Tagesecho Wahl am 26. Mai 1946 - Glorreicher oder peinlicher Jahrestag für die kommunistische Partei?

26-05-2006 15:56 | Renate Zöller

Heute vor genau sechzig Jahren, am 26. Mai 1946 fanden in der Tschechoslowakei die ersten Wahlen nach dem Krieg statt. In Böhmen bekamen damals die Kommunisten eine klare Mehrheit. Das war das erste deutliche Signal für deren zunehmenden Einfluss, die schließlich in der Machtübernahme 1948 endete. Heute, wenige Tage vor der Parlamentswahl 2006, erinnert sich Tschechien an den historischen Vorläufer. Renate Zöller berichtet.

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Eigentlich müsste es für die kommunistische Partei in Tschechien KSCM ein Feiertag sein: Erstmals in der Geschichte Tschechiens gewann die Partei 1946 die Mehrheit der Stimmen in der Bevölkerung und es war das einzige Mal, dass dies in einer freien, demokratischen Wahl geschah. Die KSCM aber hält sich heute am Jahrestag auffallend zurück. Und das vermutlich zu Recht, denn in der tschechischen Bevölkerung dürfte der historische Anlass kaum als gutes Wahlkampfthema verstanden werden. Er war der erste Schritt auf dem Weg in den Sozialismus sowjetischer Prägung. Und als objektiv galten die Wahlen nicht. Es gab nur vier Parteien zur Auswahl und die Gesellschaft war bereits geprägt von der Volksdemokratie. Mit der lebendigen Demokratie der Ersten Tschechoslowakischen Republik hatte die der Nachkriegszeit wenig gemein, erklärt der Historiker Michal Pehr:

"Diese Wahlen haben in der tschechischen beziehungsweise tschechoslowakischen Geschichte eine besondere Stellung inne. Seit den letzten Parlamentswahlen im Jahr 1935 waren elf Jahre vergangen und diese elf Jahre haben alles verändert. Die Welt war eine komplett andere. Die Wahlen 1946 fanden in der Nachkriegsrepublik der Tschechoslowakei statt, die nicht nur vom Krieg verändert worden war sondern auch von dem politischen System der eingeschränkten Volksdemokratie und dem System der Nationalen Front. Im Unterschied zur Ersten Tschechoslowakischen Republik konnten bei den Wahlen 1946 nur wenige politische Parteien teilnehmen."

Es standen sich vor allem zwei Strömungen in der Gesellschaft gegenüber: Die Demokraten und die Kommunisten. In der Slowakei entschieden sich die Wähler mit 62 Prozent eindeutig für die Demokraten. In Böhmen aber lagen die Kommunisten mit gebietsweise bis zu 50 Prozent vorn. Die Brisanz, die die Entscheidung hatte, dürfte nur Wenigen klar gewesen sein, denn die politischen Ziele schienen zunächst moderat. Pehr sagt:

"Die Demokraten hofften, dass sie den Einfluss auf das Land zurückgewinnen könnten. Und die Kommunisten auf der anderen Seite versprachen sich, ihre Position zu festigen und ihren Einfluss zu vermehren. Unbestritten war es ein Kampf, in dem die gesamte Republik am 26. Mai 1946 über die weitere Entwicklung der Verhältnisse in der Tschechoslowakei entscheiden sollte, auch wenn Viele sich dessen gar nicht bewusst waren. Denn eigentlich sollten es ja nur die ersten aber keinesfalls die letzten demokratischen Wahlen werden."

Ob naiv oder nicht, die Entscheidung der Wähler muss man akzeptieren, in der heutigen Gesellschaft ebenso wie im Rückblick auf 1946. Pehr sagt:

"Allgemein gilt, dass Wahlen in der modernen Gesellschaft ein sehr bedeutender Moment sind. Es ist eine Phase in der die Bürger ihren Willen zum Ausdruck bringen können - und genau das ist auch geschehen bei den Wahlen im Jahr 1946."

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