Tagesecho Vor 60 Jahren begann man den Eisernen Vorhang zu bauen
„Von Stettin an der Ostsee bis Triest am Mittelmeer hat sich ein Eiserner Vorhang auf Europa herabgesenkt. Dahinter liegen all die Hauptstädte der alten Staaten Mittel- und Osteuropas. Warschau, Berlin, Prag, Wien, Budapest, Belgrad, Bukarest und Sofia“, so Winston Churchills in seiner Rede im Westminster College in Fulton 1946. Er prägte er eine politische Metapher für die Systemgrenzen in Europa nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Fünf Jahre später wurde das geflügelte Wort in der Tschechoslowakei zur Realität. Die Zahl der bewaffneten Grenzsoldaten stieg von sechs auf achtzehntausend und das Land wurde mit einem Stacheldraht umgeben.
Foto: Archiv des Sicherheitsdienstes
Am 11. Juli 1951 verabschiedete die Nationalversammlung das Gesetz über
den Schutz der Staatsgrenze. Die totalitäre Tschechoslowakei reagierte
damit auf die massive Emigrationswelle nach der kommunistischen
Machtübernahme 1948. Die Umsetzung des Gesetzes brachte den Aufbau von
Grenzbefestigungsanlagen vor allem an der Grenze zu Westdeutschland und
Österreich. Es wurde festgelegt, dass der Zutritt zu bestimmten Gebieten
verboten beziehungsweise nur mit einer Sondergenehmigung erfolgen durfte.
Dieses „Niemandsland“ reichte manchmal bis zwei Kilometer von der
Staatsgrenze ins Landeinnere. Fast 4500 Menschen mussten ihre Häuser und
Wohnungen in diesen Grenzgebieten verlassen. Eine Ausnahme bei der
Aussiedlung bildeten größere Städte, wie etwa Břeclav in Südmähren,
deren Vernichtung wegen der wirtschaftlichen Bedeutung für die Region
politisch inakzeptabel war.
Ivo Pejčoch
Die eigentlichen Grenzanlagen waren in der Regel durch mehrere Zaunreihen
gesichert. Ein mehrere Meter breiter geharkter Streifen sollte dazu dienen,
die Spuren möglicher Grenzverletzer sichtbar zu machen und damit deren
Verfolgung zu erleichtern. Der Militärhistoriker Ivo Pejčoch erläutert,
dass sich das Befestigungssystem im Laufe von 40 Jahren seiner Existenz
entwickelt und verwandelt hat:
„Anfangs, als man 1951 die Befestigung aufzubauen begann, bestand sie aus drei Reihen. 1952 wurde sie durch todbringende Starkstromleitungen von 2000 bis 6000 Volt und durch Minengürtel ergänzt. Die Minengürtel wurden um 1957 abgeschafft, weil sie sich als wenig wirkungsvoll und zuverlässig erwiesen. Der Strom wurde in den letzten Abschnitten im Jahr 1965 abgeschaltet. Danach wurden die so genannten Signalwände installiert, die mit verschiedenen Sensoren sowie Signal- und Beleuchtungsanlagen ausgestattet waren.“
Im Gesetz von 1951 wurde auch die Tätigkeit der so genannten Grenzwache
verankert. Die Zahl der Grenzschutzsoldaten verdreifachte sich von 6000 auf
18.000. Sie hatten das Recht, zum Schutz der Grenze von der Schusswaffe
Gebrauch zu machen. So wurden bis 1989 fast 300 Zivilisten bei einem
Fluchtversuch an der Grenze erschossen. Aber auch auf Seiten der Armee gab
es Verluste. Ingesamt sind bei der Überwachung der Grenze innerhalb von
vierzig Jahren knapp 650 Soldaten ums Leben gekommen, meistens handelte es
sich dabei um Wehrpflichtige. Aber auch diese Wehrpflichtigen versuchten
– in mehreren Fällen mit Erfolg – über die Grenze zu entkommen.
Jedoch bedeutete es nicht unbedingt die Rettung, wenn man bei der Flucht
das deutsche beziehungsweise österreichische Gebiet erreicht hatte, wie
Ivo Pejčoch weiß:
Alois Jeřábek (Foto: Archiv des Sicherheitsdienstes)
„Das bekannteste Bespiel ist der Fall des Unteroffiziers Alois
Jeřábek, der sich im Januar 1953 zur Flucht entschloss. Er nahm dem
Schützen, der mit ihm auf Wache war, das Patronenmagazin weg, damit dieser
nicht auf ihn schießen konnte. Nachdem er das gegenüberliegende
Staatsgebiet erreicht hatte, glaubte er sich in Sicherheit. Aber die
nächste Patrouille verfolgte ihn und bei einer Schießerei ziemlich tief
im österreichischen Hinterland wurde er in die Lunge getroffen. Jeřábek
wurde daraufhin zurück in das tschechoslowakische Gebiet entführt und im
Dezember 1953 nach einem politischen Prozess hingerichtet.“







