalken. Zudem trainierte Čáslavská mit Kohlen in den Händen,
damit ihre Schwielen erhalten blieben. Heimlich, aber bestens vorbereitet
schlug sie dann in Mexiko sogar die starken Kontrahentinnen aus der
Sowjetunion:
„Emotional waren das für mich ganz starke und bewegende Momente: Noch ganz frisch war die Okkupation unseres Landes, mit meinen Siegen aber war es gelungen, den Okkupanten einiges heimzuzahlen. Ganz erhebend waren vor allem die Momente, als die tschechoslowakische Hymne gespielt wurde.“
Věra Čáslavská (Foto: Ron Kroon / Anefo, Creative Commons 3.0)
Nach ihrer Rückkehr in die Tschechoslowakei der Normalisierung aber
begann die harte Zeit für die einstige Weltklasse-Turnerin. Als
Befürworterin des Prager Frühlings wurde sie ins Abseits gestoßen;
anstatt junge Nachwuchstalente zu trainieren, musste sie sich unter anderem
als Putzfrau verdingen. Nach der politischen Wende 1989 erlebte Věra
Čáslavská noch einen Höhepunkt in ihrem Leben: Sie gehörte zwei Jahre
lang zum Beraterstab des damaligen Präsidenten Václav Havel. Eine Arbeit,
die ihr Spaß machte, bis eine Familientragödie – nach einem Handgemenge
zwischen Vater und Sohn verstarb ihr Ehemann Josef an den Folgen seiner
schweren Verletzungen – sie aus allen Wolken riss. Věra Čáslavská
lebte danach 16 Jahre lang ziemlich zurückgezogen und mied die
Öffentlichkeit. Vor einiger Zeit aber wagte sie den Sprung zurück ins
Rampenlicht – und hat es nicht bereut. Denn auch heute danken ihr viele
der älteren Menschen in Tschechien, die sie einst bewundert haben, neben
ihrer sportlichen Erfolge vor allem für ihre Aufrichtigkeit und
Tapferkeit. Völlig zu Recht.







